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Tierhaltung und Welthunger

Tierbestände sofort abstocken? Reaktionen auf Forderung des BÖLW

Öko-Schweinehaltung-Freiland-Deutschland
am Dienstag, 22.03.2022 - 12:40 (1 Kommentar)

Der Bund für Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) überraschte vergangene Woche mit der Forderung, das Bundeslandwirtschaftsministerium möge sich für ein EU-Sofortprogramm zur Abstockung der Tierbestände einsetzen. Damit solle die Lebensmittelversorgung gesichert werden. Nicht einmal alle Mitgliedsorganisationen des BÖLW sind davon überzeugt.

Angesichts des Krieges in der Ukraine und dessen Auswirkungen auf die globalen Getreidemärkte forderte der Bund für Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) am 18. März ein Sofortprogramm zur befristeten Abstockung der Tierbestände, das noch im März diesen Jahres in Kraft treten solle. Konventionelle und ökologische Tierhalter sollten demnach ihre Bestände für 12 Monate deutlich mindern und dafür einen Ausgleich des entgangenen Gewinns erhalten. Der BÖLW betonte, dass das Abstockungsprogramm nicht den Umbau der Tierhaltung ersetzen könne.

Bioland: Abstockung und Fleischverzicht haben Schlüsselrolle

Grundsätzliche Unterstützung für den BÖLW-Vorstoß kommt von Bioland. Ein Sprecher erklärte gegenüber agrarheute, dass angesichts der Krisen im Klima- und Umweltschutz sowie deren Verschärfung durch den Krieg in der Ukraine weltweit die Lebensmittelproduktion Vorrang vor anderen Flächennutzungen haben müsse. Allerdings sieht man bei Bioland eher einen Stopp des Einsatzes von Getreide für Agro-Kraftstoffe als kurzfristig wirksame Maßnahme. Der Sprecher verwies zudem auf die derzeit „exzessive Spekulation an den Rohstoffbörsen, auch getrieben von Finanzspekulanten“. Diese sei ein gravierendes Problem.

Zur Frage, ob die Abstockung der Tierhaltung in Form eines Sofortprogrammes kommen solle, das noch im März in Kraft tritt, äußerte sich der Sprecher nicht direkt. Wörtlich sagte er: „Mittelfristig sind eine Reduzierung des Einsatzes von Mais für Biogas-Anlagen und die Stärkung der Reststoffverwertung weitere Strategien. Insbesondere ist die flächenlose bzw. –arme Intensivtierhaltung und die dazu nötige Fläche zur Futtererzeugung im In- und Ausland besonders flächenrelevant. Daher ist die Abstockung der Tierbestände und des Konsums tierischer Lebensmittel der zentrale Schlüssel zu eine resilienten Land- und Ernährungsform - das ist auch das klare Signal aus der Wissenschaft. Bei Bioland werden – bedingt durch die flächengebundene Tierhaltung – vergleichsweise wenige Tiere gehalten.“

Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller: Abstockung als Sofortprogramm fraglich

Bei der Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller (AöL) unterstützt man den BÖLW-Vorstoß zur Abstockung prinzipiell. Eine Sprecherin erklärte: „Die Ausrichtung des Vorschlags ist auf jeden Fall richtig und zukunftsweisend. Die nachhaltige Ernährungssicherung und der Umbau der Lebensmittelwirtschaft gehen mit einer deutlichen Verminderung der tierischen Produktion einher. Entscheidend wird hierbei jedoch sein, dass bei diesem Wandel - der Halbierung des Verzehrs tierischer Erzeugnisse - die Ernährungsgewohnheiten mitziehen. Das ist in Wirklichkeit die schwierigste Baustelle.“ Unsicher zeigte sich die Sprecherin hingegen, ob ein Sofortprogramm der richtige Weg sei. Sie sagte dazu: „Ob ein EU-Sofortprogramm zur Abstockung tatsächlich eine kurzfristige Handlungsoption ist, sei dahingestellt.“

Biokreis: Für andere Konzepte kämpfen

Wenig Rückhalt hat der Vorstoß des BÖLW zur sofortigen Abstockung der Tierhaltung bei Biokreis. Dessen Geschäftsführer Josef Brunnbauer sagte agrarheute: „Wir müssen für andere Konzepte kämpfen, und das bedeutet zum einen mehr Bio und zum anderen geschlossene Nährstoffkreisläufe bei unseren konventionellen Kollegen. Darüber hinaus braucht es einen umfassenden Einsatz von PAP (processed animal protein) bei der Geflügel- wie bei der Schweinefütterung. Wir brauchen nicht pauschal weniger Tierhaltung, sondern neue Düngekonzepte und geschlossene Nährstoffkreisläufe.“

