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Kohlenstoffbindung in der Landwirtschaft

Özdemir bremst auf EU-Ebene beim Geschäftsmodell Carbon Farming

Cem Özdemir auf einem Bauernhof
am Dienstag, 19.04.2022 - 11:47 (9 Kommentare)

Die EU sieht in der Kohlenstoffspeicherung für Landwirte ein mögliches Geschäftsmodell mit Zukunft. Deutschland bremst jedoch in Brüssel. Ausgerechnet der grüne Agrarminister Cem Özdemir ist von den Plänen der EU-Kommission zum Carbon Farming nicht überzeugt.

Seine grundlegenden Bedenken gegen die Kohlenstoffbindung im Boden brachte Özdemir jetzt in einer Protokollerklärung im EU-Agrarrat zum Ausdruck. Zwar trug der Bundeslandwirtschaftsminister die gemeinsame Haltung seiner EU-Kollegen mit.

Als einziger Mitgliedstaat äußerte sich Deutschland in der ausführlichen Protokollnotiz jedoch sehr kritisch zu den Plänen der EU-Kommission für „nachhaltige Kohlenstoffkreisläufe“. Damit begab sich der Bundesminister erneut, wie schon in der Frage der Nutzung der ökologischen Vorrangflächen (ÖVF), auf dem Brüsseler Parkett in eine Außenseiterrolle.

EU-Kommission sieht Landwirtschaft in einer Schlüsselrolle

Ende 2021 hatte die EU-Kommission ihre Mitteilung „Nachhaltige Kohlenstoffkreisläufe“ präsentiert. Darin wird ein Aktionsplan zum Entzug von klimaschädlichem Kohlendioxid (CO2) aus der Atmosphäre beschrieben. Der Land- und Forstwirtschaft kommt darin eine Schlüsselrolle zu. Landwirte, die nachweislich Kohlenstoff im Boden binden, sollen dafür belohnt werden.

Die EU-Agrarminister begrüßten diesen Ansatz bei ihrem Treffen Anfang April. Konkret äußerten sie ihre Unterstützung für den Ansatz, die klimaeffiziente Landwirtschaft als neues freiwilliges „grünes Geschäftsmodell“ anzulegen, mit dem eine weitere Einnahmequelle für die Landbewirtschafter erschlossen werden könne.

Unternehmen bieten Einstieg in den CO2-Zertifikatehandel

Tatsächlich haben verschiedene Unternehmen längst Modelle zur Zertifizierung und Entlohnung der CO2-Bindung in der Land- und Forstwirtschaft in den Markt eingeführt. Dabei sind nicht nur kleine Start-ups engagiert.

Der Bayer-Konzern startete im Juli 2021 eine „Carbon Initiative“: 28 Landwirte aus acht europäischen Ländern nehmen mit zusammen rund 500 Hektar an dem Programm teil.

Die niederländische Rabobank legte im vergangenen Herbst ein Pilotprojekt auf. Teilnehmende Landwirte verpflichten sich zu bestimmten klimafreundlichen Maßnahmen. Im Jahr 2024 wird der Kohlenstoffgehalt im Boden gemessen und mit Proben aus dem Ausgangsjahr 2021 verglichen. Pro Tonne CO2-Bindung erhält der Landwirt 40 Euro.

In diesem Monat ging zudem die KlimaHumus GmbH mit einem Zertifizierungskonzept an den Start. KlimaHumus ist ein Joint Venture der RWZ Köln, der Stiftung Lebensraum und der First Climate AG.

Özdemir hält neues Geschäftsmodell für verfrüht

Doch Bundeslandwirtschaftsminister Özdemir sieht diese Modelle skeptisch. Im EU-Agrarrat gab er zu Protokoll: „Eine grundsätzliche Begrüßung von Carbon Farming als neues grünes Geschäftsmodell erscheint verfrüht“.

Nach seiner Auffassung sollte die Kohlenstoffbindung in der Landwirtschaft nur zertifiziert und gefördert werden, wenn damit ein positiver Beitrag zum Erhalt der Biodiversität verbunden ist. Als wesentliche Forderung der Bundesregierung ließ Özdemir festhalten, dass für die Finanzierung von Carbon Farming keine zusätzlichen EU-Finanzmittel in Anspruch genommen werden.

Außerdem müsse bei der Vergütung nicht nur die Speicherleistung, sondern auch die Freisetzung von Kohlendioxid berücksichtigt werden.

Landnutzer sollen CO2-Emissionen anderer Sektoren nicht kompensieren

Damit stellt sich der Bundeslandwirtschaftsminister der Entwicklung eines neuen Geschäftsmodells für Landwirte durch den Handel mit CO2-Zertifikaten in der Europäischen Union in den Weg – als einziger Agrarminister in der Gemeinschaft.

Seiner Meinung nach darf „die Landnutzung nicht dazu herangezogen werden, die CO2-Emissionen anderer Sektoren zu kompensieren“, so Özdemir anlässlich der Vorlage des Sachstandsberichts des Weltklimarates (IPCC) Anfang April. Das ist aber genau der Grundgedanke des Handels mit CO2-Zertifikaten als marktwirtschaftlichem Instrument für einen möglichst effizienten Klimaschutz.

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