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Protestbrief

Liebe Städter: Einkaufen ist politisch!

Demo in Bonn
am Freitag, 25.10.2019 - 10:20 (Jetzt kommentieren)

Liebe agrarheute-Leser, gestatten Sie, dass ich mich kurz vorstelle: Mein Name ist Carsten Matthäus, ich bin seit kurzem als Redaktionsdirektor verantwortlich für die Bereiche Agrar und Forst im Deutschen Landwirtschaftsverlag. Mit diesen offenen Briefen, die ich in loser Folge auf agrarheute veröffentlichen werde, will ich versuchen zu vermitteln zwischen Ihnen, den Landwirten, und anderen Teilen der Gesellschaft, die sich derzeit etwas weit voneinander entfernen. Der erste Brief geht an Menschen, die in Städten leben.

Liebe Stadtbewohnerin, lieber Stadtbewohner,

Traktoren auf dem Odeonsplatz in München

Sie haben sich in den vergangenen Tagen vielleicht gewundert über die Demonstrationen der Bauern. Diejenigen von Ihnen, die zufällig an den Traktoren vorbeigelaufen sind und die wir befragt haben, haben größtenteils verständnisvoll reagiert. Manche Medien haben allerdings auch gleich wieder getönt, die Bauern wollten damit nur wieder ihre Besitzstände wahren.

Aber so ist es nicht und ich formuliere das jetzt einmal ganz drastisch: 30 Jahre nach dem Mauerfall hat sich eine neue Teilung entwickelt: Die Landwirte haben das Gefühl, nun in einem anderen Teil Deutschlands zu leben als Sie, die in den Städten lebende Bevölkerung.

Immer mal wieder haben Sie vielleicht etwas gehört vom Abkoppeln des ländlichen Raumes und dessen großen Funklöchern oder der Landflucht junger Menschen. Dass jeden Tag laut EU-Kommission 1.000 Höfe zugrunde gehen, haben Sie vielleicht als zwangsläufige Begleiterscheinung von Exportstärke, akademischen Exzellenz-Initiativen und Hochtechnologie-Clustern hingenommen.

Es ist aber leider mehr als ein wirtschaftlicher Strukturwandel. Ein ganzer Teil der Gesellschaft droht gerade wegzubrechen.

Verantwortungsvoll einkaufen

Traktoren vor dem Odeonsplatz

Und hier kommen Sie ins Spiel. Nicht nur bei Volksbegehren für Bienen verhalten Sie sich politisch, sondern auch bei jedem Einkauf von Lebensmitteln. Sie haben sich daran gewöhnt, dass die „unsichtbare Hand des Marktes“ Ihr Leben regiert. Die Marktmechanismen, so hat es Adam Smith vor rund 250 Jahren ein- für allemal beschrieben, sorgen dafür, dass der Eigennutz des Einzelnen „wie von einer unsichtbaren Hand gelenkt“ zum größtmöglichen Nutzen aller beiträgt. Jeder von Ihnen, liebe Stadtbewohner, denkt, dass er mit seinem Konsum, seinen Steuern, seiner Lebensweise ein nützlicher Teil der Gesellschaft ist und alles, was er zum Leben braucht oder haben will, auch zu fairen Preisen bezahlt.

Kein Fair-Trade für deutsche Lebensmittel

Doch bei Lebensmitteln sind die Preise überhaupt nicht mehr fair. Das waren sie nicht bei ausgebeuteten südamerikanischen Kakaobauern (denen man jetzt mit Fair-Trade-Kaffee helfen kann) und das sind sie nicht bei Äpfeln, Birnen, Milchprodukten oder Schweinefilets aus Deutschland. Wie auch? Die Preise sind seit Jahren nicht gestiegen, heute geben Sie prozentual deutlich weniger für Lebensmittel aus als für andere Dinge, die Ihr Leben schöner machen. Vor dem Mauerfall waren es noch knapp 20 Prozent, heute sind es gerade mal 14 Prozent Ihres Nettoeinkommens, das sie für Lebensmittel ausgeben müssen, und zwar inklusive aller Getränke und Genussmittel.

