Login
Spezielles

Kolumne: Europa contra Handwerk

von , am
23.08.2013

Meisterzwang - wettbewerbsbehinderndes Relikt aus vergangenen Jahrhunderten oder echte
Waffe im Kampf mit Pisa? Ein Gespräch mit Thomas Fleischmann, Geschäftsführer LBT-Bundesverband.

Thomas Fleischmann, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes LandBauTechnik
Hinter dieser Zeitung steckt ein kluger Kopf, ist bekanntlich der Slogan und zugleich Anspruch der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ).  Nachdem dort wettbewerbskritisch zum - deutschen - Handwerk Meinung gemacht wurde, interviewte der Agrartechnik-Chef­redakteur Dieter Dänzer den Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes LandBau Technik Thomas Fleischmann dazu. 

Wo liegt eigentlich der Grund für den Meinungsstreit?

Natürlich ist mir bekannt, dass die FAZ nicht unbedingt der große Freund des "geregelten" Handwerks ist und immer wieder gerne fragt, brauchen wir denn heute noch diesen antiquierten Meisterbrief? Ich frage mich da - zugegeben emotional - ist nicht auch dieser und jener Meinungsmacher unserer Medien selbst auf der Suche nach dem bestqualifizierten Meis­ter, wenn es um sein teures Auto, die edle Badausstattung oder auch nur um die dritten Zähne geht?
 
Der (vermeintliche) Marktwirtschaftler ruft: Wettbewerb! Nur freier Wettbewerb vermag die Interessen des Verbrauchers hinreichend zu wahren (was ihn aber keineswegs zu der Forderung bringt, die Staatsexamina für den Mediziner abzuschaffen)! Auf der anderen Seite das Handwerk und - zum Glück gibt es die auch - seine vielen überzeugten Freunde in privater wie gewerblicher, meist industrieller Kundschaft: Dem Verbraucher und - weiter betrachtet - der Gesellschaft dient ein garantiertes Qualitätsniveau mehr als die Gewissheit, im gesamten europäischen Markt den absolut billigsten erwischt zu haben, der von sich behauptet, ja klar, ich kann das!

Debatte mit zwei Haken

Aus der Landtechnikbranche wissen wir zweierlei: Ja, die Hersteller sind ähnlich engagiert wie die Kfz-Industrie, wenn es um die Qualität und Qualifizierung ihres Vertriebsnetzes geht. Einige zumindest. Und da sind wir schon beim ersten Haken. Ich halte es für verbrauchergerechter, wenn der Kunde, der gerade in der Landwirtschaft einen besonders hohen Anspruch hat, frei entscheiden kann, ob er eines der verschiedenen Grüns oder doch lieber ein Blau oder Rot für seinen Traktor und Mähdrescher will. Denn wir alle wissen, unter diesen Herstellern mit vertrieblichem Exklusivanspruch bestehen große Unterschiede (auch und gerade bei der Qualifizierung und Fortbildung), die sich ja nicht zuletzt in unserer jährlichen Händler-Zufriedenheits-Umfrage deutlich widerspiegeln.
 
Der zweite Haken: Die nächste Besonderheit unserer Branche liegt in ihrer Vielfältigkeit und Breite. Auch der nachhaltigste Fullliner bietet bekanntlich eine zu schmale Produktpalette für das, was die deutschen, technikorientierten Profi-Kunden vom Landmaschinen-Händler ihres Vertrauens erwarten (und damit zum maßgeblichen Kriterium für Aufnehmen und Bestand ihrer Kundenbeziehung machen). Auch - und da muss dem Verfechter des freien Wettbewerbs das Herz doch wieder höher schlagen - der Hersteller, oft Mittelständler, der die Palette des Händlers nicht exklusiv bedient, hat seine unverzichtbare Berechtigung.

Erst breite Grundkenntnis, dann spezielle Schulung

Wie soll zu dieser Vielfalt von Produkten und Herstellern der Anspruch passen, nur für die Produkte eines bestimmten Herstellers geschult zu sein? Und nicht zuletzt gilt für unsere Branche wie für Kfz: Es gibt eine Vielzahl von freien Werkstätten. Gerade diese sind oft Domäne des Handwerks mit der dieser eigenen grundlegenden und übergreifenden - weil produktunabhängigen - Bildung. Es heißt ja nicht John Deere- oder Claas-, Fendt-, Porsche- oder AGCO-Mechaniker!
 
Und ich erinnere mich noch genau, dass auch die großen Industrie-Unternehmen das für unsere Branche nicht nur als Lippenbekenntnis als richtig ansehen: Bei John Deere mit seinem wirklich vorbildlichen Ausbildungszentrum in Bruchsal sagte mir der Ausbildungsleiter, es sei unverzichtbar, dass die (auch die bei John Deere) zu Schulenden eine breite Grundkenntnis in Mechanik, Elektrik, Pneumatik und Hydraulik mitbrächten. Erst dann, nämlich als Aufbau darauf, sei die spezielle Schulung des Herstellers sinnhaft - und im Übrigen finanzierbar! Ähnliches war von Honda und Stihl zu hören, als es um die Elektro-Fachkraft ging. Schnell kamen wir überein, dass es auch aus Herstellersicht keinen Sinn macht, die Honda-, Stihl- oder Sonstwas-E-Fachkraft zu schulen. Die Qualifikation müsse übergreifend gestaltet werden.  
 
 
Zum Probeheft geht's hier ...
Auch interessant