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Unfallschutz und Landtechnik

Unfall mit Traktor und Stromleitung: Das auf keinen Fall machen

Traktor mit Pflug unter einer Hochspannungsleitunge
am Dienstag, 16.08.2022 - 10:02 (Jetzt kommentieren)

Immer mal wieder kommt es zu Kollisionen von Traktoren und anderen Landmaschinen mit Hochspannungsleitungen und Strommasten. Experten von Feuerwehr und Netztbetreiber geben Tipps, wie Sie sich verhalten müssen.

Hochspannungsleitungen und Strommasten durchkreuzen viele landwirtschafltiche Flächen. Zu gefährlichen Situationen kommt es, wenn Traktoren oder Erntemaschinen Hochspannungsleitungen zu nahe kommen oder sogar Strommasten rammen. Wie soll man sich in so einer Gefahrensituation verhalten? Wir haben praktische Tipps von einem Feuerwehrmann und Deutschlands größtem Strom-Netzbetreiber TenneT zusammengefasst.

Hochspannungsleitung trifft auf Landtechnik: Das sind gefährliche Situationen

  • Traktor oder Erntemaschine rammt Strommast
  • Eine Maschine kommt der Stromleitung zu nahe. Beispielsweise wenn ein Anhänger unter der Stromleitung abkippt
  • Hochspannungsleitungen hängen stark durch oder liegen auf dem Boden

Wie sollen sich Landwirte verhalten, wenn ihre Maschine eine Stromleitung berührt?

Die Experten vom Netzbetreiber TenneT raten: Das wichtigste ist, dass der Landwirt im Fahrzeug bleibt, solange ein KontaktLichtboden zwischen Arbeitsgerät und Leitung besteht, da er dort durch den sogenannten Faradayschen Käfig geschützt ist. Im ersten Schritt sollte der Fahrer versuchen, das Fahrzeug von der Leitung wegzufahren, sodass der Kontakt/Lichtbogen unterbrochen wird und damit die Gefahrensituation aufgelöst werden kann. Es empfiehlt sich immer, die Nummer des Netzbetreibers bereitzuhalten und sich den Leitungsnahmen und ggf. Mastnummern und sich Örtlichkeit/Zufahrtwege einzuprägen. Gelingt das sichere Entfernen des Fahrzeuges nicht, muss ein Notruf abgesetzt werden. Personen die sich dem Fahrzeug nähern sind zu warnen.

Was tun, wenn die Maschine zusätzlich anfängt zu brennen?

TenneT: Wenn die Maschine während des Kontakts/Lichtbogens aufgrund von sonstigen lebensbedrohlichen Gefahren verlassen werden muss (beispielweise Fahrzeugbrand), darf der Fahrer nicht wie gewohnt aussteigen, sondern sollte mit geschlossenen Füßen möglichst weit abspringen und sich in Sprungschritten mit geschlossenen Füßen weiter entfernen. Eine gleichzeitige Berührung von Erdboden und Fahrzeug kann lebensbedrohlich sein. Anschließend sollte er den Gefahrenbereich mindestens im Umkreis von 10 m zum Arbeitsgerät absperren. Auch Drahtzäune oder ähnliche leitende Gegenstände dürfen nicht berührt werden und müssen mit abgesperrt werden. Im Anschluss ist die Polizei und der Netzbetreiber zu informieren. Die Gefahr ist erst gebannt, wenn die Leitung vom Leitungsbetreiber sichtbar geerdet und der Gefahrenbereich aufgehoben wurde.

