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Bundestagswahl 2017

So definieren Agrarpolitiker Massentierhaltung und bäuerliche Betriebe

agrarheute-Polittalk
© Philipp Eberstein
von , am
14.09.2017

Beim agrarheute-Polittalk forderten Landwirte klare Aussagen von Agrarpolitikern. So äußerten sie sich zu "Massentierhaltung" und "bäuerlicher Landwirtschaft".

Bäuerliche Landwirtschaft fördern, Massentierhaltung verbieten, Landgrabbing verhindern - so lauten die Vorhaben verschiedener Parteien zur Bundestagswahl 2017. Beim agrarheute-Polittalk hatten Blogger und Landwirte die Möglichkeit, agrarpolitische Vertreter der Parteien mit ihren Fragen und Problemen zu konfrontieren.

Bloggerin und Landwirtin Bettina Hanfstingl aus Oberbayern berichtete: "Wir haben 25 Großvieheinheiten (GV) und 15 Hektar Land. Einem Bericht der Süddeutschen Zeitung zufolge ist das ein tiefroter Bereich in puncto Tierhaltung - denn darin wurde Massentierhaltung nach Großvieheinheiten pro Hektar definiert, mit der Grenze 1,5 GV/ha. Wie definieren Sie Massentierhaltung und bäuerliche Landwirtschaft?"

Das sind die Antworten der Politiker.

Alois Gerig: "GAP künftig mehr auf flächengebundene Tierhaltung ausrichten"

Alois Gerig, CDU, MdB und Vorsitzender Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft
Alois Gerig (CDU) ist MdB und Vorsitzender Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft © Philipp Eberstein

Alois Gerig (CDU), MdB und Vorsitzender Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft meinte dazu:

"Ich will, dass die Landwirtschaft mit modernisieren darf. Nichts ist so beständig wie der Wandel. Ich nähere mich der Definition über das Ausschlussprinzip: Ich bin ein großer Gegner von Landgrabbing, von außerlandwirtschaftlichen Investoren, die sich land- und forstwirtschaftliche Flächen bunkern, weil sie da als Spekulanten ihre Zukunft sehen. Ich will in Familienbesitz geführte Landwirtschaft, und da gibt es viele Möglichkeiten der Kooperation und Genossenschaften. Ich war selbst Maschinenring-Geschäftsführer und weiß, was Zusammenarbeit bedeutet und welche Chancen es da insbesondere für unsere Bauern in Süddeutschland gibt. Wir wollen die GAP künftig mehr auf flächengebundene Tierhaltung ausrichten."

Kirsten Tackmann: "Ortsansässigkeit und Geschäftsmodell sind entscheidend"

Dr. Kirsten Tackmann, Die LINKE, agrarpolitische Sprecherin der LINKE-Bundestagsfraktion
Dr. Kirsten Tackmann (Die LINKE) ist agrarpolitische Sprecherin der LINKE-Bundestagsfraktion. © Philipp Eberstein

Dr. Kirsten Tackmann (Die LINKE) ist agrarpolitische Sprecherin der LINKE-Bundestagsfraktion. Sie gibt an:

"Für mich ist die Frage Ortsansässigkeit entscheidend, also werden die Entscheidungen, die in einem Betrieb fallen müssen, vor Ort gefasst, oder ist das ein Geldgeber, der weit weg wohnt. Da ist eine Genossenschaft aus meiner Sicht nicht schlechter als ein Familienbetrieb und ich möchte das nicht gegeneinander ausspielen."

"Für mich ist die Definition außerdem nicht eine Frage der Größe des Betriebs, sondern des Geschäftsmodells. Das ist tatsächlich etwas Bedrohendes, auch in Ostdeutschland. Denn diese feindlichen Übernahmen, die übrigens auch Ökobetriebe betreffen, sind harte Auseinandersetzungen. Da ist viel, viel Geld unterwegs und der Verlierer wird die gesamte ortsansässige Landwirtschaft sein, wenn sie nicht aufpasst und Schulter an Schulter steht. Und auch der Gesetzgeber muss endlich mal den Allerwertesten in der Hose haben und sagen: Es dürfen keine Anteilskäufe mehr getätigt werden und wir begrenzen die Marktmacht der Investoren."

