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Nobelpreis für Welternährungsprogramm ist eine verpasste Chance

Nahrungsausgabe Welternährungsprogramm
am Freitag, 09.10.2020 - 22:50 (1 Kommentar)

Es ist gut und richtig, dass ein Akteur im Kampf gegen den Hunger auf der Welt mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wird. Aber statt dem Welternährungsprogramm, dem „Mercedes-Benz“ unter den Hilfsorganisationen, hätte er andern mehr geholfen.

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen ist als Organisation eine Erfolgsgeschichte. Es hat ein Jahresbudget von gut 6 Mrd. US-$, das rein freiwillig bezahlt wird, eine Präsenz in 88 Ländern und eine illustre Liste von Unterstützern, die von Mastercard bis zu prominenten Schauspielern reichen. Gewiss, die Aufgabe ist groß und niemand soll verhungern müssen.

Der Hintergedanke hinter dem Welternährungsprogramm

Aber den größten Teil seiner knapp 60jährigen Geschichte hat das Welternährungsprogramm nicht viel mehr gemacht, als Nahrung zu verteilen. Das ist gut, hilft aber armen Ländern nicht gerade, selbst eine starke Landwirtschaft aufzubauen. Noch heute ist eine der wichtigsten Aufgaben des Welternährungsprogrammes, Nahrungsmittel zu kaufen (und den Hungernden zu bringen).

Simon Michel-Berger

Hinzu kommen Hintergedanken, die einige der Geldgeber des Welternährungsprogrammes durchaus haben. Nehmen wir die USA, den größten Spender. Bis vor wenigen Jahren mussten drei Viertel der amerikanischen Hilfsgelder per Gesetz für amerikanische Lebensmittel ausgegeben, in amerikanische Säcke verpackt und auf amerikanischen Lastwägen bzw. Schiffen transportiert werden. Immer noch eine Hilfe. Aber noch mehr wäre erreicht worden, wenn die USA Geld gegeben und die Lebensmittel am freien Markt hätten gekauft werden können. Ein wenig hat sich die Lage seit einer Reform im Jahr 2014 geändert. Nun sind es nicht mehr 75 % sondern nur noch 55 % der US-Hilfen, die ausschließlich für amerikanische Produkte ausgegeben werden müssen. Ein praktischer Weg, Überschussproduktion zu einem ordentlichen Preis und unter legaler Umgehung der Regeln der Welthandelsorganisation loszuschlagen.

Hilfe zur Selbsthilfe statt Abhängigkeiten

Das alles sind keine Argumente dafür, die Hilfen des Welternährungsprogrammes einzustellen. Sie werden gebraucht. Aber einen Nobelpreis haben in meinen Augen andere noch mehr verdient: Diejenigen, die sich für den Aufbau einer nachhaltigen Landwirtschaft weltweit einsetzen, für Hilfe zur Selbsthilfe. Das könnten so altehrwürdige Organisationen wie die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen sein, der Internationale Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung – dessen Aufgabe es ist, in Menschen im ländlichen Raum zu investieren – oder eine der zahllosen kleineren Organisationen, die sich überall auf der Welt dafür einsetzen, dass Landwirte eine Chance bekommen, von ihrer Arbeit leben zu können.

Es gibt auch kaum bekannte kleine Helfer

Stellvertretend für viele andere seien hier nur ein paar genannt, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten helfen - durch Dialog, Aktion oder Forschung: PAFO in Afrika, JA Zenchu in Asien, AgriCord in Europa, RIMISP in Südamerika oder IFPRI in Nordamerika. Den stilleren, kleinen Helfern hätte eine Würdigung wie der Nobelpreis einen größeren Anschub gegeben, als einer der größten Hilfsorganisationen des Planeten.

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