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Kommentar

Zukunftskommission Landwirtschaft: Die üblichen Verdächtigen?

Peter Strohschneider Vorsitzender Zukunftskommission Landwirtschaft
am Montag, 06.07.2020 - 13:00 (2 Kommentare)

Bei den bekannt gewordenen Mitgliedern der Zukunftskommission Landwirtschaft gibt es – bis auf den Vorsitzenden – keine Überraschungen. Das neue Gremium muss jetzt mutig voranschreiten, wenn es nicht zum Kaffeekränzchen der Agrarbranche werden soll.

Der Name von Professor (em.) Peter Strohschneider dürfte für einige hochgezogene Augenbrauen in der grünen Branche gesorgt haben. Der Vorsitzende der Zukunftskommission Landwirtschaft, die auf Betreiben von Bundeskanzlerin Angela Merkel eingerichtet wird, ist in der Landwirtschaft ein ziemlich unbeschriebenes Blatt. Er war von 2013 bis 2019 Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Ansonsten hat der Mittelalterforscher vor allem nicht-landwirtschaftliche Werke verfasst, wie etwa „Höfische Textgeschichten. Über Selbstentwürfe vormoderner Literatur“. Aber mir gefällt seine Benennung. Wir dürfen in der Agrarbranche nicht nur immer in der selben Suppe kochen sondern brauchen auch neue Impulse. Warum nicht von einem Mittelalterforscher?

Ansonsten nur die „üblichen Verdächtigen“

Simon Michel-Berger

Mit größerer Sorge sehe ich die übrigen Mitglieder der Zukunftskommission Landwirtschaft. Im Bundeskanzleramt scheinen Fans des Films „Casablanca“ zu sitzen. Dort befiehlt der örtliche Polizeichef am Ende, die „üblichen Verdächtigen“ zu verhaften.

Nicht anders ist es jetzt: AbL, BDM, BÖLW, DBV, DLG, Landfrauen, Landjugend, Land Schafft Verbindung (LsV), Verband der Landwirtschaftskammern und Zentralverband Gartenbau sollen für die Landwirtschaft sprechen.

Für die Wirtschaft sitzen Bundesvereinigung der Ernährungsindustrie, DRV, IVA, Lebensmittelverband, Pflanzenzüchter, Sachverständigenrat für Verbraucherfragen, Verband des Lebensmittelhandels und Verbraucherzentrale Bundesverband am Tisch. Für Umwelt und Tierschutz sind BUND, BUNDjugend, Greenpeace, Naturschutzbund, Naturschutzring, Tierschutzbund und WWF dabei. Für die Wissenschaft sollen es die Professoren Bitsch (TU München), Knierim (Kassel), Nieberg (Thünen-Institut), Niekisch (Sachverständigenrat Umweltfragen), Spiller (Göttingen) und Teuber (Gießen) sein.

Das sind alles ehrenwerte Leute und verdiente Verbände, ohne sie geht es nicht. Aber mal ehrlich: Abgesehen von LsV hätte man die gleiche oder quasi gleiche Gruppe auch schon vor 10 oder gar 20 Jahren zusammenbringen können. Mit etwas Pech sitzen alle bald um einen Tisch, tauschen ewig bekannte Positionen aus und am Ende ist man sich einig, dass man sich halt nicht einig ist.

Was braucht die Zukunftskommission Landwirtschaft?

Die Zukunftskommission Landwirtschaft ist eine Chance, wie die Agrarbranche sie so schnell nicht mehr bekommen wird. Es darf dabei nicht herauskommen, dass alles mehr oder weniger so bleibt wie bisher, garniert mit ein paar staatlichen Hilfen. Es wird dabei nicht herauskommen, dass die eine oder andere Extremforderung sich durchsetzt. Es sollte dabei herauskommen, dass alle Seiten sich auf neues Terrain bewegen.

Dazu muss aber auch die Zukunftskommission neue Wege gehen. Sie könnte Google oder Amazon einladen, um zu sehen, wie die Welt sich heute und morgen informiert und einkauft. Sie könnte Sitzungen in Asien oder Südamerika abhalten, um zu sehen, wie die globale Landwirtschaft tickt und wie wichtig es der chinesischen Führung ist, wenn in Deutschland ein Sack Quinoa umfällt. Sie könnte in Österreich schauen, wie Patriotismus im Einkaufsverhalten und Allianzen mit dem Lebensmittelhandel Bio groß gemacht haben, aber gleichzeitig die Margen der Bauern zusammenpressen.

Wichtig ist: Die Kommission darf nicht nur im Sinne braver Beamtenmentalität Positionspapiere sammeln und am Ende daraus einen gemeinsamen Text puzzeln. Sie muss zuerst in sich selbst wirken, dann in die Lebensmittelkette und am Ende in die Gesellschaft. Das darf, wenn es gründlich gemacht wird, auch länger dauern als bis zum Ende dieser Legislaturperiode.

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