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Deutscher Bauerntag

Wege aus der Milchkrise: Marken, Image, Verträge, Export

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Redaktion agrarheute, agrarheute
am
30.06.2016

Beim Deutschen Bauerntag ging es natürlich auch um die Milch. Das Forum war proppenvoll, das Podium gut besetzt.

Im Rahmen des Forums zum Milchmarkt auf dem Deutschen Bauerntag in Hannover erklärte der scheidende DBV-Vizepräsident Udo Folgart: "Wir brauchen keinen Staat oder Verband, der uns sagt, wie viel wir zu produzieren haben, das ist Aufgabe der Wirtschaft."

Diskussionen um allgemeinverbindliche Mengenreduzierungen seien "politische Geisterdebatten", erklärte Folgart. Gleichwohl erneuerte er die Forderung nach kurzfristigen Unterstützungsmaßnahmen. Die von der Bundesregierung angekündigten 100 Millionen Euro seien dabei bei weitem nicht genug. Notwendig seien unter anderem Liquiditätshilfe- und Bürgschaftsprogramme.

"Wir brauchen Marken, bessere Wertschöpfung und Drittländer, in die wir exportieren können", führte Folgart weiter aus und brachte dabei auch persönliche Erfahrungen aus einer Iran-Reise an. Dort habe er am Frühstücksbuffet ein "sehr begrenztes" Angebot an Milchprodukten bemerkt. Dies seien Märkte, die es - auch mit Hilfe von Hermesbürgschaften - zu erschließen gelte.

'Mehr Wettbewerb im Milchsektor'

"Am Besten wäre mehr Wettbewerb im Milchsektor", befand der Präsident des Bundeskartellamtes, Andreas Mundt in dem Forum und lehnte zugleich eine neue Milchquote ab. Bei der letzten Milchkrise im Jahr 2009 habe der Milchpreis bei 25 Cent pro Kilo Milch gelegen. "Damals hatten wir eine Quote, besser war es nicht", sagte Mundt.

Mundt warnte zudem vor der Schaffung von Molkereikartellen als Gegengewicht zur Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel. "Die Bildung eines Kartells ist nie eine gute Idee gewesen", sagte er. Das bedeute nicht, dass es keine Kooperationsmöglichkeiten zwischen Genossenschaften geben könne, etwa über Gemeinschaftsunternehmen verschiedener Molkereien.

"Wir wollen überprüfen, ob diese Spielregeln stimmen", sagte Mundt zu der im Mai gestarteten Untersuchung der Lieferbeziehungen zwischen Landwirten und Molkereien. Dabei stünden vor allem diese fünf Punkte auf dem Prüfstand:

  • 100%ige Andienungspflicht der Erzeuger
  • lange Vertragslaufzeiten; laut Mundt hätte 60 Prozent der Landwirte Verträge über 24 Monate
  • Abnahmepflicht der Molkereien
  • Referenzpreismodelle und die starke Preistransparenz auf dem Milchmarkt
  • Systematik der Auszahlungspreise

'Preise kein Ausdruck ethischer Relevanz'

"(Milch-)Preise sind kein Ausdruck ethischer Relevanz sondern dem Markt ausgesetzt", sagte Prof. Dr. Sebastian Hess von der Universität Kiel im Forum zu der Diskussion um den derzeit niedrigen Milchpreis. Laut Hess wäre es eine Möglichkeit bei den Genossenschaftsmolkereien, den Verkauf von Standardprodukten zu bündeln.

Laut Hess gebe es die starke Volatilität auf dem Milchmarkt bereits seit 2007. Auf der Suche nach der Beherrschbarkeit könnten auch Warenterminmärkte eine Lösung sein, wobei hier aber noch großer Informationsbedarf bestehe.

Zudem habe eine Umfrage unter Milchbauern in Westdeutschland ergeben, dass nach wie vor noch große Unterschiede im kalkulatorischen Betriebszweiergebnis von bis zu 13 Cent/kg Milch bestünden. Diese Diskrepanz könnte unter anderem durch

  • den Anteil Milch am Grundfutter
  • die Langlebigkeit der Tiere
  • und den Ausbau der Beratung in den Genossenschaften

verbessert werden.

Forderungen des DBVs

Im Plenum wurden im Anschluß die Ergebnisse des Forums vorgestellt. Demnach liegen die Gründe für die derzeitige Krise im Milchmarkt insbesondere in globalen Entwicklungen. Trotzdem zeigt die jetzige Preiskrise die noch ungenutzten Wertschöpfungspotentiale im deutschen Milchsektor auf.

Laut DBV müssen zwischen den Landwirten und ihren Molkereien modernere und marktgerechte Abstimmungen zu Anlieferungsmengen und Erzeugerpreisen getroffen werden. Die zunehmenden Preisschwankungen im Milchmarkt könnten nicht allein durch die Landwirte geschultert werden.

Die Strukturen des deutschen Milchsektors seien zudem insbesondere mit Blick auf die Marktmacht des Lebensmitteleinzelhandels unzureichend und dementsprechend anzupassen. Von den deutschen Molkereien wird deshalb gefordert, klare strategische Unternehmensziele im Sinne der Milchbauern zu verfolgen.

Der internationale Vergleich zeigt auf, dass die deutschen Molkereien an Boden verloren haben, insbesondere in Bezug auf Markenbasis, Wertschöpfung in Drittlandsmärkten und Größe. Die europäische und nationale Politik müsse diese Prozesse begleiten. Hierzu gehörten steuerliche Anreize

  • zur einzelbetrieblichen Risikovorsorge,
  • die Verbesserung des Marktzuganges zu Drittstaaten sowie
  • die Stärkung des Sicherheitsnetzes (bestehend aus Privater Lagerhaltung und Öffentlicher Intervention).

Angesichts der Krise gilt es außerdem, kurzfristig die Liquidität der Betriebe zu sichern.

Deutscher Bauerntag 2016 in Hannover in Bildern

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