Rita Hagl-Kehl: "Tierhaltung muss an Fläche gebunden sein"

Rita Hagl-Kehl, SPD, MdB und Mitglied im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft
Rita Hagl-Kehl, SPD, ist MdB und Mitglied im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft. © Philipp Eberstein

Rita Hagl-Kehl (SPD), MdB und Mitglied im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft, berichtet aus eigener Erfahrung:

"Ich war vor Kurzem in Brandenburg in einem Betrieb mit 2.700 Tieren und denen ging es auch gut im Freilaufstall. Man muss es pro Hektar sehen. Der Betrieb hatte 5.000 ha - da relativiert sich einiges. Darin liegt die Definition: Man muss die Tierhaltung an die Fläche binden. Einen Geflügelmast-Betrieb mit 20.000 Tieren ohne entsprechendes Land herum, akzeptiert der Verbraucher nicht.

Bäuerliche Landwirtschaft ist für mich ein Betrieb, der von einer Familie - natürlich auch zusammen mit ausgebildeten Landwirten und Betriebshelfern - bewirtschaftet wird. Ein Betrieb, der mit 5.000 Hektar arbeitet, fällt für mich nicht mehr unter bäuerliche Landwirtschaft. Aber diese Gegebenheiten haben wir im Osten. Aber die Bindung an die Fläche ist für mich das wichtigste Kriterium."

Christian Dürr: "Ich halte nichts von diesen Kategorien"

Christian Dürr, FDP, MdL in Niedersachsen und Vorsitzender der FDP-Fraktion im Niedersächsischen Landtag
Christian Dürr (FDP) ist MdL in Niedersachsen und Vorsitzender der FDP-Fraktion im Niedersächsischen Landtag. © Philipp Eberstein

Christian Dürr (FDP), MdL in Niedersachsen und Vorsitzender der FDP-Fraktion im Niedersächsischen Landtag, hat eine "klare Antwort":

"Ich halte von diesen Kategorien gar nichts und die Debatte darüber bringt uns nicht weiter. Natürlich müssen Standards eingehalten werden, da sind wir uns alle einig. Die Sinnhaftigkeit von einigen Standards muss man politisch diskutieren. Wenn ich heute einen jungen Landwirt dazu bewegen will, den Betrieb weiterzuführen, dann muss ich ihm die Möglichkeit geben, am sozialen Leben teilzunehmen. Und das heißt, dass er Mitarbeiter anstellen darf und dass es mal in den Urlaub fahren darf mit der Familie.

Bäuerliche Landwirtschaft nach dem Motto "Der hat 24 Stunden am Tag zusammen mit seiner Frau Landwirt zu sein" als moralisch korrekte Definition anzusehen - das bestreite ich ausdrücklich. Ich möchte auch diesem Landwirt die Möglichkeit geben - wenn es denn möchte - zu wachsen."

Renate Künast: "Massentierhaltung beschreibt eine Methode und ein System"

Renate Künast, Bündnis 90/Die Grünen, MdB und Vorsitzende im Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz
Renate Künast, Bündnis 90/Die Grünen, ist MdB und Vorsitzende im Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz. © Philipp Eberstein

Renate Künast (Bündnis 90/Die Grünen), MdB und Vorsitzende im Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz, definiert so:

"Es gibt keine festen Zahlen für Massentierhaltung, weil es ein Begriff ist, der eine Methode und ein System beschreibt.

Der Begriff 'bäuerliche Landwirtschaft' steht gegen den Begriff 'industrielle Landwirtschaft', in der Investoren ihr Geld anlegen, denen vollkommen egal ist, wie die Landschaft kulturell ist, wie es Familien und der Struktur auf dem Lande geht. Wenn wir über die reine Tierhaltung reden, hat das nur eine begrenzte Schnittmenge mit dem Begriff 'bäuerliche Landwirtschaft'.

Bäuerliche Landwirtschaft meint als erstes Betriebe, die finanziell mehrheitlich in der Hand von Bauernfamilien sind. Das ist keine Aussage über Großvieheinheiten pro Hektar oder die konkrete Wirtschaftsweise."

agrarheute-Polittalk: Das sagen die Agrarpolitiker vor der Wahl

Agrarheute-Polittalk
Beim agrarheute-Polittalk in Berlin nahmen die Parteienvertreter Stellung zu den Fragen von Landwirten, Bloggern und Journalisten. © Philipp Eberstein
Agrarheute-Polittalk Christian Dürr
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agrarheute-Polittalk Alois Gerig
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Agrarheute-Polittalk Renate Künast
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Agrarheute-Polittalk Rita Hagl-Kehl
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agrarheute-Polittalk Kirsten Tackmann
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