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Wildbach ausgebaggert: Alpbauern im Fokus der Ermittlungen

Enormer Eingriff in einem sensiblem Gebiet: Jetzt muss geklärt werden, wer verantwortlich ist, dass in den Verlauf des Rappenalpbachs auf dem 1,6 km langen Teilstück unweit von Oberstdorf so massiv eingegriffen wurde.
am Montag, 05.12.2022 - 10:30 (Jetzt kommentieren)

Groß ist die Aufregung über die durchaus deutlichen baulichen Eingriffe auf einem Teilstück des Rappenalpbachs unweit von Oberstdorf. Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln. im Fokus stehen Mitglieder einer Weidegenossenschaft. Ein Landwirt spricht von „Verkettung unglücklicher Umstände“.

Oberstdorf/Lks. Oberallgäu. Auf einer Länge von etwa 1,6 Kilometern sei das Ökosystem Rappenalpbach mit schwerem Gerät „massiv geschädigt“ worden, „ist alles tot“, beschreiben Umweltschützer das Ergebnis der Arbeiten mit drastischen Worten. Die Bachsohle sei in weiten Teilen zerstört worden, seltene Kleinstlebewesen verschwunden.

Alpbauern unter Verdacht: Es wurden grobe Fehler gemacht

Unter Verdacht und am Pranger stehen Alpbauern, Mitglieder einer Weidegenossenschaft, die sich hier seit mehreren hundert Jahren darum kümmern, dass die Flächen in einem guten Zustand sind und bleiben. „Wenn die nicht hier wären, dann gäbe es gar nichts zu schützen“, sagt dem Wochenblatt indes ein Landwirt, der als Unternehmer selbst mit der Materie bestens vertraut ist, aber namentlich nicht genannt werden will. „Hier wird ein ganzer Berufsstand diffamiert“, meint er und hält den Umgang und die Vorverurteilung der Landwirte für nicht gerechtfertigt.

„Es sind sicher grobe Fehler gemacht worden“, räumt er ein, sieht die Fehler allerdings weniger bei den Alpbauern als vielmehr in einer „Verkettung unglücklicher Umstände“. Nach einer Razzia bei einem Mitglied der Weidegenossenschaft fragt er sich, wie so ein „völlig unverhältnismäßiges“ Vorgehen wohl bei anderen Genossenschaftsvorständen ankommt?

Der Reihe nach: Die Weidegenossenschaften sind verpflichtet, ihre Flächen zu pflegen und in einem solchen Zustand zu erhalten, dass sie u. a. zuschussfähig bleiben. Das sei schon lange so. Außerdem sei das auch gleichermaßen wichtig für einen funktionierenden Tourismus und den Naturschutz. Und das habe über Jahrhunderte funktioniert.

Wildbach spült Geröll auf Weideflächen: Landwirte sahen Handlungsbedarf

Im Zuge des eintretenden Klimawandels komme es nun aber immer mehr zu Starkregenereignissen. Diese hätten zuletzt immer stärker dazu geführt, dass Kies und Geröll mit dem reißenden Wasser nach unten verfrachtet wurden und sich in angrenzenden Weideflächen angesammelt hatte. Die Weidegenossenschaft sah sich also zum Handeln gezwungen. Bei einem Termin mit dem Landratsamt vor Ort seien „vereinzelte, punktuelle Gewässerunterhaltungsmaßnahmen“ abgesprochen worden. Die Landwirte hatten daraufhin eine Firma damit beauftragt, Abhilfe zu schaffen.

Dann seien erste Fehler passiert. Dass hier gleich drei Bagger gleichzeitig angefahren wurden, lasse den Schluss zu, dass hier nicht mit Augenmaß, sondern eher im „Hau-Ruck-Verfahren“ geplant und gearbeitet wurde. Entscheidend in der Folge seien wohl fehlende Absprachen des Unternehmers mit seinen Baggerführern gewesen. In so einem sensiblen Bereich hätte es entsprechend erfahrene Leute gebraucht, die gewusst hätten, dass man nicht so tief baggern dürfe, weil sonst die Bachsohle zerstört würde. In einer zerstörten Bachsohle versickere das Wasser, anstatt das Geschiebe weiter zu transportieren.

Viel Kies und wenig Bauaufsicht? Staatsanwaltschaft Kempten ermittelt

Ein weiteres Problem: Der Bach sei zu sehr begradigt und Kies an den Wänden aufgetürmt worden. Früher habe man solchen Kies zum Wegebau genutzt, heute brauche man das Material meist nicht mehr vor Ort. Die enormen Mengen müssten weit weg gefahren werde, was sich aufgrund der hohen Transportkosten aber nicht mehr lohne.

Natürlich könne man fragen, ob sich die Verantwortlichen der Weidegenossenschaft laufend ein Bild vom Fortgang der Arbeiten gemacht haben, oder ob sie hätten einschreiten können. Dies wird wohl tatsächlich zu klären sein im Rahmen der strafrechtlichen Aufarbeitung, denn der ganze Vorgang liegt inzwischen bei der Staatsanwaltschaft Kempten. Aber auch Landratsamt und Wasserwirtschaftsamt sieht der anonyme Landwirt in der Pflicht.

Wildbach-Schäden könne man wieder in den Griff bekommen

Gleichwohl sei davon auszugehen, dass das Ganze „wieder in den Griff zu bekommen sei“, sagt uns der Fachmann. Ein solcher Eingriff sei eigentlich eine schöne Arbeit, man könnte vereinzelt Biotope oder Kiesdepots anlegen. Wichtig sei, mit Bedacht vorzugehen – und mit zeitlichem Verzug. Was freilich bedeutete hätte, dass die Bagger mehrfach hätten hin- und weggebracht werden müssen - und das kostet Geld.

Was den Landwirt aber am meisten stört, ist die sofortige Empörung und Anklage der Weidegenossen in der Öffentlichkeit. „So geht man nicht mit den Leuten um“, findet er. Wenn die Vorstandschaft der Weidegenossenschaft, die das Erbe ihrer Vorgänger stets mit Bedacht fortgeführt haben, nun hinschmeißen würden, wäre niemandem geholfen. Denn auch da seien Fachleute gefragt.

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