Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Bundestags- und Landtagswahlen

Wahlnachlese: Von Wahlsiegern, Wahlverlierern und Wahlpleiten

wahl_imago0136084555h
am Dienstag, 28.09.2021 - 05:00 (1 Kommentar)

Die Bundestagswahl 2021 ist vorüber. Ihre Ergebnisse hätten die meisten von uns vor wenigen Monaten wohl noch für blanke Fantasie gehalten. Wir fassen einige der unerwarteten Entwicklungen zusammen.

Lange nicht mehr war der Ausgang einer Bundestagswahl im Vorfeld so schwer abzuschätzen. Umfragen und Prognosen änderten sich in den Wochen vor der Wahl rasant. Und jetzt, nach Bekanntgabe der vorläufigen Endergebnisse, zeigt sich: Tatsächlich gab es einige Überraschungen.

Katerstimmung bei der Union

Die beiden Unionsparteien erzielten ihr schlechtestes Wahlergebnis seit 1949. In Bayern verliert die CSU 7,1 Prozent der Stimmen. Und im Wahlkreis München Süd gab es erstmals ein Direktmandat für die Grünen – im schwarzen Bayern bis vor weniger Jahren kaum denkbar.

Nicht anders bei der Schwesterpartei. Kanzlerkandidat Armin Laschet (CDU) verliert seinen Wahlbezirk Aachen an die SPD-Konkurrenz. Und auch Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner schafft es nur mit Hilfe der Landesliste in den neuen Bundestag. Auch ihren Wahlbezirk Bad Kreuznach hat der SPD-Kandidat gewonnen.

Prominente Duelle zugunsten der SPD

Aber auch andere prominente Direktkandidaten hatten es nicht einfach. So büßt der bisherige Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) seinen Wahlkreis Saarlouis gegen Außenminister Heiko Maas (SPD) ein. Und in Potsdam kommt Annalena Baerbock (Grüne) im Duell mit Olaf Scholz (SPD) nur auf gut halb so viele Stimmen wie der Konkurrent (18,8 zu 34,0 Prozent).

Damit konnte von den drei Kanzlerkandidaten nur Scholz ein Direktmandat nach Hause tragen.

Robert Habeck hat – im Gegensatz zu seiner Parteikollegin Baerbock – mit 28,1 Prozent sein Direktmandat in Flensburg-Schleswig errungen.

Agrarpolitiker mit und ohne Mandat

Von den Agrarpolitikern und bisherigen Mitgliedern im Agrarausschuss konnten ihr Mandat unter anderem erneuern:

  • Gitta Connemann (CDU)
  • Albert Stegemann (CDU)
  • Carina Konrad (FDP)
  • Gero Hocker (FDP)
  • Harald Ebner (Grüne) und
  • Renate Künast (Grüne)

Nicht mehr dabei sind dagegen:

  • Alois Gerig (CDU)
  • Hans-Georg von der Marwitz (CDU)
  • Johannes Röring (CDU)
  • Rainer Spiering (SPD)
  • Kirsten Tackmann (Linke) und
  • Friedrich Ostendorf (Grüne).

Die Stimmenkönige

Nicht unerwähnt bleiben sollten die jeweiligen Stimmenkönige ihrer Parteien, die in ihren Wahlkreisen jeweils für Rekordergebnisse bei den Erststimmen gesorgt haben:

  • SPD: Johann Saathoff mit 52,8 Prozent (Wahlkreis Aurich-Emden)
  • CDU: Silvia Breher mit 49,0 Prozent (Wahlkreis Cloppenburg-Vechta)
  • CSU: Emmi Zeulner mit 47,8 Prozent (Wahlkreis Kulmbach)
  • Grüne: Cem Özdemir mit 40,0 Prozent (Wahlkreis Stuttgart) und
  • AfD: Tino Chrupalla mit 35,8 Prozent (Wahlkreis Görlitz)

Die SPD als Überflieger

Die Sozialdemokraten sind stärkste Fraktion geworden. 1,6 Prozent liegt (nach vorläufigem Endergebnis) Rot vor Schwarz. Das sah vor einigen Monaten noch ganz anders aus. Forsa-Umfragen hatten der SPD beispielsweise Mitte April noch Werte um die 13 Prozent bescheinigt.

Aber bei allem Jubel: Auch die SPD kann nicht nur auf Erfolge verweisen. Bei den Erstwählern kommen die Sozialdemokraten beispielsweise nur auf 15 Prozent. Das zeigt eine Nachwahl-Befragung von Infratest Dimap im Auftrag der ARD.

Erstwähler geben vor allem zwei Parteien ihre Stimme

Wer nun glaubt, bei den jungen Wählern sei eh alles grün, der irrt. Zwar sind die Grünen laut Infratest mit 23 Prozent tatsächlich an der Spitze, aber nicht allein: Gleichauf liegt die FDP (in ersten Ergebnissen vom Wahlabend hatten die Liberalen sogar mit zwei Prozentpunkten die Nase vorn).

Weit weniger gut schnitten die bisherigen Koalitionsparteien ab: wie erwähnt 15 Prozent für die SPD und sogar nur 10 Prozent für CDU/CSU. Und auch an den Rändern sieht es eher mager aus: Bei den Erstwählern kamen die Linke auf 8 und die AfD auf 7 Prozent.

