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Energiepreise

Strommarkt absurd - oder: Der teuerste Milchbauer macht den Preis

Ein Umspannwerk im Abendlicht
am Donnerstag, 01.09.2022 - 05:15 (10 Kommentare)

Davon können Landwirte nur träumen: Am Strommarkt macht der teuerste Anbieter den Preis. Das ist der Grund, warum Verbraucher derzeit so viel bezahlen müssen.

Sind Sie Landwirt? Produzieren Sie Milch oder halten Sie Schweine? Dann stellen Sie sich folgende Situation vor: Die Erzeugungskosten des teuersten Produzenten bestimmen den Preis für vertraglich nicht gebundene Milchmengen oder Mastschweine, und zwar für alle.

Konkretes Beispiel: Der 23-Kühe-Anbindehalter im oberbayerischen Berggebiet bestimmt mit seinen Grenzkosten das Milchpreisniveau für den 400er-Laufstall in Schleswig-Holstein.

Das klingt absurd. Doch nach diesem Prinzip funktioniert der Großhandel am Spotmarkt für Strom. Und das ist genau der Grund, warum die Verbraucherpreise für Strom in den vergangenen Monaten so extrem in die Höhe geschossen sind.

Gaskraftwerke ziehen die Preise nach oben

Denn die höchsten Grenzkosten der Stromproduktion haben derzeit Gaskraftwerke. Sie sind auf den teuren Rohstoff Erdgas angewiesen. Daher können sie Strom nur zu verhältnismäßig hohen Kosten produzieren. Ohne die Stromerzeugung der Gaskraftwerke wäre der deutsche Spotmarkt für elektrischen Strom in Deutschland aber unterversorgt.

Folglich müssen die Gaskraftwerke zur Deckung der Nachfrage herangezogen werden, wenn die preiswerteren Stromquellen wie Windkraft, Solar oder Kohle ausgeschöpft sind.

Der teuerste Anbieter bestimmt das Preisniveau

Strompreis im Großhandel, Day-Ahead

Am Spotmarkt, das ist in der Regel die EEX-Tochter Epex Spot, funktioniert das so: Die Anbieter kommen in der Reihenfolge der aufsteigenden Grenzkosten zur Deckung der Nachfrage zum Zug.

Der Haken an der Sache ist, dass alle Anbieter den Preis erhalten, denn der teuerste Anbieter fordert, der gerade noch notwendig ist, um die Nachfrage zu decken. Das ist der sogenannte Markträumungspreis.

Das Verfahren wird auch Merit-Order-Prinzip genannt und ist an vielen Rohstoffmärkten üblich. Es ist kosteneffizient, solange die Erzeugungskosten der Hersteller nicht stark voneinander abweichen, weil zunächst immer die günstigsten Anbieter den Zuschlag bekommen.

Doch zurzeit sind die Grenzkosten der Gaskraftwerke um ein Vielfaches höher als zum Beispiel die der erneuerbaren Erzeuger. Ohne sie geht es aber auch nicht.

Strom zehnmal so teuer wie vor einem Jahr

Das führt dazu, dass kurzfristig verfügbarer Strom (Day-Ahead) an der Börse Ende August rund zehnmal so teuer war wie vor einem Jahr. Dabei stammen in Deutschland etwa 40 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energiequellen.

Deren Erzeugungskosten sind aber nicht gestiegen. Dennoch bezahlen selbst die Nutzer von reinem Ökostrom derzeit die extrem hohen Strompreise, es sei denn, sie haben längerfristige Kontrakte mit Preisbindung.

Ökostromerzeuger profitieren massiv

Für die Erzeuger von Strom aus erneuerbaren Quellen hat das Modell eine positive Seite: Sie profitieren von den sehr hohen Markträumungspreisen. „Gegenwärtig lassen sich mit einer Windkraftanlage mit Grenzkosten von Null rund 600 Euro je Megawattstunde erlösen“, sagt der Präsident des Bundeskartellamtes Andreas Mundt. Das entspricht einem Verkaufserlös von 60 Cent/kWh.

Ministerpräsident Weil: Stromhandel aussetzen

Mit diesen gigantischen Windfall Profits ist die Politik nicht mehr glücklich. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) fordert, dass der Staat sofort in die Regeln der Strombörse eingreift. Weil kritisierte am Wochenende die „riesigen Spekulationsgewinne“, die offensichtlich eingefahren würden.

Seiner Auffassung nach muss in Betracht gezogen werden, den Stromhandel auszusetzen und die Preise vorübergehend staatlich festzulegen.

Wirtschaftsministerium sieht das Problem

Dr. Patrick Graichen, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium

„Ein Effekt des gegenwärtigen Strommarktdesigns ist, dass die Strompreise und damit die Produzentenrenten insbesondere von Kraftwerken mit geringen Grenzkosten infolge der gestiegenen Gaspreise ebenfalls stark gestiegen sind“, räumt der Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium Dr. Patrick Graichen auf eine Anfrage des CDU/CSU-Abgeordneten Mark Helfrich ein.

Deshalb würden auf nationaler und europäischer Ebene verschiedene Modelle diskutiert, wie die Strompreise für die Verbraucher effektiv gesenkt werden können, sagt Graichen.

Ampel-Koalition will handeln, aber am liebsten europäisch

Finanzminister Christian Lindner kritisierte das gegenwärtige Modell nach der Klausurtagung der Koalition auf Schloss Meseberg in Brandenburg gestern (31.8.) als eine Art „Rendite-Autopilot“. Aus steigenden Gaspreisen resultierten automatisch höhere Strompreise und Sondergewinne für Ökostromerzeuger.

Die Koalition will darum das Übel an der Wurzel packen und den Preismechanismus überarbeiten. Bundeskanzler Olaf Scholz setzt dabei auf eine EU-weite Lösung. Klar ist, eine Lösung muss schnell gefunden werden. Das gegenwärtige Niveau der Strompreise ist künstlich überhöht und provoziert Insolvenzen in der Wirtschaft und in den Privathaushalten.

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