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Pflanzenschutzmittelabsatz 2019

Niedrigste Verkaufsmenge an Pflanzenschutzmitteln seit 20 Jahren

Julia Klöckner bei der Pressekonferenz am 12. August 2020
am Mittwoch, 12.08.2020 - 15:47 (Jetzt kommentieren)

Im letzten Jahr war die verkaufte Menge an Pflanzenschutzmitteln so gering wie seit 20 Jahren nicht mehr, teilte Bundesministerin Klöckner bei ihrer Pressekonferenz mit. Gemeinsam mit dem Präsidenten des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) Friedel Cramer stellte sie den Jahresbericht zum Absatz an Pflanzenschutzmitteln vor.

Gegenüber dem Vorjahr nahm die verkaufte Pflanzenschutzmittelmenge nochmals um 6,7 Prozent ab, berichtete Klöckner. Teilweise sei diese Entwicklung den trockenen Bedingungen im letzten Jahr zuzuschreiben.

Bei den Fungiziden betrug der Verkaufsrückgang im Vergleich zum Vorjahr 10 Prozent. Damit tragen die Fungizide einen erheblichen Teil zur Gesamtentwicklung bei.
Während der Absatz bei den Herbiziden insgesamt um 6,5 Prozent zurückging, verringerte er sich speziell bei den Pflanzenschutzmitteln mit dem Wirkstoff Glyphosat um 11,3 Prozent. Beim Glyphosat und bei den Herbiziden im Allgemeinen setze sich ein Abwärtstrend fort, der mittlerweile seit acht Jahren anhält, betonte Klöckner.

Aus den Zahlen zog BVL-Präsident Cramer die Schlussfolgerung, dass Landwirte, Gärtner und Hobbygärtner im vergangenen Jahr verantwortungsbewusster mit Pflanzenschutzmitteln umgegangen sind.

So wenig wie möglich, so viel wie nötig

„Ohne Pflanzenschutzmittel wird es nicht funktionieren“, stellte die Bundesministerin klar. Den Einsatz weiter zu reduzieren, sei jedoch erklärtes Ziel des Landwirtschaftsministeriums (BMEL). Zudem würden die Wirkstoffe im engmaschigen System für ihre Zulassung und Verlängerung „immer wieder auf den Prüfstand gestellt“.

Neben der Trockenheit führte Klöckner noch drei weitere Punkte an, auf die die geringen Verkaufszahlen für Pflanzenschutzmittel im letzten Jahr zurückzuführen seien: Fortschritte in der Züchtung steigerten die Resistenz von Pflanzen gegenüber verschiedenen Schadfaktoren. Hier forderte Klöckner, sich gegenüber neuen Methoden wie CRISPR/Cas nicht zu verschließen. Darüber hinaus griffen Landwirte vermehrt auf Alternativen wie den biologischen Pflanzenschutz zurück. Von großer Bedeutung sei außerdem die Digitalisierung mit ihren erzielten technischen Fortschritten.

Tiefer Griff in die Staatskasse für den alternativen Pflanzenschutz

Eine Reihe von Maßnahmen zählte die Bundesministerin auf, mit den das BMEL den Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel weiter reduzieren will. Insbesondere stehen für die Förderung des biologischen und nicht-chemischen Pflanzenschutzes für den Zeitraum von 2017 bis 2023 Mittel in Höhe von 23 Mio. Euro zu Verfügung. Verschiedene Projekte zur Verringerung des Pflanzenschutzmitteleinsatzes fördert das BMEL mit 14,5 Mio. Euro.

Klöckner wies auf die Beteiligung des BMEL an verschiedenen Forschungsvorhaben zum alternativen Pflanzenschutz hin. Beispielsweise werde bei der Zuckerrübe an Resistenzen gegenüber Vergilbungsviren, die durch Blattläuse übertragen werden, gearbeitet.

Kein Totalverbot von Glyphosat

BVL-Präsident Friedel Cramer bei der Pressekonferenz vom 12. August 2020

BVL-Präsident Friedel Cramer bezifferte den Rückgang beim Wirkstoff Glyphosat von 4.700 Tonnen im Jahr 2017 auf 3.059 Tonnen im Jahr 2019. Ein Totalverbot von Glyphosat könne aber nicht ausgesprochen werden, hob Cramer hervor.

Klöckner teilte mit, dass das BMEL eine Minderungsstrategie für Glyphosat erarbeitet und dem Bundesumweltministerium (BMU) bereits vorgelegt hat. Eine Reaktion vom BMU werde jetzt erwartet.

DBV optimistisch, BMU skeptisch

Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV), sieht im Ergebnis des Jahresberichtes eine positive Entwicklung. Die Zahlen bewiesen die Bemühungen der Landwirte, "Pflanzenschutzmittel gezielter und effizienter einzusetzen". 

Auch der Industrieverband Agrar (IVA) beruft sich auf die gute  und funktionierende  fachliche Praxis. "Wir sehen, dass das Prinzip des Integrierten Pflanzenschutzes – so viel wie nötig, so wenig wie möglich – in der Praxis funktioniert", sagt IVA-Hauptgeschäftsführer Frank Gemmer. Zudem sei es nur durch den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln möglich, Totalausfälle zu verhindern. Dies habe beispielsweise das Jahr 2016 gezeigt, als vielerorts nach einem nassen Frühsommer die Wein- und Kartoffelernte nur durch gezielten Pflanzenschutz gesichert werden konnte. 

Verhaltener fällt die Reaktion des Umweltbundesamtes (UBA) aus. Da der Absatz von Pflanzenschutzmitteln von Jahr zu Jahr schwanke, könne noch keine Entwarnung gegeben werden. UBA-Präsident Dirk Messner kritisiert außerdem, dass "wir immer noch einen Absatz auf sehr hohem Niveau, auch im Vergleich zu vielen anderen Mitgliedstaaten der EU" hätten. Die Maßnahmen des BMEL seien nicht ausreichend.

NABU fordert Insektenschutz

NABU-Präsident Jörg-Andreas Krüger führt den Verkaufsrückgang allein auf die Trockenheit des letzten Jahres zurück - daher könne Klöckner die Zahlen nicht als ihren Erfolg verbuchen.

Darüber hinaus sei der Pflanzenschutzmitteleinsatz eine wichtige Ursache für den fortschreitenden Insektenschwund. Krüger fordert, dass "das Landwirtschaftsministerium aktiv werden und das von der Bundesregierung beschlossene Aktionsprogramm Insektenschutz umsetzen" müsse. 

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