Naturland: Scharfe Kritik an sofortiger Abstockung

Deutliche Kritik am Vorschlag des BÖLW übt Naturland-Präsident Hubert Heigl. Er erklärte zu einem EU-Sofortprogramm zur Abstockung der Tierbestände: „Tierhaltung hängt ab von den Lebenszyklen der Tiere. Ein Ferkel, das jetzt geboren wird, lebt und frisst zehn Monate, bevor es geschlachtet wird. Eine Kuh muss mehr als zwei Jahre alt werden, bevor sie zum ersten Mal Milch gibt. Wie soll da ein einjähriges Sofortprogramm Wirkung entfalten?“ Eine kurzfristige Prämie zur Abstockung würden laut dem Naturland-Präsident vermutlich vor allem kleinere Betriebe mit steuerlich bereits abgeschriebenen Ställen nutzen, um ganz aufzuhören. Heigl sagte: „Eine Stalltür, die einmal zu ist, öffnet sich nicht mehr. Damit schädigen wir genau die regionalen Wertschöpfungsketten, die wir für einen nachhaltigen Umbau der Landwirtschaft brauchen.“

Gleichzeitig verwies der Naturland-Präsident darauf, dass die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs auf die internationalen Agrarmärkte das Scheitern des Systems der industriellen Landwirtschaft und Tierhaltung zeigten. Er sagte: „Wir brauchen jetzt nicht nur mehr Tempo bei der Energiewende, sondern müssen auch die Agrar- und Ernährungswende vorantreiben.“ Forderungen nach einem Aussetzen des Green Deals lehnt Heigl ab. Notwendig sei eine flächengebundene Tierhaltung, eingebettet in regionale ökologische Kreisläufe und damit unabhängiger von Dünger- und Futtermittelimporten. Heigl betonte: „Der Öko-Landbau ernährt seine Tiere vorwiegend von den eigenen Flächen. Das führt automatisch zu geringeren Tierzahlen.“ Um auch konventionellen Betrieben eine Anpassung der Tierzahlen zu ermöglichen, brauche es aber einen geordneten Umbau.

DBV: Keine Landwirtschaft ohne Tierhaltung

Auch der Deutsche Bauernverband (DBV) äußerte sich gegenüber agrarheute zur Forderung des BÖLW: DBV-Generalsekretär Bernhard Krüsken sagte: "Mit populistischen und wenig durchdachten Effekthaschereien leisten wir keinen Beitrag zur Krisenbewältigung. Landwirtschaft ohne Tierhaltung funktioniert nicht besonders gut, das gilt gleichermaßen im klassischen und im ökologischen Landbau.“

Wie steht das BMEL zu einem Sofortprogramm zur Abstockung der Tierhaltung?

Auf die Frage von agrarheute an das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL), wie dieses zu einer sofortigen Abstockung der Nutztierbestände stehe, antwortete eine Sprecherin: „Für das BMEL ist klar, qualitativ hochwertige Getreide müssen grundsätzlich vorrangig Menschen zugutekommen. Die aktuelle Situation führt uns vor Augen, dass wir andere Formen der Ernährung brauchen, um das Recht auf Nahrung weltweit sicherzustellen. Es ist daher Ziel des BMEL, für die Interessen der Betriebe, des Tierwohls, der Natur und zur Förderung einer gesunden, stärker pflanzenbasierter Ernährung unsere Landwirtschaft und unser Ernährungssystem zu transformieren hin zu mehr Nachhaltigkeit und mit Fokus auf eine Kreislauf-Landwirtschaft. Dabei wird die landwirtschaftliche Tierhaltung Teil der Kreislaufwirtschaft bleiben, insbesondere auch als Lieferant von Wirtschaftsdünger."

Die BMEL-Sprecherin fügte hinzu: "Zum Erreichen einer nachhaltigen Landwirtschaft ist der Umbau der Tierhaltung notwendig. Dabei wird die Entwicklung zu einer artgerechteren Tierhaltung durch ein verbessertes Platzangebot auch zu einer Verringerung der Tierzahlen führen. Auch die im Koalitionsvertrag vorgesehene Orientierung der Entwicklung der Tierbestände an der Fläche wird Einfluss auf den Umfang der tierischen Erzeugung nehmen. Durch die Änderung der Ernährungsgewohnheiten in der Gesellschaft und dem zurückgehenden Fleischverbrauch ergibt sich auch auf der Verbraucherseite ein gutes Handlungsfeld für diese Entwicklung.“

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