Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Richenhagen: Klöckner und Bauernverbände haben versagt

klöckner in Berlin
am Montag, 17.02.2020 - 07:00 (1 Kommentar)

Wie kommt die Landwirtschaft aus ihrer derzeit so schwierigen politischen Situation? Ein Gespräch mit dem AGCO-Chef, Prof. Martin Richenhagen.

AGCO-Chef Prof. Martin Richenhagen

Sie waren in der Vergangenheit sehr kritisch gegenüber Frau Klöckner. Die „Bauernmilliarde“ haben Sie als „ganz billigen Trick der Weinkönigin“ bezeichnet. Wie sehen Sie sie aktuell?

Richenhagen: Jeder hat seine Chance verdient. Aber wenn die CSU sagt, dass das Agrarressort besser bei ihr aufgehoben wäre, dann teile ich diese Meinung. In Bayern ist man noch nah an der Landwirtschaft, auch in den Städten.

Wie hoch schätzen Sie die Volatilität auf den Agrarmärkten im Vergleich zu früher ein?

Richenhagen: Die Volatilität ist viel schlimmer geworden. In der Planung für 2020 gehen wir davon aus, dass nichts Positives passiert. Mit der Unterzeichnung des teilweisen Handelsabkommens mit China im Januar hoffe ich aber auf eine Verbesserung auf den Märkten.

Wie schätzen sie die Volatilität in Deutschland ein, besonders in der Agrarpolitik?
Richenhagen: Hierzulande haben wir das Problem, dass der Dialog zwischen Verbrauchern, Wirtschaft und Landwirten extrem von der Politik moderiert werden muss. Diese Herausforderung hat die Bundeslandwirtschaftsministerin erkannt – vielleicht etwas spät – aber hier gibt es noch sehr viel zu tun.

"Die Bauern müssen sich öffnen"

Bauerndemo in Berlin

Wie müsste es in diesem Dialog jetzt weitergehen? Die Stimmung ist ja gerade bei den Landwirten sehr aufgeheizt.
Richenhagen: Zuerst muss man genau erkennen, was die Verbraucher wollen. Nicht nur heute, sondern auch in Zukunft. Dann muss man überlegen, was technisch machbar ist und was die Landwirte leisten können. Dann muss man Rahmenbedingungen schaffen, die das über einen konkreten Zeithorizont vernünftig abbilden. Den Landwirten zu sagen, ab morgen kann keine Gülle mehr ausgebracht werden, wird nicht funktionieren.

Was halten Sie von den Protesten von „Land schafft Verbindung“?
Richenhagen: Es ist gut, dass die Bauern so klar Position beziehen. Ihre Botschaft ist angekommen und ich habe das Gefühl, dass auch Frau Klöckner das verstanden hat.

Die deutschen Landwirte sind zutiefst verunsichert und fühlen sich als „Buhmann der Nation“. Was raten Sie ihnen in der jetzigen Situation?
Richenhagen: Die Bauern müssen sich öffnen. Manche Dinge in der Landwirtschaft kann man nicht mehr vertreten. Die Leute wollen heute kein Fleisch von nicht betäubten kastrierten Schweinen mehr, da kann man sich auf den Kopf stellen. Das muss man einfach auch mal akzeptieren und sich überlegen, wie man das in Zukunft anders hinbekommt. Die Massentierhaltung muss dringend modernisiert werden. An mehr Tierwohl kommt man nicht mehr vorbei.

Betriebe müssen PR für sich machen

Welche Rolle spielen hier die Bauernverbände?
Richenhagen: Die Bauernverbände haben es nicht geschafft, die Landwirtschaft in der Öffentlichkeit positiv darzustellen. Sie haben sich bemüht und auch Geld eingesammelt, es aber letztlich nicht besonders gut gemacht. Man muss heutzutage moderne PR für sich machen, das macht jedes Unternehmen, warum nicht die Bauern?

Also sollten die Bauern auch einmal sagen „Auf das Schwänzekupieren können wir verzichten, diese Rahmenbedingungen brauchen wir dafür.“
Richenhagen: Ganz genau. Die Bauern dürfen nicht immer sagen, was nicht geht. Sie sollten offensiv zeigen, was geht und was sie auf ihren Betrieben machen.

Der AGCO-Chef und sein Traum vom Kleinbetrieb

Ein Bauernhofidyll in Bayern

Wenn Sie keinen Weltkonzern führen würden, sondern einen kleinen Agrarbetrieb in Bayern. Was würden Sie machen?

Richenhagen: Ich würde mir wahrscheinlich eine Nische suchen. Ich würde gerne etwas mit moderner Tierhaltung machen und Produkte anbieten, welche die Leute fair bezahlen: „Richenhagens glückliches Schnitzel, direkt vom Hof“.

Hätten Sie dann Angst vor dem Mercosur-Abkommen?
Richenhagen: Nein, sicher nicht. Die Produktqualität ist in Europa eine ganz andere, die Waren aus Südamerika sind auf einen anderen Geschmack hin ausgerichtet. Ich glaube nicht, dass der deutsche Agrarmarkt von billigen Produkten überschwemmt werden wird.

Was würde Ihren hypothetischen kleinen Betrieb besonders auszeichnen?
Richenhagen: Optimistisch in die Zukunft zu schauen und die Dinge anzupacken, ohne zu viel darüber zu reden. Das war schon immer die große Stärke aller Bauern.

Fortsetzung folgt: Lesen Sie im zweiten Teil unseres Interviews morgen auf agrarheute.com, wie AGCO mit der Digitalisierung umgeht und was die Expansion von Fendt in Amerika für die deutschen Bauern bedeutet.

Das agrarheute Magazin Die digitale Ausgabe Dezember 2020
agrarheute digital iphone agrarheute digital macbook
cover_agrarheute_magazin.jpg

Kommentar

agrarheute.comKommentare werden geladen. Bitte kurz warten...