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Interview

Smart Farming: So steigen Sie richtig in die Digitalisierung ein

Oliver-Martin-FarmBlick-Acker
am Mittwoch, 15.01.2020 - 09:06 (Jetzt kommentieren)

Oliver Martin ist Gründer des Start-ups FarmBlick, er berät Landwirte rund um Smart-Farming und ist Mitglied im Ausschuss Landwirtschaft und Handel des Brachenverbands Bitkom. Mit ihm haben wir über den richtigen Einstieg in die Digitalisierung gesprochen.

Wie können Landwirte digitaler werden und womit sollten sie starten?

Das ist die falsche Frage! Es geht nicht darum, per se digitaler zu werden, sondern erst einmal die vorhandene Technik besser zu nutzen. Und letztendlich dadurch den Deckungsbreitrag zu erhöhen! Ich mache die Erfahrung, dass häufig schon die Technik auf den Betrieben vorhanden ist. Vielleicht kein N-Sensor, aber Traktoren mit ISOBUS-Terminals, Datentransfers und Fahrspurmanagement. Was fehlt, ist jemand, der unabhängig zeigt, wie die Technik mit den Anbaugeräten und der Software zusammenarbeitet, statt wieder neue Technik zu verkaufen. Grundsätzlich muss der Einstieg in Smart Farming nicht viel kosten.

Wie starten sie, wenn sie einen Betrieb beraten?

Viele Betriebe wissen nicht, wo sie stehen und wo Potenziale schlummern. Die Industrie möchte in erster Linie Produkte verkaufen. Darum geht es aber nicht. Ich erfasse den Ist-Zustand des Betriebes. Welche Schlagkartei hat er? Wie dokumentiert er? Welche Technik wird eingesetzt? Gibt es Bodenkarten? Nutzt er Prognosemodelle für den Pflanzenschutz und welche Fruchtfolge fährt er?

Boden und Fruchtfolge haben doch nichts mit digital zu tun?

Doch, sehr viel sogar! Im System Landwirtschaft sind der Boden und das Bodenleben die Hauptakteure. Ändere ich einen Parameter, ändert sich alles. Während wir bisher die Pflanzen mit Pflanzenschutzmaßnahmen und Düngung in den Fokus stellten, haben wir die Ursache etwas aus dem Blick verloren: den Boden und dessen Biologie. Mit der Digitalisierung steht uns jetzt Technik zur Verfügung, um Zusammenhänge zu messen und unseren Boden besser kennenzulernen. In der Zukunft werden Düngung und Pflanzenschutz begrenzt sein. Smart-Farming bietet Landwirten die Chance, raus aus dem Reagieren und rein ins Agieren zu kommen. Sie können belastbare Zahlen liefern, um zu beweisen, dass sie beispielsweise in Teilflächen die 170 kg N überschreiten können, um auf anderen Zonen Dünger einzusparen. Das nutzt allen: der Umwelt, der Gesellschaft und dem Landwirt. Gezielter düngen, säen und spritzen – nur dort wo notwendig. Das wird nur mit Digitalisierung gehen.

Können Landwirte die Digitalisierung Aussitzen?

Nein, ich denke nicht. Die Politik unterstützt die Digitalisierung. Langfristig werden digitale Arbeitsweisen als gesetzliche Auflage kommen, da sie weitere Kontrollmöglichkeiten bieten. Die Frage ist nur, wann das sein wird und ob ich es als Betrieb zu diesem Zeitpunkt noch schaffe, das Wissen und den Investitions- und Innovationsvorsprung aufzuholen.

Warum steigen dann nicht mehr Landwirte in das digitale Wirtschaften ein?

Landwirte sind Landwirte, weil sie gerne draußen sind und mit Tieren arbeiten. Die Bürokratie drängt sie ins Büro. Viele haben Angst, dass es mit der Digitalisierung und Smart Farming genauso sein wird. Sie haben außerdem in der Vergangenheit Erfahrungen mit Schlagkarteien gemacht. Die waren bisher sehr aufwendig zu pflegen und wenig komfortabel in der Bedienung. Zusätzlich herrscht nach wie vor große Sorge über die Datenhoheit und Sicherheit.

Landwirte wollen nicht ins Büro. Ist das wirklich der Hauptgrund?

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Nein. Landwirte haben aktuell andere Sorgen und die wenigsten finden Zeit, um sich mit dem Thema Digitalisierung auseinanderzusetzen. Leider, weil gerade sie ein Teil der Lösung sein kann. Ich denke da an die Düngeverordnung. Mit der Digitalisierung haben wir die Möglichkeit Nährstoffe dort hinzubekommen, wo wir sie in Ertrag umsetzen können. Bei gleichem Nährstoffeinsatz. Oder die NIRS-Technik für Gülle in viehstarken Regionen. Mit dem einfachen Messverfahren bringe ich Nährstoffe dorthin, wo sie fehlen und von der Bodenbiologie aufgenommen werden können und spare sie aus, wo sie ausreichend sind oder nur auf Entzug gedüngt werden muss. Außerdem machen Konflikte mit der guten fachlichen Praxis rund um Düngung und Pflanzenschutz Probleme. Wer digital wirtschaftet und Smart-Farming betreibt, arbeitet schnell in Grauzonen. Obwohl er alles richtig oder sogar besser im Sinne von Effizienz und Umweltschutz macht. Die geltenden Gesetze und Vorschriften schränken das Potenzial von Smart-Farming ein.

