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Wald ohne Nutzung: Warum Naturschützer auf dem Holzweg sind

Ein Mann sitzt auf einem Ast und sägt ihn unter sich ab.
am Montag, 09.08.2021 - 13:55 (1 Kommentar)

Wir Deutschen wollen viel von unserem Wald. Manch Naturschützer ist das zu viel. Das Heil wäre im Nutzungsverzicht zu suchen. Doch gerade in der Nutzung stecken Chancen. Lesen Sie!

Es könnte so schön sein: Deutschlands Wälder als Retter in der Not. Bäume gegen die Klimakrise, das Artensterben, Überflutungen und Hitzewellen. Der Schlüssel dazu wäre, den Wald in Teilen oder sogar weitestgehend aus der Nutzung zu nehmen. Lasst die Bäume wachsen, ist das Credo mancher Naturschützer. Es würde schon bald ein stabiler Mischwald entstehen, der unsere CO2-Sünden aufsaugt und alle Probleme wegwächst.

Ein schöner Traum. Aber eben nur ein Traum. Denn Nutzungsverzicht ist mitnichten der Schlüssel. Das beste Modell für Deutschland ist und bleibt eine integrative Forstwirtschaft. Wir brauchen den Wald, der Schutz-, Nutz- und Erholungsfunktion unter seinem Kronendach vereint. Alles andere sind Ideen, die sich zwar gut anhören und auf den ersten Blick schlüssig sind, aber mit der Wirklichkeit nicht zusammenpassen. Die die Situation sogar schlimmer machen können. Mitunter hilft ein Realitätscheck.

Landwirte sind als Waldbesitzer auf die Einnahmen angewiesen

Zuallererst blendet so eine Forderung aus, dass in Deutschland rund die Hälfte der Wälder in privater Hand ist. Viele Waldbesitzer sind Landwirte, die ein paar Hektar haben und für die ihr Wald Notnagel oder Altersvorsorge ist. Ihnen zu sagen, sie sollten auf diese Einnahmen verzichten, ist blanker Hohn. Zumal viele sich ohnehin alleingelassen fühlen, weil sie den notwendigen Umbau hin zu klimastabilen Wäldern beinahe allein stemmen müssen.

Im Kampf gegen den Artenschwund hilft es auch nur bedingt, Urwälder herbeizureden. Zum einen wird es viele, viele Jahrhunderte dauern, bis ein Wald wieder zu einem natürlichen Gleichgewicht gefunden hat. Zum anderen ist die Artenvielfalt in einem naturnah bewirtschafteten Wald vergleichbar hoch wie in einem Urwald. Es stimmt einfach nicht zu sagen: Hier ist der wüste Wirtschaftswald, dort das Paradies aus Wildnis. Ein Mischwald mit seinem Baumartenschatz aus Buche, Tanne, Bergahorn, dazu mehrere Alter und Lichtverhältnisse ist ein Geschenk für den Artenschutz. Die Zeit der Fichtenmonokulturen ist ohnehin vorbei, 76 Prozent der deutschen Wälder sind längst Mischwälder, die Naturnähe nimmt überall zu.

Die Klimakrise

Das zeigen auch die letzten Jahre: Die Fichte verschwindet, entweder mit Käfer oder ohne. Denn die Klimakrise ist längst in Deutschland angekommen. Jetzt darauf zu setzen, dass sich diese Kahlflächen selbst wieder zu Wald entwickeln, verkennt den Ernst der Lage.

Forstverwaltungen gehen von einem Temperaturanstieg von bis zu vier Grad in den nächsten Jahrzehnten aus. Es geht also längst darum, das System Wald zu erhalten und nicht irgendeine romantische Vorstellung von Wäldern, in denen Schneewitchen die sieben Zwerge besucht.

Zudem sind Urwälder und ihre Vorräte endlich. Irgendwann ist die CO2-Bindung in einem Urwald ausgeschöpft. Im Wirtschaftswald ist das Entnehmen und am besten langfristige Festlegen von Kohlendioxid Klimaschutz in bester Manier. Das heißt natürlich nicht, dass Totholz oder Methusalem-Bäume keine Existenzberechtigung haben. Sie sind Teil eines lebendigen, naturnahen Waldes, in dem die Nutzung ebenso richtig ist wie der Juchtenkäfer oder der Pilzesammler.

Holzpreis muss beim Waldbesitzer ankommen

Schließlich die Frage: Wo soll das Holz für uns alle herkommen? Das Holz für Häuser, für Möbel, zum Heizen? Wenn es nicht durch einen maßvollen Einschlag bei uns anfällt, holt der Markt es eben aus Sibirien oder Indonesien oder Zentralafrika. Und ob der Standard einer nachhaltigen Forstwirtschaft dort eingehalten werden kann, ist – vorsichtig formuliert – zweifelhaft.

Was es braucht, ist zweierlei. Zum einem die indirekte Hilfe für alle Waldbauern, indem Politik und Gesellschaft endlich klimatechnisch in die Gänge kommen. So lässt sich auch die Situation der Wälder entschärfen. Zum anderen Formen der direkten Hilfe. Dazu gehört ein Holzpreis, der nicht nur die Sägewerker reich macht. Dazu gehört eine gerechte Entlohnung für den praktizierten Klima- und Artenschutz im Wald. Und schließlich eine gute Beratung gerade auch der Privatwaldbesitzer.

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