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Reportage

Abdriftlos durch die Nacht: 50 Prozent Aufwand sparen

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am Freitag, 06.12.2019 - 09:00 (Jetzt kommentieren)

Klaus Keppler fährt mit der Pflanzenschutzspritze nur bei Nacht. Er möchte nichts vertuschen, sondern nutzt die günstigen Bedingungen mit viel Feuchtigkeit und wenig Wind. Dabei spart er bis zu 50 Prozent Aufwandmenge ein.

  • Klaus Keppler bewirtschaftet in Oberschwaben einen Ackerbaubetrieb.
  • Pflanzenschutz macht er nachts, bei Windstille und hoher Luftfeuchtigkeit.
  • Durch bessere Bedingungen spart er Pflanzenschutzmittel und Wasser ein.
  • Probleme mit der Bildung von Resistenzen hat er keine.

Während Schlagersängerin Helene Fischer außer Atem die Nacht durchmacht, sitzt Klaus Keppler in der Traktorkabine. Das grelle Terminal spiegelt sich in der Brille des 48-jährigen Landwirts wieder. Im Agrotron schnurrt der Sechszylinder auf Teillast, während das Gestänge der Anbauspritze lautlos über den Maisbestand huscht.

Es ist ruhig und lau in dieser Nacht im oberschwäbischen Uttenweiler, rund 60 km nördlich vom Bodensee. Und es ist windstill – eine Eigenschaft, die Keppler wichtig ist und die ihn zur Nachtarbeit motiviert. In der Industrie würde er dafür Nachtzulage bekommen. Sein Lohn als Landwirt sind weniger Mittelaufwand und nach seiner Erfahrung ein gleicher Behandlungserfolg.

Einsparen, weil alles andere passt

Keppler spritzt nur nachts, sowohl Herbizide als auch Fungizide. Und er geht noch einen Schritt weiter, verringert die Menge an eingesetzten Pflanzenschutzmittel pro Hektar um die Hälfte. Manchmal sogar noch darunter. „Die Reduzierung der Aufwandmenge gleiche ich durch die besseren Bedingungen wieder aus“, erklärt Keppler. Er rechnet vor: „Ich nutze nur Regenwasser. Da ist kein Kalk drin, der Wirkstoffe binden könnte. So erreiche ich einen Vorteil von 5 bis 10 Prozent gegenüber demjenigen, der mit kalkreichem Leitungswasser fährt und mehr Wirkstoff in seiner Spritze hat, dieser auf der Zielfläche aber gar nicht ankommt.“ Keppler ist überzeugt: „Ich bekomme nachts mehr Wirkstoff auf die Zielfläche als tagsüber unter schlechten Bedingungen.“

Mit seiner Strategie unterschreitet er die Empfehlungen der Dosiermenge auf den Pflanzenschutzbehältern. Keppler weiß, dass als nächstes Argument immer die Resistenzen ins Spiel kommen, er durch sein Vorgehen deren Auftreten noch fördere. Sein Einwand: „Die pauschalen Empfehlungen gelten allgemein und sind so ausgelegt, dass ich auch unter schlechten Bedingungen ein gutes Ergebnis erreiche. Eine Resistenz wird dann gefördert, wenn zu wenig Wirkstoff an die Zielpflanze kommt. Durch Windstille, geringe Temperaturen und hohe Luftfeuchtigkeit erreiche ich viel bessere Bedingungen als am Tag mit trockener Luft, Sonnenschein und Wind.“

Franzosen reduzieren Mittelaufwand

Die Idee, nur nachts die Feldspritze zu rüsten, kam Keppler während eines Besuchs bei französischen Landwirten. Die nutzten die guten Bedingungen in der Nacht und reduzierten den Mittelaufwand drastisch. „Die Landwirte dort sind extremer und bringen allerhöchstens die Hälfte der empfohlenen Mittelaufwandmenge aus, zum Teil sogar deutlich darunter“, berichtet Keppler. Er schaute sich alles an und übertrug es auf seinen Betrieb. Weizen nach Silomais in Direktsaat wird als Fusariumkatastrophe angesehen und die Ausgangssituationen für weniger Fungizidaufwand sind alles andere als einfach.

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Folgt Weizen nach Silomais, bringt Keppler immer eine späte Blattbehandlung mit 50 Prozent Aufwandmenge. Anschließend fährt er zur Blüte mit einem Wirkstoff, der eine Teilwirkung gegen Fusarium hat, ähnlich in der Wintergerste. Dieses Jahr mit relativ gesunden Beständen sicherte er mit einer späten Blattbehandlung und 50 Prozent Aufwandmenge die Pflanzen ab.

