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Protestbrief

Liebe Landwirte: Achtung, falsche Show!

Merkel und Klöckner beim Agrargipfel
am Mittwoch, 04.12.2019 - 12:20 (5 Kommentare)

Liebe Leser, mein Name ist Carsten Matthäus, ich bin seit kurzem als Redaktionsdirektor verantwortlich für die Bereiche Agrar und Forst im Deutschen Landwirtschaftsverlag. Mit offenen Briefen, die ich in loser Folge auf agrarheute.com veröffentliche, will ich auf mögliche Missverständnisse hinweisen. Der zweite Brief geht an Sie.

Liebe Landwirtinnen und Landwirte,

Portrait Carsten Matthäus, Direktionsdirektor Verlagsbereich Argrar und Forst im dlv

das englische Wort „Road Show“ bekommt dieser Tage einen besonderen Klang. Mit „Road Shows“, also der friedlichen Übernahme von Innenstädten mit Traktoren, haben Sie die Landwirte ein Ausrufezeichen gesetzt. Zumindest im übertragenen Sinn haben Sie die Barrieren vor dem Kanzleramt durchbrochen.

Sie hatten nun Ihren Gipfel: 80 Vertreter waren in einem Saal mit Regierungschefin Angela Merkel und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner. Man hörte Ihnen drei Stunden lang zu, es gab 12 Ergebnisse. Die Teilnehmer waren sich danach nicht klar darüber, was das für ein Erfolg war. Die Vertreter von „Land schafft Verbindung“, blickten eher betrübt in die Kamera und sagten, sie hätten eh kaum etwas erwartet. Verbandsvertreter freuten sich auf intensivierte Dialoge und Zukunftskommissionen und darüber, nun an Gesetzgebungsverfahren wie dem zum Insektenschutz beteiligt zu werden.

Die Kraft der Straße

Agrar-Influencer Bauer Willi, der gerade noch zum Schluss des Treffens zu Wort kam, sagte – auch eher betrübt: „Herausgekommen ist eine Roadshow, bei der wir gar nicht wissen, was das bringen soll.“ Friedrich Ostendorff, agrarpolitischer Sprecher der Grünen, formulierte es in seiner Reaktion noch etwas schärfer: „Das in Aussicht gestellte nationale Dialogforum darf keine Road Show der Klöckner‘schen Selbstdarstellung und Augenwischerei werden“.

Und hier liegt vermutlich die entscheidende Gefahr: Dass starke, ja historische, „Road Shows“ von tausenden Traktoren in Berlin und anderswo in Dialogforen und Zukunftskommissionen (auch bekannt als Beruhigungspillen für Protestierende) umgemünzt werden. Dass die Kraft der Straße umgelenkt wird, in Funktionärsrunden und wachsweiche Werbeauftritte artiger Bäuerinnen und Bauern, denen eine nette Ministerin die Hände schüttelt.

Ist es das, wofür Sie auf ihren Treckern mitten in der Nacht losgefahren sind? Sie sind doch die Botschafter einer modernen Generation, die die Arbeit auf dem Land liebt und die dafür kämpft, dass auch der nächsten Generation eine Grundlage für diese Leidenschaft erhalten bleibt.

Verlässliche Rahmenbedingungen sind die Basis

Bauerndemo in Berlin

Angela Merkel und Julia Klöckner sind zwei Polit-Profis, die extrem viel Erfahrung darin haben, Wogen zu glätten. Und mit dem Ergebnis Nummer 1 des Agrargipfels haben sie auch gleich ihr Meisterstück abgeliefert. Der Deutsche Bauernverband und „Land schafft Verbindung“ werden aufgefordert, sich bis Februar auf ein Konzept für eine Zukunftskommission Landwirtschaft zu einigen. So spielt man den Ball geschickt in das Feld des Gegners zurück. Zwei Lobby-Gruppen, die sich bisher nicht wirklich vertraut haben, sollen nun so etwas wie eine große Koalition bilden. Die beiden Damen in Berlin können beruhigt abwarten, was ihnen von den auf Spur gebrachten Bauern-Vertretern serviert wird.

Ist es das, wofür Sie demonstriert haben? Wenn Landwirte „ein Teil der Kultur und der Identität Deutschlands“ sind, wie es die Bundeskanzlerin formuliert hat, dann brauchen Sie für ihre Arbeit ein sicheres Fundament. Diese Grundbasis an verlässlichen Rahmenbedingungen muss von der Politik bereitgestellt werden.

Man kann sie nicht gemeinschaftlich bei einer Bevölkerung einwerben, die überhaupt keine Lust hat, sich ihre Mär vom biologisch-ökologisch-gesunden Tierwohl-Billig-Essen von irgendwem madig machen zu lassen. Genauso wenig wird man jemanden mit Werbung überzeugen können, zugunsten des Klimas freiwillig 3,50 Euro für den Liter Benzin zu bezahlen.

Die Zeit der "Road Shows" ist noch nicht vorbei

Statt immer neuer Regulierungen und Verbote braucht die Landwirtschaft ein solides Mandat. Das ist nicht anders als in anderen vitalen Wirtschaftsbranchen, wo der Wink mit Arbeitsplatzverlusten sofort zu teuren Hilfsprogrammen und langjährigen Garantien führt. Und warum behandelt man Höfe, die gesunde, klimaneutrale Kreisläufe entwickeln, nicht mit der gleichen Wertschätzung wie Startups in einer Großstadt? Damit das passiert, müssen Politikerinnen und Politiker selbst die Chancen der Branche erkennen und fördern, sich also ungefragt hinter die Landwirte stellen und ihnen nicht nur verständnisvoll gegenübersitzen.   

Vermutlich wird es noch viele weitere „Road Shows“ mit lauten Traktoren brauchen, damit im Sinne der Landwirtschaft gehandelt wird und nicht mehr nur darüber geredet.

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