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+++Update+++

Mahnwoche der Landwirte in Berlin: Eindrücke und Begegnungen

Landwirte in Berlin
am Freitag, 19.06.2020 - 05:00 (1 Kommentar)

Wir begleiten die Mahnwoche der Landwirte in Berlin. Jeden Tag sind wir bei Ihnen vor dem Brandenburger Tor und dem Potsdamer Platz zu Besuch. Nicht nur, um zu dokumentieren und berichten, sondern auch, um zuzuhören und ihre Stimmen zu Worte kommen zu lassen.
Die Landwirte sind nun eine Woche in der Hauptstadt und bitten jeweils ab 10 Uhr am Vormittag bis Mitternacht zum Tischgespräch. Anders als die zahlenmäßig beeindruckende Schlepper Massenrally vom November 2019 setzen die Landwirte heuer auf das kommunikative offene Gesprächs- und Informationsformat.

Montag, 15.06.2020: Auftakt

Eine Pressemitteilung kommt Montag morgen raus und bringt alles durcheinander. Land schafft Verbindung distanziert sich darin von den Demonstranten in Berlin. Der Grund: Einige unter ihnen führen die Flagge der Landvolkbewegung von 1929. Das steht in der Kritik, weil die Landvolkbewegung damals auch völkische und antisemitische Töne hatte.

Mein Plan, die Bauern jeden Tag auf der Mahnwache zu besuchen und nach ihren konkreten tagesaktuellen Aktivitäten zu befragen, kam dadurch in Gefahr. Niemand schien zu wissen, wer da demonstrieren würde und wie viele überhaupt kommen.

Um Punkt 10 Uhr waren am Brandenburger Tor fünf Schlepper, zwei Wohnmobile und ein LKW mit Tieflader zu sehen. Dahinter Landwirte im Gespräch mit der Polizei.

 

Schnell bin ich mit Landwirt Markus Blome aus Borken ins Gespräch gekommen. Für ihn war es ein wichtiges Anliegen, die Nöte der Landwirte, die es in Westfalen gibt, hier auf die Agenda des politischen Berlins zu bringen. "Viele weitere Kollegen sind aus ganz Deutschland unterwegs. Jeden Tag der Woche kommen neue hinzu. Ich rechne mit insgesamt 1.500 Demonstranten", sagt er gegenüber agrarheute.

Schade fand er, dass die Verwirrungen und Reaktionen auf den Einsatz der oben genannten Flagge nun abrupt dazu geführt hätten, dass sich deswegen einige Kolleginnen und Kollegen nicht mehr trauen würden überhaupt nach Berlin zu fahren. „Aber was habe ich mit der Aktion da oben in Nordfriesland zu tun?“, fragte er.

Unter den Augen der Polizei bezogen die Schlepper mit ihren Protestschildern den zugewiesenen Platz vis-à-vis des Brandenburger Tors. Die Touristen schauten sich um nach dem Brummen und sahen fasziniert auf die großen Schlepper. Bestes Sommerwetter in Berlin. Dann die kurzfristige Ansage der Polizei, die Landwirte müssten die Seiten wechseln. Weg vom Simsonweg rüber auf die Fläche vor dem Bremer Weg im Tiergarten. Gesagt, getan.

 

Dienstag, 16.06.2020: Die Diskussion um die Fahne

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Morgens auf dem Weg zur Arbeit war noch nicht viel los am Brandenburger Tor. Zwar besetzten die Landwirte schon die Fahrerhäuser ihrer großen Schlepper, aber sie mussten auf die Freigabe ihrer Campus Fläche um Punkt 10 Uhr warten.

Am Nachmittag um 16 Uhr war es dann sehr angenehm im großzügigen Schatten der Bäume des Tiergartens. Dort trafen sich Bürger, Touristen und Interessierte und redeten mit den Landwirten, fragten die Bauern nach ihren Anliegen. Die Flyer gingen gut weg und es fanden viele Gespräche von Mensch zu Mensch statt.

