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Resistenzmanagement

Abdrift: Weniger bringt mehr

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am Donnerstag, 23.05.2019 - 10:58

Was passiert, wenn man zur Unkrautbekämpfung Mittelmengen drastisch reduziert? Patricia Keppler hat es in ihrer Masterarbeit versucht, herauszufinden.

Warum bringt man Pflanzenschutzmittel besser in der Nacht aus?
Nachts herrschen ideale Bedingungen, damit die Wirkstoffe an die Pflanze kommen und von ihr aufgenommen werden. Es ist kühler als tagsüber, meistens gibt es deutlich weniger Wind und die Luft ist feuchter. Das zu beweisen war aber gar nicht mein Ziel.
Was haben Sie dann untersucht?
Ich habe mir angeschaut, wie sich die Wirkung von Herbiziden verändert, wenn man den Mittelaufwand reduziert, also wenn man nicht die volle vom Hersteller empfohlene Mittelmenge verwendet. Voraussetzung für das Reduzieren sind ideale Bedingungen beim Ausbringen. Und die erreiche ich eben nachts.
Wissenschaftler gehen immer erst von einer Annahme aus, die sie beweisen wollen. Was war ihre Annahme?
Meine Hypothese war, dass ich bei Nachtapplikation mit 35 Prozent der empfohlenen Menge eine genauso gute Unkrautkontrolle erreiche wie tagsüber mit 70 Prozent.
Auf einem Silomaisacker haben wir dazu die Faktoren Tag- oder Nachtausbringung, Wassermenge und Wirkstoffmenge verändert. Die Wassermenge pro Hektar betrug 300 l und 75 l.
Warum haben Sie nicht eine Variante mit 100 Prozent der empfohlenen Menge untersucht?
Die Hersteller geben die empfohlene Wirkstoffmenge so an, dass das Mittel sicher wirkt, auch dann wenn die äußeren Bedingungen nicht ideal sind. Im Allgemeinen geht man davon aus, dass rund 30 Prozent mehr Mittel empfohlen werden. Damit dieser Sicherheitszuschlag nicht das Ergebnis beeinflusst, arbeitete ich in meiner Untersuchung mit der 70-Prozent-Variante.
Kann man von einem Parzellenversuch überhaupt auf den üblichen Maisacker schließen?
Mir war der praktische Ansatz des Versuchs wichtig. Wir säten mit einer herkömmlichen Einzelkorndrille eine übliche Silomaissorte. Im 4-Blatt-Stadium der Maispflanzen behandelten wir einmalig mit einer Wirkstoffkombination gegen Ungräser und -kräuter. Die zehn Parzellen mit den Behandlungsvarianten waren jeweils 24 m breit und 45 m lang und wurden mehrfach wiederholt.
Darin befanden sich zufällig verteilte Messparzellen mit je 1 m². In diesen habe ich die Unkräuter vor und nach der Behandlung gezählt. Da wir teilweise nachts behandelten, waren an der Spritze das Schalten der Teilbreiten über SectionControl und eine Gestängebeleuchtung wichtig.
Wurde ihre Annahme bestätigt?
Ja. Vergleicht man alle Varianten, überlebten am wenigsten Unkräuter bei der Nachtapplikation mit 35 Prozent Wirkstoffmenge. Beide Wirkstoffmengen, egal ob 35 oder 70 Prozent, ließen gleich viele Unkräuter absterben.
Vereinfacht gesagt gab es zwischen den Varianten „empfohlene Aufwandmenge bei Tag“ und „reduzierte Aufwandmenge bei Nacht“ keinen nennenswerten Unterschied in der Wirkung.
Wenn die Aufwandmenge so stark reduziert wird, entstehen doch Resistenzen?
Nein, nicht zwingend. Resistenzen entstehen durch eine zufällige Veränderung im Genom. Pflanzen, die diese Mutation tragen, haben bei einem schlechten Resistenzmanagement einen Selektionsvorteil. Sie vermehren sich und können sich ausbreiten. Durch reduzierte Aufwandmengen kann so ein Selektionsvorteil entstehen.
Um das zu überprüfen, habe ich die Anzahl der Kümmerer gezählt. Das sind Pflanzen, die zwar geschädigt, aber zum Zeitpunkt der Bonitur noch nicht eindeutig abgestorben waren. Nach einer Anwendung mit 300 l/ha bei 35 Prozent der Aufwandmenge stieg die Anzahl an kümmernden Pflanzen im Gegensatz zur höheren Aufwandmenge.
Das bedeutet, mehr Wirkstoff ist sicherer?
Nein. In den Varianten mit 75 l/ha Wasseraufwand war es egal, wie hoch das Herbizid dosiert war. Es kümmerten vergleichbar viele wie bei 300 l Wasser und 35 Prozent der Aufwandmenge. Vermutlich fließt durch das viele Wasser der Wirkstoff von den Blättern ab. Das wird als Run-off-Effekt bezeichnet.
Außerdem ist für das Resistenzmanagement in Bezug auf den chemischen Pflanzenschutz nicht allein die Wirkstoffmenge, sondern vielmehr der Wechsel der Wirkstoffgruppen entscheidend. Zu einem guten Resistenzmanagement gehören viele weitere pflanzenbauliche Maßnahmen wie Fruchtfolge, Saatstärke und Saatzeitpunkt, Sortenwahl und mechanische Bekämpfung dazu.
Hat sich der Ertrag durch die unterschiedliche Unkrautbekämpfung verändert?
Wir haben am 13. September 2018 gehäckselt. Ich habe vorher die Wuchshöhe in den Messparzellen erfasst und die Frischmasse bestimmt. Das hat mich überrascht: Zwischen den Varianten zeigte sich kein Ertragsunterschied. Ein Grund könnte das Trockenjahr 2018 sein. Allgemein sind bei uns sehr wenige Unkräuter aufgelaufen.
Welche Schlüsse können Landwirt aus diesem Ergebnis ziehen?
Meine Untersuchungen zeigen: Wenn der Anwender ideale Bedingungen für das Ausbringen des Mittels einhält, werden Unkräuter auch bei reduzierten Aufwandmengen sicher erfasst und er muss nicht mit Nachteilen rechnen. Dann müssen aber auch wirklich alle Bedingungen passen.
Eine pauschale Aussage oder Empfehlung kann ich nicht geben. Es war ein einjähriger Versuch und zudem in einem sehr trockenen Jahr. Trotzdem passt mein Ergebnis zu den Ergebnissen anderer Untersuchungen, von denen es nur sehr wenige gibt.
Sie steigen dieses Jahr in den elterlichen Betrieb ein. Wird zukünftig nur noch nachts gespritzt?
Mein Vater macht den Pflanzenschutz bereits seit vier Jahren nur noch nachts. Das hat er sich bei Kollegen in Frankreich und Norddeutschland abgeschaut. Das werden wir auf jeden Fall beibehalten, weil wir bisher gute Erfahrungen gemacht haben.
Dadurch haben wir einen Weg gefunden, den Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel deutlich zu reduzieren. Die Ergebnisse meiner Arbeit haben das nochmals bestätigt.

Zur Person: Patricia Keppler

Patricia Keppler hat ihren Master in Agrarwissenschaften an der Universität Hohenheim abgeschlossen und steigt dieses Jahr mit in den elterlichen Betrieb ein.

 

Das Interview ist im agrarheute Magazin Mai 2019 erschienen.

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