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Analyse

QS lässt Ferkelerzeuger im Unsicheren

Ferkel im stall
am Freitag, 24.07.2020 - 05:00 (Jetzt kommentieren)

Es ist noch nicht lange her, da wurden vier Wege zur Ferkelkastration diskutiert. Immer mehr zeigt sich, dass keiner dieser Wege momentan mit Zuversicht langfristig gegangen werden kann. QS setzt seine Hoffnung derweilen aufs Ausland und verärgert heimische Ferkelerzeuger.

Über allen legalen Wegen zur Ferkelkastration in Deutschland hängen derzeit dunkle Wolken. Unlängst kündigte QS an, dass vergleichbare Standards für ausländische Ferkel reichen würden und es keine identischen sein müssten. Die endgültige Entscheidung hierzu ist noch nicht getroffen. Doch wenn es so käme, wäre es fatal. Denn dann könnten Ferkel, die unter in Deutschland verbotenen Bedingungen kastriert würden - etwa mit lokaler Betäubung - als QS Ferkel auf den heimischen Markt kommen.

Dabei tun sich die deutschen Ferkelerzeuger ohnehin schon schwer. Die Ebermast erzeugt potenziell aggressivere Schweine und bei 5 bis10 % der Tiere Fleisch, das wegen seines Ebergeruchs laut Lebensmittelrecht als genussuntauglich deklariert werden muss. Die Ebermast funktioniert in Einzelfällen. Aber hätten wir sie flächendeckend im ganzen Land, gäbe es mehr Bilder von zerbissenen Jungebern, von denen noch dazu jeder Zehnte für die Tierkörperbeseitigung produziert wird. Keine gute Visitenkarte für die Schweinehalter in Deutschland.

Injektionsnarkose: Teurer Tierarzt

Simon Michel-Berger

Die Injektionsnarkose und anschließende Kastration durch den Tierarzt funktioniert. Aber sie ist teuer (5 bis13 € pro Ferkel) und es ist fraglich, ob es dafür genügend Tierärzte in Deutschland gibt. Die Bundesregierung geht allein wegen der jüngst beschlossenen Änderungen bei der Kastenstandshaltung von Kosten für die Erzeuger in Höhe von rund 1,1 Mrd. € aus.

Wie sollen die Ferkelerzeuger das notwendige Geld verdienen, wenn gleichzeitig die Tierarztkosten in die Höhe getrieben werden und die Afrikanische Schweinepest vor unseren Grenzen steht?

Die Injektionsnarkose bringt aus Tierschutzsicht noch zwei weitere Probleme mit sich: Die Aufwachphase dauert relativ lange und Ferkel können daher schneller Auskühlen oder im schlimmsten Fall erdrückt werden. Außerdem hat sie Nebenwirkungen, die in bis zu 2 % der Fälle zum Tode des Tieres führen können.

Immunokastration: Schwer angeschlagen

Die Immunokastration schien lange ein guter Weg. Doch wie agrarheute kürzlich berichtet hat, steht Improvac im Ökolandbau vor dem Aus. Die Länderarbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau untersagt sie ihren Mitgliedern daher seit Neuestem. Der Redaktion liegt ein entsprechendes Schreiben der EU-Kommission vor, von dem das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) bereits im Sommer 2018 Kenntnis hatte.

Trotzdem hat das Ressort die Immunokastration weiterhin als gangbaren Weg dargestellt. In der konventionellen Schweinehaltung ist das formal auch so. Aber wie zukunftsträchtig ist ein Weg, von dem Kritiker sagen können, dass er im Ökobereich verboten ist?

Isofluran: Rechtsunsicherheit bleibt

Bleibt am Ende nur die Inhalationsnarkose – jener Weg, den das BMEL besonders propagiert hat. Die große Frage ist hier, ob und wie weit der Einsatz von Isofluran zu einer wirksamen Schmerzausschaltung führt. Postoperativ tut er das bekanntlich nicht, darum muss es bereits mit der Gabe eines entsprechenden Schmerzmittels kombiniert werden. Aber lindert es Schmerzen während der Operation oder schaltet es nur das Bewusstsein aus? Verschiedene Humanmediziner sind dieser zweiten Ansicht. Im Beipackzettel des Herstellers steht wörtlich: "Isofluran erzeugt Bewusstlosigkeit durch seine Wirkung auf das Zentralnervensystem. Es weist nur geringe oder keine analgetischen Eigenschaften auf."

Falls Isofluran während der Operation keine Schmerzen lindert und man auch in dieser Phase ein Schmerzmittel braucht, warum muss dann eigentlich noch eine zusätzliche Vollnarkose sein? Zu einer Auflösung dieses Disputs wird es so bald wahrscheinlich nicht kommen. Was bleibt ist eine gewisse Unsicherheit, falls eine entsprechende Klage irgendwann Recht bekommen würde, dass die Tiere zwar bewusstlos sind, aber weiter Schmerzen empfinden. Im schlimmsten Fall würde daraus eine ähnliche Problematik wie beim Kastenstand erwachsen. Das aber können die Ferkelerzeuger momentan gar nicht brauchen.

Außerdem ist da noch die Anwendersicherheit. Der Beipackzettel schreibt unter anderem von möglichen Leberschäden und warnt: "Zur Vorsicht sollten Männer, die Kinder zeugen möchten, nur nach sorgfältiger Abwägung über längere Zeiträume Arbeiten mit Isofluran durchführen." Zum Anwenderrisiko beitragen könnte auch, dass die Inhalte der Schulungen zum Umgang mit dem Mittel länderspezifisch geregelt werden, sich also höchstwahrscheinlich zwischen den Bundesländern unterscheiden.

Schmerzmittelgabe: Chance für das Ausland

Der sogenannte „vierte Weg“, die lokale Betäubung und Gabe eines Schmerzmittels bei Kastration durch den Landwirt, bleibt hingegen in Deutschland verboten und nur in anderen EU-Staaten erlaubt. Wenn QS jetzt wirklich zulassen sollte, dass etwa in Dänemark mit lokaler Betäubung kastrierte Ferkel als gleichwertig mit deutschen Tieren angesehen werden, dann verschlimmert das die Lage der heimischen Landwirte nur.

Kein Wunder, dass verschiedene Ferkelerzeuger in einem offenen Brief fordern, importierten Tieren nur dann die QS-Zertifizierung zu geben, wenn sie die in Deutschland geltenden Standards erfüllen. Das BMEL hat die Tierhalter in eine Lage hoher Unsicherheit gebracht. Jetzt sollte ihnen wenigstens die Wirtschaft helfen, hier wieder heraus zu kommen.

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