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Landwirtschaft in der Ukraine

Ukraine: „Wir säen, aber der Krieg geht weiter“

Bodenbearbeitung Ukraine
am Freitag, 08.04.2022 - 05:15 (24 Kommentare)

Im Norden der Ukraine ist die russische Armee auf dem Rückzug. Der niederländische Landwirt Kees Huizinga ist daher auf seinen Betrieb südlich von Kiew zurückgekehrt. Die Frühjahrsaussaat läuft – irgendwie. Denn die Versorgung mit Saatgut und Diesel ist schwierig.

Rund vier Wochen ist es her, dass der niederländische Landwirt Kees Huizinga im Gespräch mit der Redaktion agrarheute erstmals über die Lage auf seinem Betrieb in der Ukraine berichtete. Damals hatte der Krieg gerade erst begonnen. Die russischen Truppen marschierten auf Kiew zu.

Jetzt hat sich das Blatt gewendet, zumindest im Norden und Westen des Landes. Die Russen haben sich - von der ukrainischen Armee geschlagen - zurückgezogen. Kampfhandlungen finden in der Nähe der Stadt Uman, 180 km südlich von Kiew, wo Huizingas Betrieb liegt, nicht statt. Darum können die Mitarbeiter des Betriebes auf den Feldern arbeiten, ohne durch Minen oder direkten Beschuss gefährdet zu sein.

Das Sommergetreide ist ausgesät

„Wir haben jetzt die Sommergerste und den Sommerweizen im Boden“, erzählt Huizinga am Telefon. Im Vergleich zu Friedenszeiten hat er den Anbau des Sommergetreides ausgedehnt. Denn Mais und Zuckerrüben will der Betriebsleiter in diesem Jahr weniger anbauen als sonst.

„Inzwischen sind die Ersatzteile für die Einzelkornsämaschine eingetroffen“, berichtet er weiter. Damit kann nun die Aussaat von Mais, Sonnenblumen und Zuckerrüben starten. Zu Beginn des Krieges hatte Huizinga noch überlegt, in diesem Jahr keine Zuckerrüben anzubauen. Doch jetzt versucht er es mit der halben Fläche. Das hat einen Grund: Die Zuckerrüben müssen – anders als das meiste Getreide - nicht exportiert werden, sondern werden vor Ort verarbeitet.

Viele Kraftstofflager wurden durch den Krieg zerstört

Das Saatgut hat sich der Betriebsleiter „zusammengestoppelt“. Die normalen Lieferketten sind nämlich unterbrochen.Teilweise musste er auf ungebeizte, nicht abgepackte Ware zurückgreifen.

Auch die Dieselversorgung ist schwierig. „Normalerweise kaufe ich 60.000 Liter innerhalb von ein bis zwei Tagen. Jetzt sind wir froh, wenn wir in drei oder vier Wochen insgesamt 6.000 Liter bekommen“, sagt Huizinga.

Ob die von der EU-Kommission angekündigten Hilfslieferungen an Saatgut und Diesel in der Ukraine ankommen, kann er nicht beurteilen. Sein Betrieb kauft sich über verschiedene Quellen zusammen, was gerade benötigt wird. „Die Marktlage ist chaotisch. Viele Kraftstofflager im Land wurden bei den Kämpfen zerstört“, erläutert der Landwirt.

Die Milcherzeugung geht weiter

Huizinga hat viel Glück gehabt. Bis in seine Region sind die Russen nicht vorgedrungen. Im Dorf ist nur eine - vermutlich fehlgesteuerte – Rakete eingeschlagen. Verletzt wurde niemand. Der Landwirt hält die Lage für ziemlich sicher, ganz anders als in anderen Landesteilen.

Immer wieder erreichen ihn Nachrichten, Fotos und Videos von Kollegen im Osten und Südosten der Ukraine. Sie zeigen erschossene Kühe, ein geplündertes Büro oder völlig zerstörte Stallungen und abgebrannte Maschinen.

Auf seinem Betrieb geht die Milcherzeugung weiter. Die Milch wird abgeholt, verarbeitet und auch regelmäßig bezahlt. Das stabilisiert den Betrieb.

„Der Westen hat es in der Hand, den Krieg schnell zu beenden“

Allradfahrzeuge auf einer Farm in der Ukraine

Fast den ganzen März hat Kees Huizinga genutzt, um in der EU für mehr Unterstützung für die Ukraine zu werben. Der Niederländer war Gast in Fernsehshows, aber auch im Europäischen Parlament und im Bundestag. „Ich bin auf großes Verständnis gestoßen, aber es wird zu viel geredet und zu wenig gehandelt“.

Darum hat er auch geholfen, direkte Hilfslieferungen zu organisieren. Eine davon umfasste mehr als 100 Allrad-Pkw für die ukrainischen Streitkräfte. Die Geländewagen wurden von Mitgliedern eines ukrainischen Bauernverbandes angekauft oder sind Spenden.

Ich frage Huizinga, ob er mit einem langen Krieg rechnet? „Das hat der Westen in der Hand. Macron und vor allem Scholz müssen härter auftreten“, fordert der Niederländer. Die Politik der Bundesregierung ärgert ihn ganz besonders: „Deutschland kauft weiter russisches Gas, schaltet seine Atomkraftwerke ab und legt Ackerflächen still. Das ist doch verrückt“, sagt Huizinga. Dann beenden wir das Gespräch, denn die Aussaat muss weitergehen.

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