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Welternährungstag

Neue Herausforderungen im Kampf gegen den Hunger

landwirtin-afrika
am Freitag, 16.10.2020 - 09:20 (Jetzt kommentieren)

Am 16. Oktober ist Welternährungstag. agrarheute nimmt das zum Anlass, zu schauen, wie sich die weltweite Ernährungssicherheit entwickelt, welchen Einfluss Covid-19 auf den Hunger in der Welt hat und welche neuen Problemlösungsansätze es gibt.

Die Welthungerhilfe (WHH) hat den Welternährungstag 2020 zum Anlass genommen, die neuesten Zahlen zum Hunger-Index zu veröffentlichen. Das Ergebnis ist bedrückend. Vor allem bedingt durch den Klimawandel und ganz aktuell durch die Corona-Pandemie, haben die hoffnungsträchtigen Entwicklungen der vergangenen Jahre eine Trendwende vollzogen.

Unter der Überschrift "Fortschritte und Rückschritte" konstatiert die WHH, dass die Situation in vielen Entwicklungsländern trotz jahrelangem Positivtrend extrem anfällig für die Folgen der Gesundheits-, Wirtschafts- und Umweltkrisen des Jahres 2020 sei. Selbst vor Beginn der Corona-Pandemie hätten deshalb die weltweiten Fortschritte in der Hungerbekämpfung nicht ausgereicht, um das Ziel der Vereinten Nationen (UN) – "Zero Hunger by 2030" ("Null Hunger ab 2030") – zu erreichen.

Der Ausbruch von Covid-19 hat die ärmsten Regionen der Welt nun zusätzlich extrem stark getroffen.

Welthungerhilfe schlägt Alarm: Elf Länder in akuter Not

Karte Welthunger-Index

In elf Ländern der Welt wird der Hunger-Index 2020 als "sehr ernst" eingestuft (siehe Grafik):

  • Tschad,
  • Ost-Timor, 
  • Madagaskar, 
  • Burundi,
  • Zentralafrikanische Republik,
  • Komoren,
  • Demokratische Republik Kongo,
  • Somalia, Südsudan,
  • Syrien und
  • Jemen.

"Vielen ländlichen Gemeinschaften, indigenen Völkern, Frauen und Randgruppen fehlt es an sicherem Zugang zu Land und landwirtschaftlicher Bildung. Und mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung ist im Krisenfall nicht sozial abgesichert", schreibt die Welthungerhilfe auf ihrer Website. Um das Recht auf eine ausreichende und gesunde Ernährung für alle zu gewährleisten, sei ein "integrierter Ansatz der Bereiche Gesundheit, Landwirtschaft und Ernährung" erforderlich.

Eine Welt ohne Hunger – die Ressourcen sind vorhanden

Im Vorfeld des Welternährungstages veranstaltete das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) am Dienstag eine international hochrangig besetzte Videokonferenz zum Thema "Eine Welt ohne Hunger ist möglich – Was zu tun ist". Dabei wurden zwei neue Studien (SDG2, Ceres2030) zu den Chancen einer Welt ohne Hunger bis 2030 vorgestellt, die unter anderem von der Cornell University (Ithaka/USA), der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), des International Food Policy Research Institute und des Zentrums für Entwicklungsforschung der Universität Bonn (ZEF) erstellt worden waren.

Kernaussage beider Studien: Der Planet habe die Ressourcen, 10 Mrd. Menschen zu ernähren. Es bedürfe für die Realisierung dieser Aufgabe allerdings einer "grünen Agrarrevolution", wie sie Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) Anfang dieser Woche gefordert hatte, und zusätzlicher Investitionen der Industrieländer von jährlich 14 Mrd. US-Dollar.

Nahrungsmittelverschwendung als Kernproblem

Der Direktor des Zentrums für Entwicklungsforschung, Prof Dr. Joachim von Braun, zeigte in seinem Vortrag auf der Konferenz, welche Kriterien Länder in den vergangenen Jahren dazu befähigt haben, den Hunger in ihrer Bevölkerung zu verringern. Dazu gehörten gesamtökonomisches und landwirtschaftliches Wachstum, eine verbesserte Bildung und gesundheitliche Versorgung und eine Leistungsfähigkeit im Ackerbau, die um rund 80 Prozent über dem Durchschnitt der Entwicklungsländer lag.

Ein weiterer Sprecher der Konferenz war der Wirtschaftsnobelpreisträger von 2019, Prof. Dr. Abhijit Vinayak Banerjee. Er konzentrierte sich unter anderem auf das Problem der Nahrungsmittelverschwendung. Mit nur einem Drittel nicht genutzten oder weggeworfenen Lebensmittel ließen sich die Hungernden der Welt ernähren, erklärte Banerjee. Dabei sei zu unterscheiden zwischen der Nahrungsmittelverschwendung durch Überangebote und Luxuskauf in den Industriestaaten, die vor allem zu einer unnötigen Ressourcen- und Umweltbelastung führe, aber auf den Hunger in der Welt wenig Einfluss habe. Im Gegenteil: Eine Verringerung der Verluste in den reichen Staaten senke die Menge der Importe aus Entwicklungsländern und schade dort sogar. Dagegen gingen in armen Ländern 30 bis 40 Prozent der Nahrungsmittel infolge schlechter Transport- und Lagerinfrastruktur verloren. Und hier, so Banerjee, ließe sich mit entsprechenden Investitionen viel erreichen.

Modernen Technologien gegen Hunger, Krieg und Flucht

Auch Microsoft-Gründer Bill Gates referierte auf der Veranstaltung. Er forderte vor allem Investitionen in eine Forschung, die die Landwirtschaft widerstandsfähiger gegen die Auswirkungen des Klimawandels mache. Ein verstärkter finanzieller Einsatz der internationalen Gemeinschaft auf Gebieten wie landwirtschaftliche Forschung und Beratung könne ungeheure positive Folgen haben. Dabei ginge es beispielsweise um eine nachhaltige Produktivität in der Tierhaltung und um Nutzpflanzensorten mit besserer Beständigkeit gegen Dürre, Krankheiten und Schädlinge.

Wie wichtig die Hungerbekämpfung in den ärmsten Regionen der Welt auch für andere Länder sei, betonte die ruandische Agrarwissenschaftlerin und UN-Sondergesandte Dr. Agnes Kalibata. Nahrungsmangel und Umweltzerstörung seien Hauptursachen für die Entwicklung von Krisenherden und die Flucht von Menschen aus den betroffenen Gebieten. Hunger sei deshalb ein globales Problem, das gemeinsam angegangen werden müsse. Dazu müssten die Industriestaaten ihren Beitrag leisten, aber stets unter Einbindung der betroffenen Länder und ihrer Menschen.

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