„Wären bereits in den unteren Etagen Netzflecken zu sehen gewesen, hätte ich auf 60 oder 70 Prozent der empfohlenen Aufwandmenge erhöht. Pauschalangaben sind hier einfach nicht möglich. Ich muss immer auf die Bedingungen und das Wetter schauen“, sagt Keppler. Seine Ernte gibt ihm Recht. „Wir hatten bisher keine Probleme mit Fusarium und erreichen DON-Gehalte zwischen 150 und 250 μg/kg, die im grünen Bereich liegen.“

Tau, Wind, auf keinen Fall Sonne

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Als Richtschnur für die nächtlichen Behandlungen gibt Keppler an: „Die Sonne muss untergegangen sein; das ist das Wichtigste. Auf den Pflanzen muss sich leichter Tau gebildet haben. Es gibt nur wenige Nächte ohne Taubildung. Ab einer relativen Luftfeuchtigkeit von 60 Prozent bekomme ich auch Tau auf die Pflanzen. In der Nacht gibt es nur leichten oder gar keinen Wind. Dann kann ich losfahren.“ Trotzdem muss er zugeben, dass es keine Garantie für die nächtlichen Einsatzzeiten gibt. „Auch in manchen Nächten kann der Wind pfeifen. Dann muss ich zu Hause bleiben. Die Wahrscheinlichkeit, dass es in der nächsten Nacht klappt, ist sehr hoch.“

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Der Grenzwert für Wind während Pflanzenschutzanwendungen liegt bei 18,5 km/h. Mit dem Agrarwetter von agrarheute haben Sie nicht nur die Temperatur und den Niederschlag im Blick, sondern auch Spezialparameter wie Windgeschwindigkeit, Bewölkung, Bodentemperatur bei 5 cm oder die Luftfeuchtigkeit.

Überlegt andere Wege gehen

Keppler ist keiner, der unüberlegt handelt. Er hinterfragt vielmehr die Routine und geht auch außergewöhnliche Wege. Das sieht man an der Hühnerbrücke, die er über die Straße baute und so seinen 4.000 Hühnern Freigang verschaffte. Oder am kleinen See, den er anlegte, um für zukünftige Trockenperioden mit Wasser zum Beregnen vorsorgte.

Kepplers nutzen den selbst produzierten Strom vom Dach und dem Windrad mit Elektroautos. Klaus Keppler ist ehrenamtlich engagiert. Er war lange Zeit im Maschinenring aktiv und in den vergangenen Jahren sogar als Vorstand. Derzeit ist er Vorsitzender der Gesellschaft für konservierende Bodenbearbeitung (GKB). Auch mit dem Thema reduzierter Mittelaufwand geht Keppler nicht leichtfertig um. Und er bekommt Unterstützung von seiner Tochter Patricia. Die 24-Jährige studiert Agrarwissenschaften. In ihrer Masterarbeit überprüft sie den Ansatz ihres Vaters mit wissenschaftlichen Methoden. Dafür legte sie Versuchsparzellen mit Wiederholungen und unterschiedlichen Intensitäten an. Die Auswertung steht noch aus.

Bevölkerung Aufklären

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Keppler bewirtschaftet das Hofgut Dettenberg. Fast alle Flächen liegen arrondiert um das Wohnhaus und die Wirtschaftsgebäude. Das beugt Konflikten mit der Bevölkerung vor, die sich durch die nächtliche Arbeit gestört fühlen könnten. Kepplers gehen mit ihren Produkten Eier, Nudeln und Suppenhühner auf den Wochenmarkt, haben eine kleine Hütte für die Direktvermarktung und richten regelmäßig ein Hoffest aus.

„Die meisten Leute sind erst einmal skeptisch, wenn sie mich nachts auf den Äckern fahren sehen. Erklärt man ihnen die Hintergründe und Vorteile der nächtlichen Arbeit mit der Pflanzenschutzspritze, haben sie Verständnis dafür und finden es sogar gut“, schildert Keppler seine Erfahrungen.Nachahmer hat Keppler bisher nur wenige. Über die Gründe kann er nur spekulieren: „Für viele Kollegen werden die 10 bis 20 Euro/ha weniger Kosten für Pflanzenschutz kein Argument sein. Sie gehen lieber auf Nummer sicher und verwenden die volle Aufwandmenge.“ Geringere Kosten sind für ihn ein Grund. Wichtiger ist ihm, nur so viel mit chemischen Mittel einzugreifen wie nötig. Auf Insektizide verzichtet er ganz: „Ich möchte nicht gegen das Getreidehähnchen spritzen, dadurch Laufkäfer reduzieren um dann ein Schneckenproblem zu bekommen.“

Vorbereitet sein, Schlaf nachholen

Plant Keppler, dass er nachts rausfährt, stellt er am Vorabend die Behälter mit den Pflanzenschutzmitteln griffbereit in sein Lager und füllt nachts die Spritze. „Für Herbizideinsätze im Frühjahr kann es sein, dass ich bereits um 20 Uhr starte. Zur Blütenbehandlung im Weizen oder im Mais wird es frühestens 22:30 Uhr. Den Start an einer festen Uhrzeit aus- zumachen, geht nicht. Es kommt immer auf die Bedingungen an“, sagt Keppler.

Keppler teilt sich einen Nachteil der außergewöhnlichen Arbeitszeit mit Schlagersängerinnen, Schichtarbeitern und Nachtschwärmern und greift dazu auf völlig traditionelle Gegenmittel zurück: „Wenn ich in der Nacht spritzen war, merke ich die Müdigkeit am nächsten Tag. Dann nehme ich es mir auch raus, eine längere Mittagspause einzulegen.“

Spritzen bei Nacht: Pflanzenschutz der Zukunft?

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