Das ging lange Zeit gut, weil die Landwirte immer effizienter produziert haben und Sie haben, dank der unsichtbaren Hand, nicht mal gemerkt, was im Hintergrund alles passierte, um Ihnen mehr Ware ohne Mehrkosten auf den Tisch zu zaubern. Nur eines von vielen Beispielen: Zwischen 2005 und 2018 haben drei Viertel aller kleinen und mittelgroßen Schweinehalter in Deutschland aufgegeben, weil sie im Preis- und Mengenwettbewerb nicht mehr mithalten konnten. Einfach gesagt: Was gut für Ihr Portemonnaie (die alles entscheidende Größe des freien Marktes) ist, muss nicht unbedingt gut fürs Klima, das Tierwohl, die Umwelt oder die ländliche Kultur sein.

Wenn die Luft zum Atmen fehlt

Natürlich gibt es landwirtschaftliche Betriebe, die auch in diesem Umfeld höchst erfolgreich wirtschaften. Ohne sie wäre eine moderne Lebensmittelversorgung auch gar nicht denkbar. Aber das ist eben nur ein Teil des landwirtschaftlichen Ökosystems. Der andere Teil, die kleinen Betriebe, hat keine Luft zum Atmen mehr, wenn Sie, liebe Stadtbewohner billig einkaufen, Lebensmittel verschwenden und gleichzeitig höchste Standards von „der Landwirtschaft“ einfordern.

Wie soll man einen Betrieb aufrechterhalten, wenn man gleichzeitig ökologischer, klimafreundlicher und damit ineffizienter arbeiten soll, die Preise aber von einer unsichtbaren Hand niedrig gehalten werden – und dann auch noch jeder Zwischenhändler mitverdienen will?

Zum Glück beginnen immer mehr von Ihnen, liebe Stadtbewohner, aus ihrem Traum einer für Gerechtigkeit sorgenden Lebensmittel-Marktwirtschaft aufzuwachen. Es ist gut und richtig, in diesem Bereich die unsichtbare Hand wieder etwas sichtbarer zu machen. Zu verstehen, dass ein Wert entsteht, den der Markt eben nicht abbildet, wenn weniger, nachhaltiger und hochwertiger produziert wird: Regionale Produkte, Saisonware, Gesunde Kreisläufe mit gesunden Lebensmitteln und Ideen, wie man auch angeschubste Mangelware sinnvoll verwerten kann und nicht einfach vernichtet. Das sollten Sie honorieren, mit ihrem ganz persönlichen Machtinstrument, dem Geldbeutel.

Ein erster Schritt ist es, wenn Sie beim Einkaufen nicht mehr allein auf den Preis schauen. Je besser Sie sich informieren, wo Fleisch, Obst, Gemüse, Milch und Getreide herkommen und welche Umweltstandards an den jeweiligen Produktionsorten gelten, umso weniger können ihnen Händler etwas unterjubeln, was den schönen Marketing-Namen nicht verdient, sondern einfach nur unfair billig ist. Auf vielen Bauernhöfen können Sie außerdem direkt einkaufen. Sie bekommen hier zum Teil Waren, deren Qualität weit über allen Standards liegt und für deren Erzeugung der Landwirt die volle Verantwortung übernimmt. Manche von ihnen haben Schauställe gebaut, damit Sie sich vom Tierwohl persönlich überzeugen können. Andere Höfe schaffen es sogar, mehr CO2 zu binden als in die Atmosphäre abzugeben.

Lebensmittel einzukaufen ist heute also wie die Teilnahme an einem Volksbegehren. Es ist ein zutiefst politischer Akt, immer wieder.

Mit freundlichen Grüßen,

Carsten Matthäus

 

 

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