Das ist jetzt ziemliche Pauschal. Haben sie dafür Beispiele?

Ja, unter anderem das Beispiel des einkürzen von Raps. Entwickelt sich der Winterraps im Spätjahr sehr unterschiedlich, benötige ich unterschiedliche Aufwandmengen, um einzubremsen und den Vegetationskegel der Pflanze am Boden zu halten. Schlecht entwickelte Pflanzen möchte ich schonen, andere müssen stärker behandelt werden. Manchmal ist das dreimal so viel Menge an einem Fleck wie auf demselben Acker 10 m weiter. Fahre ich mit dem N-Sensor oder anhand von Satellitenkarten, erkennen diese die Unterschiede im Bestand. Daher reduziere ich stellenweise meine Ausbringmenge. Die liegt dann unter Umständen deutlich unter der Empfehlung der Hersteller. Wie man damit umgehen soll, ist nicht geklärt. Das ist auch der Grund weshalb ich teilflächenspezifische Aussaat, Düngung und Wachstumsregler befürworte. Herbizide und Fungizide teilflächenspezifisch auszubringen … da wäre ich gerade in Bezug auf Resistenzen noch vorsichtig.

Ist Digitalisierung für jeden Landwirt geeignet?

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Ja, jeder kann einsteigen. Und jeder wird Fehler machen. Wer sich Hilfe dazu holt, kann diese vermeiden oder das Risiko gering halten. Ich rate meinen Kunden, sich nicht verrückt machen zu lassen, sondern Stück für Stück einzusteigen; mit Sinn und Verstand – aber machen! Patentrezepte gibt es keine. Dafür sind die Betriebe zu unterschiedlich. Jedem, der etwas Anderes erzählt, würde ich nicht trauen! Das merke ich beispielsweise bei der teilflächenspezifischen Maisaussaat. Hier gibt es kein allgemeingültiges Vorgehen. Faktoren wie die Temperatursumme am Standort, die Maissorte, die Verdunstung und der Boden sind entscheidend. Das ist wichtiges Wissen, dass übrigens nur der Betriebsleiter hat.

Bei welchen Angeboten sollten Landwirte skeptisch sein?

Alle Angebote, die kostenlos sind, würde ich umgehen. Für Produkte aus der Landwirtschaft fordern wir einen fairen Preis, weil darin viel Arbeit, Risiko und Aufwand dahintersteckt. Genauso gilt das auch für Software und digitale Lösungen. Die Produkte müssen entwickelt, programmiert und verkauft werde. Das kostet und kein Unternehmen bietet das aus Wohltätigkeit an. Ich muss als Nutzer in jedem Fall bezahlen. Wenn es nicht mit meinem Geld ist, dann mit meinen Daten.

Hat Digitalisierung mit Betriebsgröße zu tun?

Digitalisierung hat nichts mit Größe zu tun! Der Druck auf größere Betriebe ist höher, da der Faktor Kosten und Arbeitszeit stärker durchschlägt. Wer fünf Prozent Saatgut bei gleichem Ertrag einsparen kann, rechnet einfacher. Wer mit einer 6-m-Drille innerhalb von drei Wochen 400 ha Weizen in den Boden kriegen muss, den entlastet es, wenn er durch geplante Fahrspuren und Logistik drei Tage einspart. Betriebe mit großen Flächen kaufen sich mit Technikwie beispielsweise einem einem N-Sensor eine einheitliche Düngequalität ein, egal welcher Fahrer heute auf dem Traktor sitz. Kleine Betriebe die häufig auf kleinstrukturierten Flächen bewirtschaften sparen dagegen mit Funktionen wie Section-Control an der Pflanzenschutzspritze deutlich Mittel ein und vermindern Pflanzenstress, weil sie Überlappungen und Keile besser in den Griff bekommen.

Ist langsames Internet ein Hemmschuh für die Digitalisierung der Landwirtschaft?

Die Datenmengen, die wir heute mit einer Applikationskarte vom Büro auf das Traktorterminal versenden, sind sehr gering. In ein paar Jahren mag das anders sein und wir benötigen Flächendeckend schnelle Datenverbindungen mit 5G. Das wird dann der Fall sein, wenn wir selbstlernende Systeme einsetzen. Die können Unkräuter fotografieren, an eine künstliche Intelligenz auf einem Server schicken. Diese übernimmt die Bestimmung und sendet Mittel und Aufwandmenge zurück. Und das innerhalb von nicht einmal einer Sekunde. Das wird aber erst in fünf bis zehn Jahren der Fall sein. Bis dahin reicht eine gute Internetverbindung aus. Um die aktuell verfügbaren digitalen Anwendungen auf dem Feld zu nutzen, brauche ich kein 5G. Da ist es wichtiger, dass wir flächendeckend überhaupt Mobilfunkempfang haben. Der kann dann auch nur mit 2G oder 3G sein. Jedoch auf den Höfen halte ich es für unabdingbar, dass der Breitbandausbau noch schneller vorangetrieben wird.

Haben Sie Fragen zur Digitalisierung? Schreiben Sie uns an pflanze-technik@agrarheute.com.

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