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Tierhaltung

Wie der Umbau der Nutztierhaltung gelingt

Henne-Legehenne-Gefluegel
am Dienstag, 01.11.2022 - 05:30 (4 Kommentare)

Im Gespräch mit agrarheute schildert der neue Geschäftsführer des Zentralverbandes der Deutschen Geflügelwirtschaft, Wolfgang Schleicher, wie der Umbau der Nutztierhaltung gelingen kann, obwohl die Umsetzung der Pläne der Borchert-Kommission ins Stocken geraten ist.

„Wenn das Bundeslandwirtschaftsministerium die Nutztierbestände in Deutschland verkleinern will, sollte auch ehrlich gesagt werden, dass die Versorgungssicherheit bei Fleisch politisch als nicht wichtig angesehen wird.“ So kritisiert Wolfgang Schleicher, seit Oktober 2022 neuer Geschäftsführer des Zentralverbandes der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG), gegenüber agrarheute jüngste Forderungen aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium, die Tierbestände zu verkleinern. Schleicher erklärt: „Eine Abstockung der heimischen Tierbestände führt unweigerlich zu einer Verlagerung der Produktion ins Ausland. Dazu braucht es nicht einmal Verbote, es reicht die Fortführung der bisherigen zaudernden Politik der Bundesregierung.“

Warum Fleisch noch lange stark nachgefragt bleibt

Schleicher rechnet vor, warum Fleisch noch lange auf eine starke Nachfrage in Deutschland trifft: Zwischen den Jahren 2000 und 2018 lag der Fleischverzehr pro Kopf in Deutschland relativ konstant bei rund 61 Kilogramm. Zwar gab es seitdem einen Rückgang um rund 6 Kilogramm pro Kopf (im Jahr 2021). In diesen Zahlen berücksichtigt sei nicht die steigende Nachfrage nach bestimmten Arten von Fleisch, insbesondere von Geflügel. Schleicher betont: „Da der Fleischverzehr auf absehbare Zeit hoch bleiben wird, brauchen wir auch zukünftig eine leistungsfähige und nachhaltige Nutztierhaltung in Deutschland. Andernfalls machen wir uns abhängig von ausländischer Versorgung - wie zerbrechlich dieses blinde Vertrauen auf Importe ist, zeigen sowohl Corona als auch der Krieg in der Ukraine.“

Warum es nicht genug Planungssicherheit für den Umbau der Nutztierhaltung gibt

Wolfgang-Schleicher-ZDG-Geschaeftsfuehrer

Schleicher lobt die Pläne der Borchert-Kommission als gute Möglichkeit, den Umbau der Nutztierhaltung umzusetzen. Neben den unaufschiebbaren und zwingend notwendigen Erleichterungen im Bau- und Immissionsrecht brauche es eine ausreichende Finanzierung. Die von Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir angekündigte eine Milliarde Euro über vier Jahre kritisiert Schleicher als unzureichend in Bezug auf die Höhe und die Dauer: „Wer einen neuen Tierwohlstall baut, legt sich auf zwanzig Jahre fest. Fünf Milliarden Euro pro Jahr für die Dauer von 20 Jahren ist der von der Borchert-Kommission ermittelte Mindestinvestitionsbedarf. Die Bauern kriegen vom Bund jetzt eine Milliarde Euro für vier Jahre. Da muss man kein Hellseher sein, um zu wissen, dass das nicht klappen kann.“

Planungssicherheit durch Sondervermögen Nutztierhaltung

Schleicher fordert zur Sicherung der Finanzierung des Umbaus der Nutztierhaltung ein „Sondervermögen Tierhaltung“. Dieses sollte nach dem Vorbild des Sondervermögens zur Stärkung der Bundeswehr eingerichtet und aus den „derzeit übersprudelnden Einnahmen der Umsatzsteuer“, so Schleicher, finanziert werden. Nur ein zweckgebundenes Vermögen, das Legislaturperioden überdauere, könne den Nutztierhaltern ausreichend Garantien für den Umbau der Tierhaltung geben und den Tierhaltungsstandort Deutschland sichern.

Höhere Nachfrage nach Tierwohl-Fleisch entscheidend

Abschließend betont Schleicher, dass für den erfolgreichen Umbau der Nutztierhaltung eine hohe einheimische Nachfrage nach Tierwohl-Fleisch unverzichtbar sei. Er sagt: „Wenn die Menschen in diesem Land künftig nicht deutlich mehr Tierwohl-Fleisch als heute verzehren und auch dafür deutlich tiefer in die Tasche greifen, dann subventioniert der Staat mit den Borchert-Plänen gegen den Markt an.“ Die Fleischwirtschaft wird immer das liefern, was ihre Kundinnen und Kunden bestellten und bezahlten. Angesichts der durch den Ukrainekrieg bereits jetzt deutlich erkennbaren Nachfrageverschiebung weg von Tierwohl-Produkten zweifelt Schleicher, dass die Nachfrage nach Tierwohl-Fleisch der höheren Stufen im angekündigten staatlichen Tierwohl-Label ausreichend hoch werden wird. Er fasst zusammen: „Das heimische Tierwohl-Einstiegsprodukt im Markt ist heute schon so gut, dass die meisten Verbraucher auch künftig höhere Standards nicht vermehrt nachfragen werden.“

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