Login

Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Kommentar

Streit bei "Land schafft Verbindung" - Das Dilemma der Landwirtschaft

Bonn-demo19
am Donnerstag, 31.10.2019 - 11:09 (4 Kommentare)

"Land schafft Verbindung" waren die Initiatoren der erfolgreichen Bauerndemo vergangene Woche. Jetzt bricht – leider nicht ganz unerwartet – das Organisationsteam auseinander. Ein Kommentar.

So ganz unerwartet kam er nicht, der Bruch im Organisationsteam von "Land schafft Verbindung". Letzte Woche noch hatte die Initiative die größte deutsche Bauern-Demo mit rund 18.000 Traktoren und Zigtausenden Landwirten und ihren Familien auf die Straße gebracht. Ein riesiger Erfolg, der "Land schafft Verbindung" eigentlich ordentlich Rückenwind hätte geben müssen.

Doch seit gestern verbreitet sich die Nachricht in den Sozialen Medien: "Land schafft Verbindung" spaltet sich auf. Ein großer Teil des Orga-Teams distanziert sich von der Hauptinitiatorin Maike Schulz-Broers. Damit haben die Differenzen, die bereits weit vor der Demo am vergangenen Dienstag zu schwelen begannen, ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht.

Der Konflikt schwelte schon länger

Die Initiative stand von Anfang an unter keinem sehr guten Stern. Aus den Facebook-Gruppen wurden Stimmen verbannt, die eine reine Konzentrierung auf Familienbetriebe kritisierten, ein ehemaliger AfD-Politiker im Orga-Team veranlasste Publikumsmedien wie die Berliner taz, die protestierenden Bauern in die rechte Ecke zu rücken, die Rolle der Verbände blieb bis zum Schluss ein heißes Eisen. Vor allem aber drehte sich viel um persönliche Befindlichkeiten und um die Rolle von Maike Schulz-Broers.

Gestern nun teilte ein Teil des Organisationsteams mit, man werde sich von Schulz-Broers trennen, da diese "eigene Interessen über den Gedanken des Allgemeinwohls" stelle. Auslöser dieses endgültigen Bruchs war wohl wieder das Thema Verbände, nachdem sich Maike Schulz-Broers am Montag ohne das Wissen der meisten anderen Organisatoren mit dem Deutschen Bauernverband zu einem Gespräch getroffen hatte, bei dem "Positionen abgeklopft wurden".

Eine verfahrene Situation

Noch während die Nachricht von der Aufspaltung die Runde machte, wurde der Ton zwischen den Betroffenen messerscharf. Schulz-Broers sprach von der "kriminellen Energie" ihrer Kontrahenten, da diese ihre Ideen kapern würden. Name und Logo der Initiative seien ihr geistiges Eigentum. Sogar von einer Anzeige und polizeilichen Ermittlungen war die Rede.

Die Situation ist also gründlich verfahren und jeder Gedanke auf eine gütliche Einigung scheint weit entfernt.

Symptomatisch für die hiesige Landwirtschaft

Die Entwicklung bei "Land schafft Verbindung" macht mich traurig. Denn leider ist sie symptomatisch für die hiesige Landwirtschaft. "Wenn Du zehn Bauern unter einen Hut bringen willst, musst Du neun davon erschlagen" lautet ein altes Sprichwort, das bis heute seine Berechtigung hat.

Landwirte lassen sich schwer zu einem gemeinsamen Agieren bewegen, dafür aber umso leichter gegen einander aufbringen – mit oder ohne Einfluss von außen. Das bekannteste Beispiel dafür sind die Differenzen zwischen Bio- und konventionellen Bauern.

Jeder kämpft unter eigener Flagge

Dass sich Landwirte so schwer tun, am selben Strang (und in dieselbe Richtung) zu ziehen, hat seine Gründe. Kaum eine Berufsgruppe ist hierzulande so inhomogen. Jeder Betrieb wirtschaftet unter eigenen Bedingungen und kämpft gegen einen eigenen Strauß von Sorgen und Herausforderungen. Dazu kommt, dass Bauern von jeher Wert darauf legen, selbständig und unabhängig Entscheidungen zu treffen. Jedes Zugeständnis wird zähneknirschend als Angriff auf die berufliche Eigenständigkeit betrachtet. Die enge Verquickung von Betriebs- und Familienexistenz hat diese Bissigkeit über Jahrhunderte befördert. Wer sie nicht hatte, konnte schnell vor dem Ruin stehen.

Doch angesichts der heutigen Herausforderungen fällt der Landwirtschaft diese Eigenbrötlerei mehr auf die Füße als jemals zuvor. Heute ist Einigkeit unverzichtbar. Wenn es der Berufsstand nicht schafft, interne Kompromisse zu schließen, wird es fast unmöglich sein, Politik und Gesellschaft zu einem Umdenken im Verhältnis zur Landwirtschaft zu bewegen. Und ausbaden müssen das am Ende alle.

Fatale Außenwirkung

Bleibt zu hoffen, dass die Aufbruchstimmung und das Gemeinschaftsgefühl, die die Demo letzte Woche unter den deutschen Landwirten verbreitet hat, noch eine Weile tragen und dass "Land schafft Verbindung" im gegenwärtigen Sturm nicht völlig untergeht. Denn das wäre nicht nur eine bedauerliche Verschwendung von Energie und Engagement, sondern erneut ein fatales Signal nach außen.

Bauerndemonstrationen in ganz Deutschland: Das sind die Bilder

Demo in Bonn
Demo in Bonn
Demo
Demo
Demo
Demo
Demo
Demo
Demo
Demo
Demo
Demo
Demo
Demo
Demo
Demo
Demo
Traktoren in Würzberg
Demo in Würzburg

Kommentare

agrarheute.comKommentare werden geladen. Bitte kurz warten...