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+++ Aktualisiert: 14:45 Uhr +++

Schlachtstau: Klöckner lädt die Länderminister zum Krisengipfel

Schweine im Stall
am Dienstag, 24.11.2020 - 12:10 (Jetzt kommentieren)

Krisengipfel zum Schweinemarkt: Bundesministerin Klöckner trommelt die Agrarminister der Länder zusammen. Indessen vereinbaren Tönnies und der WLV ein Paket von Sofortmaßnahmen.

Am kommenden Freitag (27.11.) wird Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner mit den Landwirtschaftsministern der Länder über die krisenhafte Situation am Schweinemarkt beraten. Dazu hat sie die Minister zu einer Videokonferenz eingeladen, wie das Ressort gegenüber agrarheute bestätigte. Der Zentrale Krisenstab hatte Anfang November den Wunsch nach einem solchen Treffen geäußert.

Die Interessengemeinschaft der Schweinhalter (ISN) fordert Corona-Nothilfen für die deutschen Schweinebauern. Nach Angaben der Bundesregierung wurden seit Jahresbeginn bis einschließlich September rund 1,1 Millionen Schweine weniger geschlachtet als im Vorjahr. Grund sind die Corona-bedingten Kapazitätsengpässe in den großen Schlachtbetrieben. Die überschweren Tiere stauen sich nun auf den Erzeugerbetrieben. Die Schlachtschweinepreise sind abgestürzt auf nur noch 1,19 Euro je kg Schlachtgewicht.

Darüber werden die Minister beraten

Bei dem Krisengespräch dürfte es um Überlegungen gehen, wie die Schlachtkapazitäten kurzfristig vergrößert werden können. Dabei geht es um Arbeitszeitregelungen und Personalausstattung. Nach Darstellung des Bundesministeriums können die Länderbehörden für einzelne Unternehmen flexiblere Arbeitszeitregeln erlassen. Der Bund sieht allerdings auch die Unternehmen in der Pflicht, mehr Personal zu rekrutieren.

Aber auch Kriseninstrumente wie Zuschüsse zur privaten Lagerhaltung (PLH) dürften diskutiert werden. EU-Agrarkommissar Janusz Wojciechowski hatte vorige Woche nach der Sitzung der EU-Agrarminister mitgeteilt, dass die Kommission die Lage am europäischen Schweinemarkt sehr genau analysiere. Auch die Aktivierung der privaten Lagerhaltung lässt Wojciechowski prüfen. Allerdings hält die ISN die Lagerhaltung für nicht zielführend. Das Geld komme nicht bei den Landwirten an. Die Vorräte belasteten zudem langfristig den Markt, so die ISN.

Ein Sprecher des Bundesministeriums erkärte hierzu, es komme auf den richtigen Zeitpunkt an. "Mit den Wirtschaftsbeteiligten und der EU-Kommission sind Fragen zu klären wie: Stehen genügend Schlacht-, Zerlege- und Kühlkapazitäten zur Verfügung? Welche Zuschnitte und Einlagerungszeiträume sind geeignet? Sind die erforderliche Haushaltsmittel verfügbar?", so der Sprecher.

Die Agrarminister der Länder dürften mit Klöckner außerdem über die Aussichten sprechen, dass China den Markt wieder für deutsches Schweinefleisch öffnet.

Tönnies will zuerst die überschweren Schweine hereinholen

Clemens Tönnies

Indes vereinbarten der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband (WLV) und das Schlachtunternehmen Tönnies eine Reihe von Sofortmaßnahmen, um den Schlachtstau abzubauen.

Konkret einigten sich beide Seiten nach einem Gespräch zwischen WLV-Präsident Hubertus Beringmeier und Firmeninhaber Clemens Tönnies auf:

  • eine gezielte Abnahme überschwerer Schweine
  • eine Verschiebung der Preismaske für überschwere Schweine
  • ein verkürztes Zahlungsziel von einem Tag in Härtefällen.

Tönnies versicherte, von seinem Unternehmen gehe kein Preisdruck aus. Der akute Preisverfall sei in erster Linie dem Wegfall der Exportmöglichkeiten aufgrund der Afrikanischen Schweinepest (ASP) geschuldet. Tönnies erklärte, Klöckner genieße in China einen ausgezeichneten Ruf, sodass er zuversichtlich sei, dass sich der chinesische Markt wieder öffne.

Beringmeier erinnert Industrie und Handel an ihre Verantwortung

WLV-Präsident Hubertus Beringmeier sagte: „Die Zeit ist reif, dass die Unternehmen der Ernährungsindustrie wie auch die großen Lebensmittelketten und Discounter ihrer Verantwortung für das Überleben der heimischen Landwirtschaft gerecht werden. Ohne eine verbesserte Wertschöpfung droht der Landwirtschaft ein Fiasko. Der Preisverfall bei Schweinefleisch muss gestoppt werden!"

Der WLV sieht das Gespräch mit der Tönnies Unternehmensgruppe als Auftakt zu einer Serie von Spitzengesprächen mit führenden Unternehmen der lebensmittelverarbeitenden Industrie und des Lebensmitteleinzelhandels. „Zur Behebung der Liquiditätsengpässe brauchen wir außerdem die Hilfe der Bundesregierung und werden uns entsprechend dafür stark machen, dass auch die Landwirtschaft in den Corona-Hilfspaketen angemessen Berücksichtigung findet", so Beringmeier.

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