Spontan wollten sich ein paar Landwirte zu 18 Uhr vor der Zentrale des Deutschen Bauernverbandes in der Claire-Waldoff-Straße treffen. Nach ein paar Minuten Aufenthalt vor dem Haus der Land- und Ernährungswirtschaft traten Generalsekretär Krüsken und Leiter Milch/QM Bröger aus ihrem Haus und es entspannte sich eine Diskussion um die Flagge der Landvolkbewegung.

Währenddessen kamen immer mehr Landwirte dazu und die folgende zweistündige Diskussion – zu der auch Vizesekretär Dohme dazu stieß -  war von sehr viel Offenheit und Aufmerksamkeit für den Anderen geprägt. Es ging um Molkereiverträge, Verbandszugehörigkeit und was nun eigentlich mit dem LsV in den verschiedenen Teilen der Republik los ist.

Gegen 20 Uhr einigte man sich auf ein Treffen am Mittwoch 12 Uhr zur Mahnwache am Potsdamer Platz. Unter einer Bedingung: Die Fahne muss eingerollt bleiben.

Mit Material von aheu/B. Knop

Mittwoch, 17.06.2020: Zwischen Frust und Hoffnung

Um 12 Uhr auf dem Potsdamer Platz: Krüsken bleibt zunächst aus. Was war los? Hatte der DBV die Mahnwache versetzt? Nein, keineswegs, Teilnehmer der Mahnwache Berlin hatten entschieden Krüsken wieder auszuladen, zu groß seien die Differenzen und zu wenige der hier protestierenden Bauern fühlten sich überhaupt noch vom DBV vertreten.

Ganz zum Unmut von Hauptorganisator Frank Schmidt aus Perleberg. Er hätte sehr gerne mit Krüsken gesprochen. Bis in den Nachmittag hinein wurde abgewogen, wie man ihn dennoch an den Tisch bekommen könnte. Es könne doch nicht sein, dass man sich „über ein Stück Stoff“ so sehr streitet und darüber redet, während die Landwirte wegen eines ganzen „bunten Blumenstrauß‘“ an Problemen nach Berlin protestieren gefahren sind. Und eben eine Woche bleiben, eine ganze Woche, weil dieser Strauß an Problemen nicht an einem Tag zu lösen sei.

Verfassungsschutz: Fahne und ihre Zeichen seien nicht rechtswidrig

Am Rande kam übrigens noch zutage, dass die ordnungsüberwachende Polizei am Morgen beim Einrücken der Schlepper auf das riesige Plateau vor dem Eingangspavillon Potsdamer Platz zu den Stadtbahnen Berlins die besagte Fahne zunächst beanstandete. Seien das Symbole, die öffentlich zur Schau getragen werden dürfen? Fragte die Polizei und nutzte den kurzen Draht zum Verfassungsschutz und ließ die Angelegenheit klären. Nach Aussagen der Landwirte hatte man 20 Minuten nach Anfrage der Behörde ein "Okay" vom Verfassungsschutz. Die Fahne und ihre Zeichen seien nicht rechtswidrig, bzw. zeigten keine verfassungs- oder staatsfeindlichen Symbole. Obwohl sie im norddeutschen Raum für viel Aufregung und mediale Aufmerksamkeit gesorgt hat, darf sie verwendet werden. Was die Landwirte der Mahnwoche Berlin daraus machen, das sei in ihrer eigenen Verantwortung als deutsche Bundesbürger.

Insgesamt war es am Nachmittag einen entspannte und friedliche Atmosphäre auf dem Potsdamer Platz. Die Landwirte hatten ihren großen Sonnenschirm aufgespannt. Interessierte fragten nach, nahmen die bereit gestellten Giveaways wie Saaten und Infoblätter mit und führten viele gute Gespräche mit den Berlin Touristen und der Berliner Bevölkerung.

