Login

Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Reportage Precision Farming

Ökolandbau 4.0: Wenn digital auf Bio trifft

agrarheute_HeikoLeis_MartinPötter_5562
am Freitag, 10.01.2020 - 07:20 (Jetzt kommentieren)

Digital und nach Biorichtlinien wirtschaften – für Heiko Leis passt beides gut zusammen. Mit festen Fahrspuren, Kamerahacke und Bodenscanner macht er seinen Betrieb Schritt für Schritt fit für den Ökolandbau 4.0.

Während Heiko Leis über seinen Acker läuft, ist sein Blick nach unten gerichtet. Er geht in die Hocke und zupft aus der frisch bearbeiteten Fläche einen Keimling. „Hier auf der Fläche macht mir Weißer Gänsefuß zu schaffen“, sagt der 47-jährige Agraringenieur. „Ich hatte einen Großteil mit der Hacke erwischt, aber die restlichen Unkrautpflanzen in der Reihe überwucherten die Sojapflanzen.“ Wetter, Bearbeitungszeitpunkt, Unkrautdruck, Zustand der Kultur – die Geschichte seiner Äcker speichert Heiko Leis auf seiner Festplatte im Kopf statt digital in einer Schlagkartei – noch.

Digitaler Boden-Nerd

Heiko Leis ist kein IT-Freak, sondern in erster Linie Bodenliebhaber und leidenschaftlicher Landwirt. Trotzdem wagt er den Sprung und setzt in seinem Betrieb auf digital, Stück für Stück und immer ein wenig mehr. Das Besondere daran: Als ökologisch wirtschaftender Betrieb ist er damit vielen seiner Kollegen weit voraus. Ob ein Betrieb in die Digitalisierung einsteigt, ist für ihn unabhängig davon, ob er biologisch oder konventionell wirtschaftet. Er probiert Dinge aus und wagt Schritte in eine neue Richtung. Beispielsweise sind alle seine Flächen in Bodenzonenkarten digitalisiert. Ein Dienstleister erfasste Leis' gesamte Bewirtschaftungsfläche mit einem Bodenscanner. „Ich war überrascht, wie homogen meine Flächen trotzdem sind“, sagt Leis. Anhand der digitalen Karten legte er am PC Einstichpunkte fest und zog georeferenzierte Bodenproben. „Da habe ich erst einmal Geld eingesetzt.“

"Digitalisierung ist ein Megatrend. Ich möchte jetzt dabei sein."

Wann sich das auszahlt, kann der Landwirt nicht sagen. „Ob ich in die teilflächenspezifische Aussaat einsteige, hängt von meinen Kollegen ab“, sagt Leis. „Alleine werde ich auf keinen Fall in neue Sätechnik investieren, die mit Aussaatkarten in unterschiedlichen Saatstärken sät.“ Mit drei weiteren Landwirten organisiert er gemeinschaftlich den Verkauf seiner Ernte oder er kauft mit der Gemeinschaft Maschinen für die Außenwirtschaft. Während er für die Technik aus Stahl und Eisen Mitstreiter hat, geht er den digitalen Weg weitgehend alleine. Und der ist wie seine Ackerflächen im Kraichgau hügelig mit Auf und Abs. „Digitalisierung ist ein Megatrend. Ich möchte jetzt dabei sein, bevor später der Einstieg schwierig wird und ich zu viel an Investitionen, Erfahrung und Wissen nachholen muss“, sagt Leis.

Der Traktor muss die Fahrspur und die Feldgrenze kennen

agrarheute_HeikoLeis_MartinPötter_5545

Für alle seine Schläge hat der Bodenprofi feste Fahrspuren angelegt. Für Saat und Unkrautbekämpfung gerade Linien, für die Bodenbearbeitung diagonale Spuren. Das Wissen darüber liegt gespeichert auf dem Fendt-Terminal und auf einer Onlineplattform für digitales Farmmanagement, die Leis nutzt. „Ich möchte auf den Acker fahren, zwei Tasten antippen, einsetzen und auf meiner Spur losfahren, um ordentlich Fläche zu machen, so lange die Witterung passt“, sagt Leis. Die schlauen Terminals kennen außerdem seine genauen Feldgrenzen. Statt einmal auf der Bearbeitungsgrenze um den Schlag zu fahren, um die Konturen der Schläge zu erfassen, importierten Leis und sein Berater die Feldgrenzen aus der offiziellen Antragsplattform Fiona. Nur die hinterlegten Koordinaten sind entscheidend und an ihnen wird er letztendlich kontrolliert.

Digitalisierung mit Hilfe von außen

Wenn es Probleme mit Dateiformaten, Importfunktionen und Feldkoordinaten gibt, greift Leis auf einen externen Berater zurück. „Ohne ihn wäre ich sicher nicht so weit, wie ich es heute bin“, sagt Leis. Er gesteht: „Privat bin ich nicht besonders digital unterwegs, sondern versuche, viel Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Ich poste gerne Neuigkeiten auf unser Facebook-Seite. Für mich ist das Entspannung und Ausgleich zur körperlichen Arbeit.“ Heiko Leis wirkt ausgeglichen. Er ist ein ruhiger Mensch.

„Wer digitaler wird, muss bereit sein, Fehler zu machen“

Erfahrungen mit der schönen neuen digitalen Welt müssen nicht unbedingt gut sein, zum Beispiel wenn eine Kamerahacke Amok läuft, weil sie plötzlich keine Unkrautpflanzen mehr erkennt. Leis berichtet von Lerchenfenstern, die er ungewollt in seinen Sojabestand anlegte. „Die Sonne schien zu stark und es staubte.“ Seine Hacke ging auf Blindflug und holte statt Unkraut die jungen Sojapflänzchen aus der Reihe. „Wer digitaler wird, muss bereit sein, Fehler zu machen“, sagt Leis.

Projekte für die Zukunft

Für die Problemackerfläche mit Weißem Gänsefuß hat Leis bereits die Fruchtfolge für die nächsten Jahre festgelegt – noch im Kopf. Vermutlich wird er auf dieser Fläche erst einige Jahre später den Unkrautdruck im Griff haben. Dann wird ihm seine digitale Schlagkartei sämtliche Vitalwerte des Ackers auflisten. Heiko Leis wird es auch so wissen, sich hinknien, den Boden zwischen Zeigefinger und Daumen verstreichen und nach Unkraut Ausschau halten.

Kommentare

agrarheute.comKommentare werden geladen. Bitte kurz warten...