Login
Spezielles

Hochkonjunktur in der Agrartechnikindustrie

von , am
15.11.2011

Hannover - In einer außerordentlichen Hochkonjunkturphase kommen die Landmaschinen- und Traktorenhersteller auf die diesjährige Agritechnica.

Bernd Scherer, VDMA-Geschäftsführer © Werkbild
"Es ist schon außergewöhnlich, wie dynamisch die Agrartechnikindustrie in diesem Jahr gewachsen ist", sagte VDMA-Geschäftsführer Dr. Bernd Scherer, in der Eröffnungspressekonferenz der Agritechnica am Montag in Hannover. "Daher korrigieren wir unsere bereits ambitionierte Wachstumsprognose vom September um weitere acht Prozentpunkte nach oben – auf nunmehr 28 Prozent", so Scherer weiter. "7 Milliarden Euro Umsatz aus deutscher Produktion - das ist ein Paukenschlag, der uns beflügelt."

Weitere leichte Steigerungen für 2012 erwartet

Und auch für 2012 geben die VDMA-Statistiker bereits grünes Licht: Weitere leichte Steigerungen sind zu erwarten, sodass vom heutigen Standpunkt aus mit einem Umsatzniveau von 7,4 Milliarden Euro kalkuliert wird. "Damit wären wir im kommenden Jahr wieder auf dem Niveau des höchsten Agrartechnikumsatzes aller Zeiten aus dem Jahr 2008 angelangt", betonte Scherer. Die gegenwärtige Auslastung in der Fabrikation bestätigt diese Prognose jedenfalls deutlich. Bei einer Kapazitätsauslastung von mehr als 85 Prozent ist die Agrartechnikindustrie momentan de facto "voll ausgelastet".

Ausgezeichnetes Geschäftsklima in der europäischen Industrie

Spitzenwerte liefert auch das aktuelle CEMA-Business-Barometer, eine monatliche Befragung von Top-Entscheidern der europäischen Agrartechnikindustrie. Die absolute Mehrheit der Befragten beurteilt demzufolge die derzeitige Geschäftslage als sehr gut oder gut. "Dass diese Einschätzungen auf fundierten Erfolgskennzahlen beruhen, also keineswegs kurzfristiger Euphorie entspringen, zeigt die gleichsam positive Erwartungshaltung für die nächsten sechs Monate", sagte Scherer. Denn rund 41 Prozent der Führungskräfte sähen weiteres Wachstum. "Vor allem die Traktoren- und Erntemaschinenhersteller sind sehr zufrieden und weiter optimistisch in Bezug auf die Marktentwicklung. Die Umsatzerwartung bleibt also insgesamt expansiv angesichts weiter steigender Auftragseingänge."

Deutscher Agrartechnikmarkt so stark wie nie

Deutschland behauptet seine Position als konjunkturelles Zugpferd in Westeuropa mit aller Deutlichkeit. Prognostisch geht der VDMA von einem Marktvolumen von 4,9 Milliarden Euro für 2011 aus, was einem satten Plus von 25 Prozent entspräche. "Damit werden wir selbst das Rekordjahr 2008 um fast 9 Prozent übertreffen." Als Spiegelbild dieser Entwicklung kann vor allem der Traktorenmarkt gelten, der im ersten Halbjahr 2011 deutlich zugelegt hat. Mit geschätzten 35.000 Traktoren liegt die Verkaufsmenge bis zum Jahresende so hoch wie seit Mitte der 1980er Jahre nicht mehr. "Dabei muss aber bedacht werden, dass es damals noch mehr als doppelt so viele landwirtschaftliche Betriebe und damit auch potentielle Käufer gegeben hat", so der VDMA-Geschäftsführer. Für 2012 sei nach dem diesjährigen Allzeithoch realistisch gesehen nicht mit einer weiteren Steigerung zu rechnen. Allerdings gehe man von einem nach wie vor sehr guten Marktvolumen von 4,5 Milliarden Euro aus.

Exportmärkte nahezu durchweg auf Wachstumskurs

Auch auf den Exportmärkten ist eine unglaubliche Dynamik spürbar: "Insgesamt haben in diesem Jahr 13 unserer 15 Top-Märkte zugelegt, ein Ergebnis, das wir nur ganz selten sehen." Traditionell steht Frankreich als stärkster Auslandsmarkt an der Spitze und wird 2011 für die deutschen Lieferanten ein Volumen von voraussichtlich 1,2 Milliarden Euro erreichen. Aber auch kleinere Märkte wie Tschechien, Dänemark oder die baltischen Staaten verzeichnen ein hohes Wachstum. Insgesamt wird der EU-Markt für Agrartechnik in diesem Jahr auf schätzungsweise 24 Milliarden Euro ansteigen, was einem Plus von 16 Prozent entspräche.
 
Erstmals seit 2008 findet sich Russland wieder an zweiter Position im VDMA-Exportranking, nachdem das Land vor zwei Jahren auf den sechsten Platz abgerutscht war. Landmaschinen und Traktoren im Wert von fast 600 Millionen Euro werden am Ende des Jahres den Weg von Deutschland in die Russische Föderation gefunden haben. "Grund für das erneute Erstarken dieses so wichtigen Zukunftsmarktes sind nach wie vor eklatante Mechanisierungsbedarf", betonte Scherer. Diese könnten aufgrund verfügbarer Fremdfinanzierungsmöglichkeiten nun wieder besser gedeckt werden. "Auf der anderen Seite schwebt aber nach wie vor das Damoklesschwert des Protektionismus über Russlands Agrarwirtschaft und Agrartechnik. Das schadet nicht nur dem Innovationswettbewerb, sondern ist auch eine spürbare Wachstumsbremse für die Landwirte vor Ort."

Landwirte in bester Investitionslaune

In der deutschen Landwirtschaft könnte die Stimmung dagegen kaum besser sein. Gute Erzeugerpreise in der Außen- und Innenwirtschaft beflügeln momentan die Investitionsabsichten von Landwirten und Lohnunternehmern. So planen rund 31 Prozent der Landwirte, im kommenden halben Jahr in Maschinen und Geräte zu investieren. Damit bleibt der Anteil der landwirtschaftlichen Betriebe mit agrartechnischen Beschaffungsvorhaben in etwa auf Vorjahresniveau mit einer tendenziell leichten Steigerungsrate.

Nachwuchsgewinnung als Gradmesser der Innovationsfähigkeit

Aufgrund der steigenden Technologieintensität in der Agrartechnikindustrie und der absehbaren demographischen Entwicklung konzentriert sich die Branche immer fokussierter auf die Nachwuchsgewinnung. „Denn bestens qualifizierte Maschinenbauer, Elektrotechniker und Informatiker sind die Voraussetzung für bahnbrechende agrartechnische Entwicklungen“, so Scherer. Um die Innovationsfähigkeit der Branche nachhaltig zu sichern, sei man mehr denn je auf qualifizierte Jungingenieure angewiesen. Mit seiner Aktion „Agritech Future“ wird der VDMA am 18. November Oberstufenschüler für den Ingenieurberuf in der Industrie begeistern, wobei die Faktoren Zukunftssicherheit, Technologievielfalt und gesellschaftliche Verantwortung thematisiert werden.
Auch interessant