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+++ Aktualisiert: 13:10 Uhr +++

Mehr Tierwohl geht für 5 Cent pro Mahlzeit

Stallanlage
am Montag, 03.05.2021 - 10:55 (4 Kommentare)

Das Konzept der sogenannten Borchert-Kommission für einen tierwohlorientierten Umbau der Nutztierhaltung kann funktionieren – zu vertretbaren Kosten. Das bestätigt eine Studie des Thünen-Instituts. Jetzt soll die Politik schnell die Finanzierung klären.

Prof. Folkhard Isermeyer

Die Bundesregierung sollte das Konzept der Borchert-Kommission zum Umbau der Nutztierhaltung in Deutschland weiter verfolgen. Das empfiehlt Prof. Folkhard Isermeyer, der Präsident des Thünen-Instituts. Isermeyer überreichte Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner heute in Berlin eine fast 200 Seiten umfassende Folgenabschätzung der Empfehlungen des Kompetenznetzwerks Nutztierhaltung.

Isermeyer zufolge werden die Produktionskosten in der Tierhaltung um 10 bis 20 Prozent steigen, wenn die gesamte Nutztierhaltung auf die höchsten Tierwohlstufen 2 und 3 umgestellt wird. Die Kosten für die Gesellschaft bezifferte Isermeyer auf 3 Mrd. bis 4 Mrd. Euro pro Jahr. „Das klingt zunächst viel, bedeutet aber, dass mehr Tierwohl schon für 5 Cent pro Mahlzeit zu haben ist“, sagte der Thünen-Präsident.

Fraktionen sollen die Finanzierung noch vor der Wahl klären

Julia Klöckner

Klöckner sieht sich durch das Gutachten bestätigt. Zur Finanzierung der Mehrkosten setzt sie auf eine Anhebung der Mehrwertsteuer für tierische Lebensmittel von jetzt 7 Prozent auf 19 Prozent oder die Einführung einer Verbrauchsteuer für tierische Lebensmittel. Die Finanzierung über einen „Tierwohl-Soli“ hält die CDU-Politikerin für nicht mehrheitsfähig.

Klöckner forderte die Fraktionen im Bundestag auf, sich noch vor der Wahl im September auf ein Finanzierungsmodell zu einigen. Ihren Angaben zufolge arbeitet ihr Ministerium bereits an einem Entwurf für langfristige Umsetzungsverträge mit den Landwirten.

Ex-Bundeslandwirtschaftsminister Jochen Borchert unterstrich in der Pressekonferenz, dass der Umbau der Tierhaltung bei den Landwirten nur bei einer vertraglichen Absicherung auf Akzeptanz stoßen werde. Borchert betonte zudem: „Wir brauchen jetzt die politische Entscheidung der Fraktionen über die Finanzierung.“

Nur jeder achte Tierhalter wird bis 2040 durchhalten

Im Februar 2020 hatte die Borchert-Kommission bekanntlich drei Tierwohlstufen vorgeschlagen. Ab 2040 sollen alle Nutztiere mindestens in der Stufe 2 gehalten werden. Die landwirtschaftlichen Betriebe sollen durch Investitionsförderung, Tierwohlprämien und eine staatliche Produktkennzeichnung in die Lage versetzt werden, ihre Tierhaltung auf die neuen Ziele auszurichten.

Forscher des Thünen-Instituts haben dazu die heute vorgelegte Politikfolgenabschätzung erarbeitet.

Zwei Kernaussagen stechen aus der Untersuchung hervor:

  1. Wenn die gesamte Nutztierhaltung in Deutschland auf Tierwohlstufe 2 oder höher gehoben werden soll, wird das nur dann ohne Verlagerung der Produktion ins Ausland funktionieren, wenn der Staat allen Tierhaltern eine vertraglich gesicherte Tierwohlprämie anbietet.
  2. Den Strukturwandel wird das dennoch kaum beeinflussen. Die Zahl der Rinder- und Schweinehaltungen wird bis 2040 voraussichtlich trotzdem unter 20.000 fallen, von derzeit etwas über 150.000. Das bedeutet, nur jeder achte Profi-Tierhalter wird die kommenden 20 Jahre durchstehen.

Extrem hohe Mehrkosten in der Bio-Sauenhaltung

Die Wissenschaftler des Thünen-Instituts verweisen darauf, dass die Untersuchung angesichts der vielen noch offenen Fragen nur ein Zwischenergebnis liefern könne. Die Prognosen hätten – auch aufgrund des langen Prognosezeitraums – mitunter spekulativen Charakter.

Im Ergebnis zeigt die Untersuchung, dass die Produktionskosten in den Tierwohlstufen 2 und 3 bei Milchkühen um 9 bis 16 Prozent und bei Mastrindern um 12 bis 14 Prozent höher ausfallen. Mehrkosten entstehen vor allem durch einen höheren Arbeitsaufwand, höhere Materialkosten, eine geringere Besatzdichte und teilweise geringere Tierleistungen.

Bei Mastschweinen beträgt das Kostenplus 10 bis 14 Prozent. In der Sauenhaltung würden die Kosten um 25 bis 31 Prozent in die Höhe schießen. Sollte die Tierwohlstufe 3 der Ökostufe entsprechen, wären in der Sauenhaltung sogar Mehrkosten von 75 Prozent fällig. Den sehr hohen Wert führen die Wissenschaftler im Wesentlichen auf eine deutlich geringere Produktivität infolge hoher Ferkelverluste zurück.

Eine Produktkennzeichnung allein wird nicht ausreichen

Die Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass allein mit Hilfe einer Tierwohlkennzeichnung nur ein relativ kleiner Teil der Tierhaltung auf ein höheres Tierwohlniveau gehoben werden könnte. Das hat damit zu tun, dass die Verbraucher – entgegen ihren Aussagen in Meinungsumfragen – im Geschäft überwiegend nach dem Preis einkaufen. Wenn also das Ziel der Borchert-Kommission, den gesamten Nutztiersektor umzustellen, erreicht werden soll, werden ordnungsrechtliche Maßnahmen, Investitionsförderung und Tierwohlprämien hinzukommen müssen.

Der Staat soll mit jedem Tierhalter einen Vertrag schließen

Gerade die Festlegung der Tierwohlprämie halten die Forscher aber für eine doppelt riskante Angelegenheit: wird sie zu hoch festgelegt, kann sie zu einer Expansion der Tierhaltung führen und schwierige politische Debatten auslösen. Wird sie zu niedrig festgelegt, wird die angestrebte vollständige Umstellung des Nutztiersektors nicht erreicht.

Wegen dieser Unsicherheit spricht aus Sicht der Wissenschaftler viel dafür, dass die Politik die Tierwohlprämie anpassen können soll.

Damit die landwirtschaftlichen Betriebe dennoch eine ausreichend hohe Planungssicherheit erhalten, soll der Staat mit jedem einzelnen investierenden Unternehmen einen Vertrag schließen, der die Tierwohlprämie längerfristig festschreibt. Dazu soll auf EU-Ebene durchgesetzt werden, dass Fördervereinbarungen auch die derzeit geltenden 7-Jahre-Zeiträume überschreiten dürfen.

Stimmen Sie ab: Wird die Tierwohl-Strategie umgesetzt?

Was glauben Sie: Wird die Strategie der Borchert-Kommission für mehr Tierwohl umgesetzt?

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