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Artenschutz

Darum sind Wissenschaftler gegen das Volksbegehren

am Mittwoch, 02.10.2019 - 09:11 (Jetzt kommentieren)

Das Volksbegehren "Rettet die Bienen" in Baden-Württemberg schlägt hohe Wellen. Wissenschaftler der Universität Hohenheim nennen Gründe, warum man nicht unterschreiben sollte.

Bienen

In Baden-Württemberg erhalten die Landwirte im Protest gegen das Volksbegehren "Rettet die Bienen" Unterstützung von Wissenschaftlern aus Hohenheim.  Die Forderungen zum Stopp des Insektensterbens in Baden-Württemberg gehen deutlich über das bayerische Vorbild hinaus. Entsprechend größer ist auch der Widerstand der Landwirte.

 Das Volksbegehren „Artenschutz: Rettet die Bienen“ ist eine Initiative von „proBiene - Freies Institut für ökologische Bienenhaltung“. Zahlreiche Verbände wie BUND BW, NABU BW, Demeter BW oder Naturland BW unterstützen es, Bioland aber nicht.

Die Forderungen im Überblick:

  • Der Anteil der ökologischen Landwirtschaft soll bis 2035 auf 50% erhöht werden
  • In Naturschutzgebiete sollen Pestizide verboten werden
  • Flächen auf denen Pestizide eingesetzt werden sollen sich bis 2025 halbieren
  • Streuobstwiesen sollen geschützt werden

Pflanzenschutzmittel sind nicht der alleinige Grund fürs Artensterben

AF_Spritz-Pflanzenschutzpräparat

Prof. Dr. Johannes Steidle, Fachgebiet Tierökologe, Universität Hohenheim hält das Volksbegehren zwar für sehr gut gemeint, aber schlecht gemacht.
 

Das Thema Insektensterben sei wirklich ernst, und es bleibe zu hoffen, dass die Politik schnell handele. "Ich bin dankbar, dass das Volksbegehren Aufmerksamkeit auf dieses wichtige Thema lenkt. Dennoch werde ich den Text in der vorliegenden Form nicht unterschreiben."

Laut Steidle sind die Forderungen zu sehr auf die Pestizide verengt. Sie seien sicherlich ein Faktor für das Artensterben. Aber sie zum Kern des Problems zu erklären, das gebe die Datenlage nicht her.

"Ein wirklich entscheidender Faktor wird im Volksbegehren hingegen quasi gar nicht berücksichtigt: Damit Insekten überleben können, benötigen sie Lebensräume: Fraßpflanzen, Pflanzen, an denen sie ihre Eier ablegen können, Lücken im Boden, blühende Wildpflanzen, Hecken…", regt der Wissenschaftler an.

Monokulturen mit Nutzpflanzen seien für Insekten hingegen in etwa so attraktiv wie eine geteerte Fläche. Ob man auf dieser ‚geteerten Fläche‘ dann auch noch Pflanzenschutzmittel ausbringe oder nicht, spiele letztendlich keine so große Rolle mehr.

Kritisch sieht der Hohenheimer Experte das geforderte Pauschal-Verbot sämtlicher Pflanzenschutzmittel und Biozide in Schutzgebieten. Nach seiner Auffassung fallen darunter auch die biologische Schädlingsbekämpfung und andere umweltfreundliche Methoden, ohne die biologische Landwirtschaft nicht möglich wäre.

Volksbegehren schadet Ökobauern

„Das Volksbegehren will den Ökolandbau massiv ausbauen. Ich bin jedoch überzeugt, dass die Forderungen, wenn sie 1:1 umgesetzt würden, der Branche keinen Gefallen täten. Im Gegenteil," sagt Dr. Sabine Zikeli, Leiterin des Zentrums für ökologischen Landbau, Universität Hohenheim.

Der Text des Volksbegehrens suggeriert, dass im ökologischen Landbau keinerlei Pflanzenschutzmittel eingesetzt würden. Auf den ökologischen Ackerbau treffe dies weitgehend zu. Im Obst- und Weinbau können jedoch weder Pilze noch Insekten auf diese Weise bekämpft werden. Auch beim Kartoffelanbau müssen Maßnahmen gegen den Kartoffelkäfer ergriffen werden.

Zwar kommen keine chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmittel zum Einsatz, dafür aber Kupfer, pflanzliche Präparate oder biologische Mittel, wie Viren, die auf bestimmte Insekten wirken. All dies wäre gemäß den Forderungen des Volksbegehrens jedoch nicht mehr erlaubt.

Der Plan, die biologische Landwirtschaft bis 2025 auf 25 Prozent und bis 2030 auf 50 Prozent zu erhöhen erscheint laut der Ökoerpertin unrealistisch. "Für die Erzeugnisse muss schließlich auch ein Markt da sein. Der Bio-Markt wächst zwar, aber eben nicht so schnell. Die Konkurrenz unter den biologischen Landwirten würde also erheblich zunehmen, sodass der Ökolandbau an Attraktivität verlieren würde", warnt Zikeli.