Für den Abend hatten sich noch ein paar Politikerinnen und Politiker angekündigt. Am Abend zuvor war schon Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner auf dem Fahrrad vorbeigekommen und konnte von der gut vorbereiteten Gastfreundlichkeit der Landwirte an ihrem Protestcamp profitieren. Bei einem Glas gekühlten Wassers war hier viel mehr die Stimmung eines guten Austauschs wie bei einem Meet & Greet ganz ohne die Hektik des politischen Betriebs und der Terminkalender. 

Donnerstag, 18.06.2020: der Bayernbus ist da!

John Deere Lanz auf dem Potsdamer Platz

Zu Beginn von Tag 4 der Mahnwache in Berlin mussten einige Landwirte zurück auf ihre Betriebe und zu ihren Familien. Dafür kam aber Verstärkung aus Bayern. Und aus Aalen brachten die Landwirte gleich eine Rarität mit, die auf dem Plateau am Potsdamer Platz ihre Runden drehte: ein John Deere-Lanz, der daheim in der schwäbischen Ostalb auch einmal im Jahr mit den dazugehörenden Geräten gezeigt wird. So ging Landwirtschaft schon früher leichter von der Hand. Der Sound des Oldie Schleppers war der schönste weit und breit. Und anfassen durfte man den originalgetreu restaurierten Traktor auch.

Buntes Treiben, gute Gespräche, gemeinsames Picknick, so nutzten die Landwirte die weite Fläche vor dem S-Bahn Pavillon. Sie standen jedem für ein informatives Gespräch zur Verfügung, widerlegten kritische Punkte und überzeugten mit ihren Argumenten. Im Politbusiness nennt man das Arbeit an der Basis. Es läuft bei den Landwirten der Berliner Woche!

Ins Gespräch mit den Bayern mischte sich ein: „Moin!“ Owe Klützke aus Tating berichtete von den Sorgen an der Küste. Nein, vorm Blanken Hans – der Nordsee hat man trotz steigendem Meeresspiegel keine Angst. Deiche und Sielzüge funktionieren und schützen sehr gut vor Hochwasser. Was anderes bereitet Sorgen. Im Video erzählt Owe, warum er nach dem Melken von der Halbinsel Eiderstedt nach Berlin gefahren ist.

Die Öffentlichkeitsarbeit der Bauern ging noch weiter bis in die frische Juninacht hinein. Am Freitag kommt noch mehr Verstärkung. Das protestierende Transport- und Logistikwesen hat sich als Verbündeter angekündigt.

 

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Freitag, 19.06.2020: Konzept geht voll auf

Passanten treffen in Berlin auf Landwirte

Zu Beginn des fünften Tages konnten sich die Besucher bei Käse und frischer Milch stärken. Trotz frischer Witterung waren wieder viele der Landwirte im Gespräch auf dem Potsdamer Platz. Organisator Frank Schmidt bestätigte den guten Zuspruch der vergangenen Tage: „Weit über 80 Prozent der Treffen hier waren positiv.“ Die Idee der Landwirte mit ihrem einwöchigen Campus in der Stadt ins Gespräch zu kommen, hat sehr gut funktioniert: „Unser Konzept ist voll aufgegangen. Das war jeden Tag ein voller Erfolg!“       

Die Landwirte haben in der Berliner Woche viel zugehört, diskutiert und gestritten – auch untereinander. Sie haben genau hingeschaut und wissen jetzt besser, was bei den Städtern ankommt. Sie wollen ihre Idee vom „zu Tisch Bitten“ fort- und weiterentwickeln. Wie diese neuen Formate der Mahnwache aussehen, das wollten sie noch nicht verraten. Was am Ende dieser engagierten und aufregenden Woche bleibt, ist wohl der Satz: „Wir sehen uns wieder!“ 

Mahnwache der Landwirte in Berlin

Kommentar

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