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Kommentar

Ohne Ökonomie führt die Reise zur Nachhaltigkeit in die Knechtschaft

Geld-Pflanze-Haende
am Sonntag, 13.12.2020 - 05:00 (2 Kommentare)

Lange galt das Nachhaltigkeitsdreieck, in dem Ökonomie, Ökologie und Soziales gleichberechtigt waren. Schon in der aktuellen Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung gibt es eine andere Definition. Eine neue Version der Strategie wird derzeit diskutiert.

Vor Kurzem habe ich an einem interessanten Seminar von Naturland zur Landwirtschaft im Jahre 2030 teilgenommen. Einer der Referenten war Prof. Dr. Günter Bachmann, ehemaliger Generalsekretär des Rats für Nachhaltige Entwicklung. Professor Bachmann erklärte frank und frei, wie froh er sei, dass Nachhaltigkeit von der Bundesregierung nicht mehr als ein Haus mit den drei Säulen Ökonomie, Ökologie und Sozialem gesehen werde.

Simon Michel-Berger

In der Tat taucht dieses bewährte Nachhaltigkeitsdreieck schon in der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie von 2018 nicht mehr auf. Stattdessen ist dort die Rede von zahlreichen Einzelindikatoren, darunter die 17 Ziele der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung. Für Ökonomie ist darin nur noch Platz als eines von sechs gleichrangigen Prinzipien, nämlich „nachhaltiges Wirtschaften stärken“. Eigentlich sollte es bereits 2020 eine Weiterentwicklung dieser Strategie geben, sie wird nun frühestens 2021 kommen. Deutschland muss sehr aufpassen, sich dabei vor lauter neuen Indikatoren nicht restlos davon zu verabschieden, dass Wirtschaftlichkeit auch eine zentrale Rolle spielt.

Die Schattenseite des Green Deal

Wohin es führt, wenn Ökologie bei der Nachhaltigkeit den absoluten Vorrang vor Ökonomie bekommt, sieht man an den zu erwartenden Auswirkungen der Vorschläge der EU-Kommission für den Green Deal im Agrarbereich: Ein Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion in der EU um 7 bis 12 %, ein Wohlstandsverlust von mindestens 96 Milliarden US-Dollar und zumindest 22 Millionen Menschen weltweit, deren Nahrungsversorgung nicht mehr gesichert wäre. Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls das US-Landwirtschaftsministerium in einer Studie zu den Folgen des Green Deal.

Das heißt nicht, dass sich die Landwirtschaft in der EU nicht verändern darf. Sie muss es sogar tun, denn viele Landwirte sehen die Branche in der Krise: Schlechte Erzeugerpreise und das Gefühl fehlender Wertschätzung sind nur zwei Aspekte. Auch die Leistungen der Landwirtschaft für die Ökologie kann man weiter verbessern. Was genau getan werden sollte, darüber gehen die Meinungen auseinander. Einig sind sich aber alle Seiten, dass bei einer Veränderung zu mehr Nachhaltigkeit „die Gesellschaft“ mitgenommen werden muss.

Was will „die Gesellschaft“?

Doch was will „die Gesellschaft“ überhaupt? Man kann an dieser Stelle von Megatrends wie Urbanisierung oder Klimaschutz sprechen. Aber viel fundamentaler geht es doch darum, ob der einzelne Mensch für alle das Beste will und nur besser informiert werden muss, um nach dieser Maxime zu handeln. Oder ob er seinen eigenen Vorteil will und sich das auch durch besseres Wissen nur wenig ändert.

Ich gehe von der zweiten Lesart aus. Denn der Verbraucher sagt zwar, dass sie oder er gerne mehr für Lebensmittel bezahlen würde, tut es dann aber im Allgemeinen nicht. Jedenfalls nicht, solange nicht ein Mehr an Leistung für sie oder ihn herausspringt. Wenn aber jemand mehr Leistung zum Nulltarif anbietet - weil die Mehrkosten auf Dritte abgewälzt werden, die sich nicht wehren können - dann finden sich immer Verbraucher, die gerne zugreifen.

Bleibt die Frage, ob das Zusammentreffen der eigennützigen Wünsche aller Menschen langfristig von allein für alle zum Guten führt, etwa durch das Wirken der unsichtbaren Hand des Marktes. Oder ob der Mensch von klugen Anführern, seien es Philosophen, Könige, Wissenschaftler oder wer auch immer, zum Guten geführt werden muss. Ich bin davon überzeugt, dass keiner dieser beiden Wege in extremer Form zu einem auch nur annähernd guten Ergebnis – also zu mehr Nachhaltigkeit – führen wird.

