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Zukunft der Landwirtschaft: Der Traum vom fairen Markt

Videokonferenz der Zukunftskommission Landwirtschaft, Frau Merkel groß im Bild
am Donnerstag, 08.07.2021 - 08:37 (1 Kommentar)

Die Empfehlungen der Zukunftskommission Landwirtschaft klingen wie ein guter Kompromiss. Sie markieren aber auch das Ende eines großen Versprechens an die Bauern.

Es war einmal eine Landwirtsfamilie, die arbeitete gut, verdiente ordentlich und plante die Übergabe ihres wertvollsten Gutes an die nächste Generation. Was heute wie ein Märchen aus vergangenen Zeiten klingt, ist leider auch eines – liest man den Abschlussbericht der Zukunftskommission Landwirtschaft.

Denn Bäuerinnen und Bauern werden ihren Hof immer seltener ohne staatliche Hilfe zukunftsfest halten können. Die kapitalistische Markt-Logik „Wachsen oder Weichen“ sorgt weiter unbarmherzig für die ökonomische Zerstörung der zu kleinen und zu schwachen Anbieter, wenn ihr Schutz durch Subventionen und Förderungen von Seiten des Staates nicht deutlich verbessert wird. Und selbst die Besten brauchen den Schutz der Politik, um auf dem Weltmarkt nicht von übermächtigen Konkurrenten aus dem Feld geräumt zu werden.

Ein neuer Schutzraum für die Bauern

Portrait Carsten Matthäus, Leiter Verlagsbereich Argrar und Forst im dlv

Das Rezept der Zukunftskommission Landwirtschaft ist in der Essenz nicht mehr als ein neuer Schutzraum für eine bedrohte Branche, die sich nach dem Willen der Gesellschaft verändern soll. Einfach gesagt sieht der Deal so aus: Ihr (die Landwirtinnen und Landwirte) verabschiedet Euch von maximalen Erträgen, investiert in Klima- und Umweltschutz, Tierwohl und biologische Feldarbeit. Das belohnen wir (die Gesellschaft) mit höheren Absatzpreisen, mehr Schutz vor dem bösen Weltmarkt und mehr finanzieller Unterstützung. Das machen wir so lange, bis ein echter Markt für nachhaltige Lebensmittel entstanden ist, auf dem Euch ein fairer Preis für Eure Produkte bezahlt wird.

In der schönsten aller Welten wird eine Bundesregierung gewählt, die der Landwirtschaft wirklich eine belastbare Zukunftsperspektive geben will. Dann könnte das Märchen so weitergehen: Der Hof hat eine solide finanzielle Basis, wenn er sich strikt an die Vorgaben hält und eher Landpflege als Landwirtschaft betreibt. Unternehmerisch tobt sich die Familie mit Dingen aus, bei denen das landwirtschaftliche Erlebnis zahlungsfähiger Kunden wichtiger ist als der Ertrag der Landwirtschaft.

Wer bezahlt das neue Unternehmertum?

Es gibt in der Landwirtschaft längst gute Beispiele dieses neuen Unternehmertums. Mit dem CeresAward prämiert agrarheute in diesem Jahr zum neunten Mal solche mutigen Landwirtinnen und Landwirte. Und es ist durchaus logisch, dass eine Gesellschaft mit zunehmender Knappheit der Ressource Natur diese als öffentliches Gut betrachtet und nicht einfach den zerstörerischen Mechanismen eines globalen Marktes überlässt.

Also alles gut? Nicht ganz. Übrig bleibt die Frage, wer die Zeche für die höhere qualitative Wertschätzung und damit die höhere Wertschöpfung bei gleichbleibenden oder sinkenden Produktionsmengen der deutschen Landwirtschaft bezahlt. Der Handel, so hat es Aldi mit seinem scheinheiligen Vorstoß in Sachen Tierwohl deutlich gemacht, wird die Kosten dafür auf die Produzenten umwälzen. Die Politik hat vor nichts so viel Angst wie vor staatlich verordneten Preiserhöhungen für Lebensmittel. Das ist fast so schlimm, wie höhere Benzinpreise durchsetzen zu wollen. Verrückterweise sind gerade die Umweltaktivisten die besten Verbündeten der Landwirtschaft, wenn es darum geht, gemeinsam einen gesellschaftlichen Konsens für höhere Preise, Steuern und Abgaben für Lebensmittel zu erzwingen. Sollte es hier tatsächlich einen Schulterschluss geben – die Vorbereitungen dazu sind das große Verdienst der Zukunftskommission Landwirtschaft – dann kann märchenhaftes passieren.

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