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Österreich

Studie: Diesen Einfluss auf Insekten haben Klima und Landwirtschaft

Sumpfschrecke
am Dienstag, 17.01.2023 - 12:37 (4 Kommentare)

Eine neue österreichische Studie widerlegt die Thesen zum Insektensterben. Veränderungen gibt es vielmehr in der Artenzusammensetzung, die vom Klimawandel und von der Landwirtschaft unterschiedlich beeinflusst wird.

Eine österreichische Studie widerlegt die Behauptung, dass Landwirte durch den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und ihre Bewirtschaftungsweise ein massives Insektensterben verursachen. Im Gegensatz zur Krefelder Studie konnten die Wissenschaftler keinen pauschalen Rückgang von 75 Prozent feststellen. Im Gegenteil: Die Insektenbestände sind insgesamt stabil geblieben. Die Studie hat das österreichische Agrarministerium zusammen mit den Bundesländern in Auftrag gegeben, um eine wissenschaftliche Einschätzung über die Entwicklung der Insektenvielfalt zu bekommen.

Anzahl und Vielfalt von Insekten bleiben stabil

Entwicklung der Anzahl verschiedener Insekten in Österreich

Die wesentlichen Ergebnisse der österreichischen Studie sind: Die Artenvielfalt in der heimischen Insektenwelt blieb in den vergangenen 30 Jahren in Summe stabil und die Dichte der Insekten zeigte nur geringfügige Veränderungen. Die Artenzusammensetzung änderte sich dagegen deutlich. Vor allem die Klimaerwärmung habe zu einer neuen Artenzusammensetzung geführt.

Im Durchschnitt war nach 30 Jahren etwa ein Viertel der ursprünglich vorhandenen Arten nicht mehr nachweisbar. Diese wurden durch neue Arten wie die Lauchschrecke ersetzt. Abgenommen haben spezialisierte Arten von nährstoffarmen Standorten sowie an kältere Bedingungen angepasste Insekten. Dagegen haben die Insektenforscher vor allem mehr wärmeliebende Arten mit vergleichsweisen geringen Ansprüchen an ihre Lebensräume gezählt.

Über 20 Insektenkundlerinnen und -kundler haben Daten von 4285 Insektenarten an 309 Testflächen in ganz Österreich erhoben. Sie analysierten Insektenpopulationen für die letzten 30 Jahre. Laut Agrarminister Norbert Totschnig ist dies die umfangreichste Erhebung zur Entwicklung der Insektenpopulation, die es in Österreich je gegeben hat.

Forscher sind von Veränderungen in der Insektenwelt überrascht

Gründe für Veränderungen in Insektenpopulationen

Bei der Zahl der auf den Flächen gefundenen Individuen zeigen sich laut Insektenforscher Thomas Zuma-Kratky bei den meisten untersuchten Insektengruppen keine signifikanten Zu- oder Abnahmen. Bei den Heuschrecken und Fangschrecken gab es österreichweit einen Rückgang der Populationsdichten mit deutlichen regionalen Unterschieden. In den Hochalpen nahmen die Populationen zu.

Auch in den Ackerbaugebieten der Tieflagen haben die Wissenschaftler ebenfalls mehr Tagfalter gefunden. „Die Ergebnisse waren vielfach auch für uns überraschend und helfen dabei, die Veränderungen in der Insektenwelt zu verstehen und gezielte effiziente Maßnahmen zu deren Unterstützung zu ergreifen“, so Zuma-Kratky.

Einfluss des Pflanzenschuztmitteleinsatzes unklar

Allerdings sagte der Wissenschaftler auch, es gebe in der Studie durchaus Hinweise, dass die Ausdehnung extensiver Wirtschaftsweisen wie der Ökolandbau eine Ursache für die Zunahme von Heuschrecken oder Tagfalter sei. Allerdings fehlten verlässliche statistische Daten, um dies repräsentativ zu untermauern. So könne die Zunahme von Wildpflanzen verantwortlich für diese Entwicklung sein. Aber auch die Verringerung des Pflanzenschutzmitteleinsatzes sei ein möglicher Faktor. 

Ebenso verfügten die Insektenforscher über zu wenig Daten, um die Folgen des Einsatzes von Neonikotinoiden im Rübenanbau auf die Insektenvielfalt zu untersuchen. Agrarminister Totschnig sicherte zu diesem Thema weitere Studien zu. Für Totschnig ist dennoch klar: „Wir halten am Ziel 35 Prozent Ökolandbau bis 2030 fest.“ Als Zwischenziel will er bis 2027 30 Prozent erreichen. Derzeit beträgt der Anteil rund 26 Prozent.

Stilllegung ist nicht der Schlüssel

Grundsätzlich sah sich Totschnig mit der Studie in seiner Landwirtschaftspolitik bestärkt. Die Studie zeige, dass der Klimawandel Auswirkungen auf alle Lebensbereiche habe – auch auf die Insektenwelt. „Entscheidend für den Insektenbestand in Österreich ist, dass wir die Biodiversität, Hecken und Flure wie auch Wasserzugänge weiter erhalten – das geht nur mit unseren Bäuerinnen und Bauern“, so der ÖVP-Minister.

Genau diese Maßnahmen werten die Insektenforscher in ihrer Studie als wesentlich, um die Artenvielfalt auf den Agrarflächen zu steigern, oder zumindest zu erhalten. Extensive Bewirtschaftung von Flächen ist laut Zuma-Kratky in der Regel besser als eine Stilllegung oder Intensivierung. So seien extensiv bewirtschaftete Flächen für Insekten als Lebensraum oftmals wertvoller als ungepflegte Naturschutzflächen.

Österreich fördert mit dem Agrarumweltprogramm Öpul seit Jahren biodiversitätsfördernde Bewirtschaftungsformen. Mit der neuen Agrarreform stehen nach Regierungsangaben 570 Mio. Euro pro Jahr für freiwillige Umweltleistungen der heimischen Bäuerinnen und Bauern zur Verfügung. Das Landwirtschaftsministerium arbeitet zudem am Forschungsprojekt „Insektenschonendes Mähen“. Dabei wird untersucht, wie sich unterschiedliche Mähtechniken auf die Insekten auswirken. Ziel ist es, den Umstieg auf insektenschonende Technik zu forcieren. Gleichzeitig ist sich Totschnig sicher, dass die Biodiversitätsflächen mit der neuen Agrarreform von derzeit 150.000 ha auf gut 230.000 ha ansteigen werden.

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