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Zukunft

Zukunftskommission Landwirtschaft: Was kostet die Agrarwende?

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am Dienstag, 06.07.2021 - 11:05 (1 Kommentar)

Am 6. Juli 2021 hat Bundeskanzlerin Angela Merkel den Bericht der Zukunftskommission Landwirtschaft von Prof. Peter Strohschneider erhalten. Insgesamt soll die Transformation der Agrarbranche zu mehr Nachhaltigkeit 5 bis 8 Milliarden € im Jahr kosten.

Wer welchen Anteil dieser Milliarden bezahlen muss, hängt laut Bericht der Zukunftskommission Landwirtschaft an mehreren Faktoren. Klar sei, dass weder eine Finanzierung, bei der die landwirtschaftlichen Betriebe oder die Verbraucher über höhere Preise die Hauptlast tragen müssten, nicht möglich sei. Gegengerechnet werden können allerdings die Mittel der Gemeinsamen Agrarpolitik und der nationalen Agrarförderung. Damit bliebe eine Finanzierungslücke von 1,5 bis 4,5 Milliarden € pro Jahr. Je weiter die Transformation der Landwirtschaft, die Agrarwende, voranschreite, desto geringer würden diese Kosten, etwa durch eine Entlastung des Gesundheitswesens wegen einer gesünderen Ernährung.

Was kosten mehr Hecken, Gehölze und Stilllegung?

Der Bericht der Zukunftskommission Landwirtschaft sieht unter anderem vor, den Anteil von Landschaftselementen und nicht bewirtschafteten Flächen in der Agrarlandschaft zu erhöhen. Die Zukunftskommission verweist auf die EU-Biodiversitätsstrategie, laut der mindestens 10% der Offenlandschaft Landschaftselemente mit großer biologischer Vielfalt aufweisen müssen. Dazu müssten in Deutschland 8-9% der landwirtschaftlich genutzten Flächen aus der Produktion genommen oder stark extensiviert werden. Hierfür geht die Zukunftskommission Landwirtschaft von 600 Millionen € bis 1 Milliarde € pro Jahr an Mehrkosten aus.

Was kostet die Umsetzung der EU-Naturschutzrichtlinien?

Für die vollständige Umsetzung der Naturschutzrichtlinien der EU, insbesondere Natura 2000, verweist die Zukunftskommission Landwirtschaft auf Untersuchungen der Bundesregierung. Diese gehen von einem Finanzbedarf von 1,3 bis 1,5 Milliarden € aus. Berücksichtigt man nur noch die Kosten in Offenland und Wald, so bleibt noch rund eine Milliarde € zusätzlicher Kosten pro Jahr für die Agrarwirtschaft.

Was kostet mehr Moorschutz?

An die Wiedervernässung von Mooren setzt die Zukunftskommission Landwirtschaft ein Preisschild zwischen 160 Millionen und 1,35 Milliarden € pro Jahr über 20 Jahre. 160 Millionen soll es kosten, wenn die 400.000 ha Moorflächen renaturiert werden, bei denen dies am einfachsten umgesetzt werden kann. Sollen 75 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche auf Mooren wiedervernässt werden – insgesamt rund 730.000 ha – kostet dies in etwa 720 Millionen €/Jahr. Wenn alle rund 990.000 ha Agrarflächen auf Moorstandorten wiedervernässt werden, steigen die Kosten auf 1,2 Milliarden € pro Jahr. Hinzu kommen etwa 150 Millionen an Planungs-, Organisations- und Investitionskosten.

Was kostet die Ausweitung der Ökolandbaus?

Die Ausweitung des Ökolandbaus auf 20 % der bewirtschafteten Fläche bis 2030 bedeutet laut Zukunftskommission Landwirtschaft, dass jährlich 160.000 ha auf ökologische Bewirtschaftung umgestellt werden müssen. Bei einer Ökoförderung von 243 €/ha multipliziert mit der Ökofläche von 3,29 Millionen Hektar entstehe reine Förderkosten von etwa 800 Millionen € im Jahr. Hinzu kommt ein „Ökologisierungsentgelt“ von 553 €/ha, damit die Erzeugung von Ökoprodukten sich auch wirtschaftlich rechnet.

Die Mehrkosten für 20 % Ökolandwirtschaft hängen laut Zukunftskommission Landwirtschaft davon ab, wie stark die Nachfrage der Verbraucher nach deren Produkten anzieht und wie hoch das staatliche „Ökologisierungsentgelt“ ausfallen muss. Im günstigsten Fall bedeute dies 1,6 Milliarden pro Jahr an zusätzlichen Geldern, im ungünstigen Fall etwa 2,4 Milliarden.

Was kostet der Verzicht auf Pflanzenschutz?

Schwer zu kalkulieren sind laut Zukunftskommission Landwirtschaft die Kosten für einen Verzicht auf Pflanzenschutzmittel im Ackerbau. Bei einem völligen Verzicht geht der Bericht der Kommission von Kosten in Höhe von 3,8 Milliarden € pro Jahr aus. Berücksichtigt werden müsse aber die Erweiterung des Ökolandbaus und die Ausweitung von stillgelegten Flächen. Wenn auf einem Viertel der verbleibenden konventionell bewirtschafteten Ackerfläche auf Pflanzenschutz komplett verzichtet wird, geht die Zukunftskommission Landwirtschaft von Mehrkosten in Höhe von 787 Millionen € jährlich aus. Steigt der Anteil der Ackerfläche auf 33 %, würden auch die Kosten auf etwa 1,1 Milliarden € pro Jahr steigen.

Was kosten neue Nachhaltigkeits-Checks?

Die Zukunftskommission geht davon aus, dass es neue Bewertungs- und Zertifizierungssysteme von Artenvielfalt, Biodiversität, Tierwohl und Nachhaltigkeit braucht, um die Entwicklungspotenziale von landwirtschaftlichen Betrieben zu identifizieren. Um die Nutzung dieser Systeme auszuweiten, sollen sie staatliche gefördert werden. Die Zukunftskommission geht von einer durchschnittlichen Förderung von 1500 € für ein Drittel der landwirtschaftlichen Betriebe aus – insgesamt also 133 Millionen € pro Jahr.

Was kostet deutlich mehr Tierwohl?

Zur Förderung von Tierwohl in der Nutztierhaltung geht die Zukunftskommission Landwirtschaft davon aus, dass die Vorschläge der Borchert-Kommission umgesetzt werden. Hierfür hat das Thünen-Institut Kosten von durchschnittlich 2,5 bis 4,1 Milliarden € jährlich über die Jahre von 2020 bis 2040 geschätzt.

Ziel der Reise: Ein Markt für nachhaltige Lebensmittel

Eine Schlüsselrolle bei der Transformation der Landwirtschaft, einer Agrarwende, spielt für die Zukunftskommission Landwirtschaft die Entwicklung eines funktionierenden Marktes für nachhaltige Lebensmittel. Wenn dieser vorhanden ist, können auch staatliche Transferzahlungen abgebaut werden. Bis dahin brauche es Förderung. Diese dürfe aber nicht durch falsche Anreize die Entwicklung so eines Marktes verhindern.

Der vollständige Abschlussbericht "Zukunft Landwirtschaft. Eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe" ist unter anderem auf der Seite des Bundeslandwirtschaftsministeriums zu finden.

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