Verbände wie Demeter oder Naturland unterstützen das Volksbegehren. Zikeli vermutet allerdings, dass hier vor allem die Stimmen von Mitgliedern gehört wurden, die Ackerbau betreiben und die Konsequenzen für Sonderkulturen nicht in vollem Umfang wahrgenommen wurden. Der Verband Bioland Baden-Württemberg habe sich gegen das Volksbegehren ausgesprochen.

Anbau von Kartoffeln, Äpfeln und Wein nicht mehr möglich

Vögele-Ralf-Uni-Hohenheim

Der Grundgedanke des Volkbegehrens ist laut Prof. Dr. Ralf Vögele, Dekan der Fakultät Agrarwissenschaft und Direktor des Instituts für Phytomedizin, Universität Hohenheim, unterstützenswert. Aber leider schieße es weit über das Ziel hinaus. "Deshalb ist es aus meiner Sicht in der vorliegenden Form nicht akzeptabel."

Vögele ist überzeugt, dass sich der Einsatz chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel erheblich reduzieren lässt. "Dazu müssen wir intelligente Strategien entwickeln und es gibt ja bereits sehr vielversprechende Ansätze. Eine pauschale Verteufelung bringt uns hingegen nicht weiter," sagt der Wissenschaftler.

Würden wir von heute auf morgen auf Pflanzenschutzmittel verzichten, könnten wir die Weltbevölkerung nicht mehr ernähren, warnt Prof. Vögele. Für viele deutsche Betriebe würde es das Aus bedeuten. Kartoffeln oder Äpfel müssten wir nahezu komplett aus dem Ausland importieren. Auch Weinbau wäre in Deutschland nicht mehr möglich.

Ebenso warnt der Wissenschaftler, dass eine Verringerung der einsetzbaren Pflanzenschutzmittel zu großen Resistenzproblemen führen könne. Eine Reduktion des Spektrums der Mittel führt dagegen aufgrund der Verwendung nur eines Wirkstoffs gegebenenfalls schnell zur Entwicklung von Resistenzen bei den Erregern – ähnlich der derzeit beobachtbaren zunehmenden Antibiotika-Resistenz bei Krankenhauskeimen.

"Ein vernünftiges und zukunftsweisendes Management des Pflanzenschutzmitteleinsatzes wäre hier also weitaus zielführender. Große Chancen bietet beispielsweise die Digitalisierung. Neue Technologien helfen Landwirten dabei, Pflanzenschutzmittel immer gezielter ausbringen und somit die Menge zu reduzieren," schlägt der Agrarwissenschaftler vor.

Gute Zusammenarbeit zwischen Imker und Bauern ist in Gefahr

Auch wenn der Imkerschaft der Insektenschutz naturgemäß sehr am Herzen liegt, sieht die Mehrheit die Maximalforderungen im Volksbegehren kritisch. Daher unterstützen derzeit der württembergische und der badische Imker-Landesverband, die zusammen ca. 25.000 Imker vertreten, das Volksbegehren nicht, betont Dr. Peter Rosenkranz, Leiter der Landesanstalt für Bienenkunde, Universität Hohenheim.

Zahlreiche Obst- und Weinbauern insbesondere in Naturschutzgebieten der Bodenseeregion haben inzwischen deutlich gemacht, dass sie sich durch die Forderungen des Volksbegehrens in ihrer Existenz bedroht sehen. Indirekt wäre davon auch die Imkerei betroffen.

Auch wenn es immer wieder Konflikte zwischen Landwirten und Imkern gibt, so sind beide Seiten doch stark aufeinander angewiesen. Denn Obst- und Gemüsebauern benötigen Bienen als Bestäuber und umgekehrt sind die Sonderkulturen für die Imkerei wichtige Pollen- und Nektarquellen.

"Die meisten Imker kennen die Sorgen und Nöte der Landwirte sehr gut, und wissen zum Beispiel, dass bei Sonderkulturen nicht komplett auf Pflanzenschutz verzichtet werden kann. Zugleich haben Imker natürlich ein starkes Interesse daran, dass ihre Bienenvölker gesund bleiben und der Honig nicht durch Pestizide verunreinigt wird", sagt der Bienenexperte.

Zudem werde schon seit vielen Jahren auf lokaler Ebene intensiv darum gerungen, wie der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln reduziert und die Anbauflächen bienenfreundlicher gestaltet werden können. "Eine Unterstützung des Volksbegehrens durch die Imkerverbände würde diese Zusammenarbeit untergraben und gerade in den Obst- und Weinanbaugebieten alte Gräben wieder aufreißen,“ befürchtet Dr. Rosenkranz.

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