Die Linken nur dank Direktmandaten im Bundestag

Die 8 Prozent der Erstwähler wären für die Linke allerdings – über die Gesamtwählerschaft betrachtet – wohl noch ein Traumergebnis. Bundesweit kam Dunkelrot nämlich nur auf 4,9 Prozent und scheiterte damit an der 5-Prozent-Hürde.

Dank einer Sonderregel im deutschen Wahlgesetz wird die Partei aber wohl trotzdem in Fraktionsstärke im nächsten Bundestag sitzen: Die sogenannte Grundmandatsklausel besagt nämlich, dass Parteien mit mindestens drei Direktmandaten Sitze entsprechend ihrem Zweitstimmenergebnis erhalten, auch wenn das unter 5 Prozent lag.

FDP kann Koalitionen machen und verhindern

Für die FDP sieht es zwar bezogen auf alle Wähler weit weniger glamourös aus als bei den Erstwählern, dennoch kommt die Partei mit 11,5 Prozent auf ein besseres Ergebnis als vor vier Jahren. Und sie ist als Koalitionspartner in einer guten Position, da sowohl Schwarz-Grün als auch Rot-Grün einen weiteren Mitstreiter bräuchten und für SPD und Grüne die Linken dank ihres schwachen Ergebnisses nicht mehr zur Verfügung stehen.

Sollten also die beiden großen Parteien lieber mit den Grünen als miteinander eine Regierung bilden wollen, geht das wohl nicht ohne die FDP.

Grüne mit starkem Zuwachs, aber dennoch Bauchschmerzen

Die Grünen haben bundesweit nicht nur ihr bestes Ergebnis seit Parteigründung abgelegt, sondern auch die höchste Zuwachsrate aller Parteien vorzuweisen.

Trotzdem dürfte die Begeisterung etwas gebremst sein, denn noch vor wenigen Monaten erschien eine grüne Kanzlerschaft in greifbarer Nähe. Von diesem Machtanspruch ist die Partei nach der Wahl weit entfernt. In keiner möglichen Koalition wäre sie „Häuptling“.

Mecklenburg ist rot wie nie zuvor

Und auch bei den beiden Landtagswahlen am Bundestagswahlsonntag sind die grünen Gefühle wohl eher gespalten. In Mecklenburg-Vorpommern erreichte die Partei mit 7 Prozent zwar einen Zuwachs zur letzten Wahl von 2,2 Prozentpunkten, ist aber immer noch nur fünftstärkste Kraft im Land und gewinnt keinen einzigen Wahlkreis.

Der große Sieger in Mecklenburg-Vorpommern ist die SPD, die bis auf zwei Ausnahmen (einmal AfD, einmal CDU) auch alle ihre Direktkandidaten in den Landtag schicken kann. Und weil wir vorhin schon mal bei den Stimmenkönigen waren: Keiner holte mit 51,5 Prozent bei der Landtagswahl so viele Stimmen für seine Direktkandidatur wie Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD).

Berlin bleibt wohl weiter Rot-Rot-Grün

In Berlin hat es für die Grünen nicht ganz zum ersten Platz gereicht, obwohl Umfragen vor wenigen Monaten einen klaren Wahlsieg erahnen ließen. Am Ende hatte auch in der Hauptstadt die SPD mit 23,5 Prozent um etwa einen Prozentpunkt die Nase vorn.

Zum gemeinsamen Regieren reicht das für die beiden Vornplatzierten nicht, aber hier steht auch weiterhin die Linke (11,5 Prozent) zur Verfügung, auch wenn es für sie mit –7,3 Prozent ebenso wie auf Bundesebene eine Riesenklatsche gab. Damit wäre eine weitere Legislaturperiode Rot-Rot-Grün (oder eher Rot-Grün-Rot) möglich.

Erwähnenswert: Die Tierschutzpartei hat unter den „Sonstigen“ in Berlin die meisten Stimmen geholt.

Tohuwabohu an der Spree

Das alles allerdings vorbehaltlich der Tatsache, dass es nicht noch eine Wiederholung der Wahlen in der Bundeshauptstadt gibt.

An mehreren Wahllokalen standen sich am Sonntag nämlich die Wähler die Beine in den Bauch. Grund: Es fehlte an Wahlzettelnachschub. Ursache waren vor allem Verkehrsbehinderungen durch den zeitgleich stattfindenden Berlin-Marathon.

In einem Wahllokal im Grunewald wurden die letzten Stimmen erst 19:30 Uhr abgegebn, also lange nach Bekanntgabe der ersten Hochrechnungen. Viele der Wartenden hatten bis dahin aber ohnehin schon aufgegeben. Außerdem gab der Wahlleiter bekannt, dass in einigen Wahllokalen Stimmzettel vertauscht wurden.

Alles in allem mal wieder kein Ruhmesblatt für die Hauptstadt.

Das agrarheute Magazin Die digitale Ausgabe Oktober 2021
agrarheute digital iphone agrarheute digital macbook
cover_agrarheute_magazin_1634488201.jpg

Kommentar

agrarheute.comKommentare werden geladen. Bitte kurz warten...