Login

Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Agrarumweltpolitik

Thünen-Institut: Landwirte brauchen Freiräume, um Vorgaben zu erfüllen

Gülleausbringung auf Ackerland
am Montag, 12.10.2020 - 15:58 (Jetzt kommentieren)

Je mehr die Nachhaltigkeit in der Agrarumweltpolitik an Bedeutung gewinnt, desto entscheidender ist der Handlungsspielraum für die Landwirte. Ansonsten werden die umweltpolitischen Ziele verfehlt, sagen Forscher des Thünen-Instituts.

Dass beispielsweise die Vorschriften der Düngeverordnung nicht dazu geeignet sind, Nährstoffüberschüsse zu vermeiden, schlussfolgern die Thünen-Forscher in ihrer Stellungnahme zu den Auswirkungen aktueller Politikstrategien auf den Agrarsektor. Immer detailliertere Regelungen verfehlten das Problem und seien „überzogen und wenig sachgerecht“. Insgesamt müssten die Maßnahmen einen ganzheitlichen Ansatz verfolgen und den Landwirten nicht „quadratmetergenau vorschreiben, was sie wo zu tun und zu lassen haben“.

Landwirte müssen ihr Wissen nutzen können

Nötig seien die unternehmerischen Freiräume der Landwirte laut Wissenschaftler des Thünen-Instituts, um standortangepasste Entscheidungen treffen zu können. Darüber hinaus müsse „schnell und flexibel“ auf Wetterlagen, Schädlinge und Märkte reagiert werden. Dazu solle auch das unternehmerische Denken der Landwirte als Vorteil genutzt werden.

In die politischen Entscheidungen einfließen müssten daneben die gesellschaftlichen Anforderungen, zum Beispiel beim Klimaschutz. Einzelne politische Vorgaben sollten in eine wegweisenden Entscheidung münden, die Bereiche wie den Umgang mit der Agrarlandschaft in die gewünschte Richtung steuere.

„Schlüssige Gesamtarchitektur“ als Voraussetzung

Die Wissenschaftler führen in ihrer Stellungnahme an, dass gleichzeitig an mehreren Nachhaltigkeitszielen gearbeitet werden könne: Wenn zum Beispiel für bestimmte Flächen ein besonders hoher Schutzbedarf ausgezeichnet wurde, sollten auch Ko-Nutzungen erlaubt werden.

Darüber hinaus müssten die Nachhaltigkeitsziele im internationalen Handel berücksichtigt werden. Konkret könne eine Maßnahme darin bestehen, die Steuerpolitik in den EU-Mitgliedstaaten anzupassen. Weiterhin sprechen sich die Forscher dafür aus, den internationalen Handel langfristig durch pauschale Zollsätze einzuschränken. Dadurch werde der nationale und europäische Handel, der den Nachhaltigkeitszielen entspreche, gestärkt.

Nährstoffflüsse langfristig managen

Dass die neue Düngeverordnung gemeinsam mit den Empfehlungen der Borchert-Kommission die Nährstoffüberschüsse erheblich reduzieren wird, bezweifeln die Thünen-Forscher. Ein Absinken der Überschüsse sei zwar erwartbar, es sei jedoch von keinem dauerhaften Bestand der Verordnung in seiner jetzigen Form auszugehen.

Zudem sind die Thünen-Mitarbeiter davon überzeugt, dass Gerichtsurteile die kleinteiligen Regelungen künftig noch stärker begünstigen werden. Dadurch dränge sich die Frage auf, ob die Maßnahmen auch langfristig geeignet seien. Stattdessen empfehlen die Forscher eine Methode, „die nicht allein auf den Indikator ‚Grundwasser‘ ausgerichtet ist, sondern alle Umwelteffekte sowie die Ressourceneffizienz der Düngung und auch das Thema Boden-Biodiversität in den Blick nimmt“.

Genau Zielvorgaben beschreiben

In die Kritik der Wissenschaftler gerät in ihrer Stellungnahme zusätzlich das Ziel der Farm-to-Fork-Strategie der Europäischen Kommission, den Pflanzenschutzmitteleinsatz um 50 Prozent zu senken. Diese Vorgabe sei nicht eindeutig geklärt, da Festlegungen zum Indikator, Basisjahr oder zur Umsetzungsebene noch ausstünden.

Bei der Diskussion um den Pflanzenschutzmitteleinsatz zeige sich, dass Appelle und Förderungen des integrierten Pflanzenschutzes nicht ausreichten, um eine Reduktion zu erzielen, erläutert das Forschungsteam. Anders verhalte es sich bei dem strengeren Aktionsprogramm Insektenschutz. Hier würden die geplanten Maßnahmen aber hohe Kosten verursachen und im Gegensatz zum Eigentumsgrundrecht stehen. Stattdessen empfehlen die Experten in ihrer Stellungnahme eine EU-weite Steuer beziehungsweise Abgabe.

Kritik am Plan für den Ökolandbau

Nur mit strikten ordnungsrechtlichen Vorgaben oder höheren Fördergeldern zu erreichen sei laut Thünen Wissenschaftler das Ziel der EU-Kommission, bis 2030 den Ökoflächenanteil zu verdreifachen.

Die Forscher empfehlen, ein Gesamtkonzept zu erarbeiten, das das Einkaufs- und Konsumverhalten der Bevölkerung, Umweltbelastungen, Beratungs- und Bildungsangebote sowie Kontrollvolumen enthalte. Dazu müsse der Ökolandbau in die nationalen Strategiepläne der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) aufgenommen werden. Darüber hinaus sei ein Aufstocken der Fördergelder für den Ökolandbau notwendig.

Weiterhin sei es nicht zielführend, wie in der Biodiversitätsstrategie der EU Prozentwerte beim Flächenschutz als Ziel vorzugeben. Vielmehr seien moderne Flurneuordnungsverfahren ratsam, die Landwirte und Bodeneigentümer beteiligten.

Mit Material von Agra Europe (AgE)

Kommentare

agrarheute.comKommentare werden geladen. Bitte kurz warten...