Eine andere Landwirtschaft zu welchem Preis?

Nachhaltigkeitsdreieck

Die Willensbildung „der Gesellschaft“ ist ein Prozess, der durch beständigen Dialog geführt wird. Das Ergebnis ist längerfristig kaum vorhersehbar. Insofern ist es eigentlich müßig, sich darüber Gedanken zu machen, was der Mensch in 30 Jahren will. Wer hätte im Jahr 1988 gedacht, dass wir einmal 200 Milliarden Kilowattstunden Strom pro Jahr verbrauchen werden, um Videos im Internet zu schauen? Das entspricht der jährlichen Produktion von 19 mittelgroßen Atomkraftwerken. Trotzdem ist es sinnvoll, die verschiedenen Wünsche der Gesellschaft zu diskutieren und zu überlegen, wie sie auf nachhaltige Weise erfüllt werden können.

Darum macht es mir große Sorgen, wenn jemand Teile dieser Diskussion nicht führen will. Das kann leicht passieren, wenn einzelne Ansichten bei der Nachhaltigkeit, wie etwa der Erhalt der Natur, über alles gestellt werden. Niemand kann dafür sein, den Planeten zu zerstören. Aber Forderungen, dass bestimmte ökologische Grenze nicht verhandelbar sind, können auch als Totschlagargument jeder Diskussion genutzt werden. Wer solche Argumente benutzt, muss darum extrem vorsichtig damit umgehen.

Wenn Ökologie über allem steht, bedeutet das, dass nur Ökologie einen Wert hat. Geld darf dann keine Rolle spielen, Arbeitsplätze auch nicht. Im Extremfall können Freiheit und alle Rechte eingeschränkt werden, weil nichts die gleiche Bedeutung wie Ökologie hat. Diese Sicht erscheint vielleicht extrem, aus der Luft gegriffen ist sie aber nicht, wenn man heutige Nachhaltigkeitsdebatten verfolgt.

In seinem Werk „Der Weg zur Knechtschaft“ von 1944 warnt Friedrich August von Hayek, Träger des Wirtschaftsnobelpreises, dass wenn die Erfüllung menschlicher Wünsche von einer zentralen Stelle geplant wird, über kurz oder lang die Freiheit der Gesellschaft verloren geht. In der Demokratie können Menschen andere Regierungen wählen, wenn eine Regierung ihre Bedürfnisse nicht erfüllt. Wenn aber alle möglichen Regierungen einig sind, dass eine Sache immer die höchste Priorität hat, dann gibt es für die Menschen keine Wahl und somit keine Demokratie mehr. Wieviel Nachhaltigkeit bleibt dann noch?

Planwirtschaft kann vieles, kostet aber Freiheit

Auf die Landwirtschaft angewandt heißt das: Wenn Ökologie das oberste Ziel ist, werden die Landwirte liefern. Je mehr sie aber Ökologie (oder jede andere Einzelforderung) erfüllen, desto mehr büßen sie ihre unternehmerische Freiheit ein. Solange die Politik dazu Anreize setzt, funktioniert das. Doch wenn die Anreize wegfallen, bricht auch das neue „nachhaltige“ System zusammen. Wegfallen werden die Anreize aber früher oder später, denn um sie setzen zu können muss man die Ökonomie ignorieren, welche die Fähigkeit zum Geben von Anreizen überhaupt erst schafft. Wer kein Geld verdient, kann auch keines für Ökologie ausgeben.

Auch ökologische Planwirtschaft bleibt Planwirtschaft und ist zum Scheitern verurteilt. Das sollte die Bundesregierung in der neuen Fassung ihrer Nachhaltigkeitsstrategie bedenken Die Milchseen und Butterberge der ganz alten Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) verschwanden nicht, weil keiner mehr Milch und Butter wollte. Es wurde schlicht zu teuer, die Bestände zu schaffen, zu verwalten und abzubauen. Auch eine neue GAP ohne Dünger und Pflanzenschutz, mit durchgängigen Biotopstreifen von Portugal bis Estland wird nicht daran scheitern, dass niemand mehr Ökologie will. Sie wird – wie jede Planwirtschaft – irgendwann an zu hohen Kosten zerbrechen.

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