Tipps aus der Praxis - Feuerwehrmann erklärt, wie man sich im Ernstfall verhalten soll

Michael Kwasniok (41 Jahre) aus Lüdersfeld, Führungskraft in der Feuerwehr

Michael Kwasniok ist Feuerwehrmann. Er erklärt, wie man sich im Ernstfall verhalten soll: „Wenn ein Fahrzeug oder deren Anbauteile die Leitung berührt oder sie den Boden direkt berührt entsteht ein Spannungstrichter etwa 20 Meter um das Ereignis herum. Das heißt die Spannung geht trichterförmig in den Boden. Befindet sich dort eine Person und bewegt sich durch Gehen fort, entwickelt diese, je nach Größe des Schrittes, eine Schrittspannung. Ist der Schritt zu groß, kann es dort zu einem Stromunfall kommen. Sollte man sich also in diesem Bereich befinden, ist es wichtig sich nur schlurfend über den Boden zu bewegen. Je kleiner der Schritt, desto geringer ist die Gefahr eines Stromunfalls.“

Fahrzeug kollidiert mit Stromleitung: Trotz Hochspannung Ruhe bewahren

Michael Kwasniok empfiehlt weiter: „Befindet sich die Person noch in dem Fahrzeug und es besteht keine weitere Gefahr durch Feuer oder Ähnliches, sollte diese einen Notruf absetzen und sich danach im Fahrzeug sitzend, ruhig verhalten. Brennt das Fahrzeug, muss sich die Person selbst aus dem Gefahrenbereich retten. Wichtig ist, selbst in dieser Situation dabei auf den Spannungstrichter und die Schrittspannung zu achten.“

Was sind Anzeichen, das eine Maschine eine Stromleitung berührt?

Gefährliche Situation unter einer Hochspannungsleitung. Hier sollte man nie einen Anhänger abkippen. Je nach Stromleitung kann ein Lichtbogen auf den Anhänger überspringen und das gesamte Gespann unter Strom setzen.

Tennet: Je nach Spanungshöhe kann ein Lichtbogen schon vor der direkten Berührung des Leiterseils entstehen. Das geht in der Regel mit einem Knall im Moment des Überschlags einher. Am Berührungspunkt eines Leiterseils kann unter Umständen ein Sprühen/Brutzeln/Knistern entstehen.

Beim Spannungsübertritt und Erdschluss über die Räder können sich die Reifen so erhitzen, dass sie platzen. Es kann zudem zum Ausfall und zur Zerstörung der Bordelektronik kommen und das Fahrzeug bzw. Anbaugeräte können in Brand geraten. Bei jeder Berührung eines Leiterseils ist auch ohne wahrnehmbare Zeichen davon auszugehen, dass die Leitung unter Spannung steht und die oben genannten Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden müssen.

Wie können Landwirte helfen, wenn sie einen Unfall zwischen einer Maschinen und einer Hochspannungsleitung (beispielweise von einem Mitarbeiter) beobachten?

TenneT: Zunächst gilt es Abstand zu halten und auf keinen Fall zum Gerät laufen. Es muss mindestens 10 m Abstand gehalten werden. Die helfende Person soll versuchen, sich auf Abstand kurz mit den Insassen zu verständigen und umgehend die Polizei über den Notruf sowie den Netzbetreiber informieren. Hinweise zu Netzbetreibern befinden sich in der Regel an den Hochspannungsmasten.

Wie sollen sich Landwirte verhalten, wenn sie eine gerissene Stromleitungen auf dem Boden entdecken?

TenneT: Zunächst gilt es Abstand zu halten und auf keinen Fall zu der Stelle zu laufen. Es muss mindestens 10 m Abstand gehalten werden. Der Gefahrenbereich sollte im Umkreis von 10 Metern abgesperrt werden. Der Netzbetreiber und/oder die Polizei sind zu verständigen. Bitte informieren Sie den Netzbetreiber auch dann, wenn sie sich nach einem Kontakt aus den Gefahrenbereich selbständig heraus manövrieren konnten.

Welche Vorkehrungen können Landwirte treffen, um unter Hochspannungsleitungen sicherer auf dem Acker unterwegs zu sein?

Es ist zwingend erforderlich, die vorgegebenen Mindestabstände zu Leiterseilen einzuhalten, das sind mindestens 5 m sofern keine anderen Abstände vom Netzbetreiber genannt wurden. Dabei ist zu beachten, dass die Bodenabstände variieren können, da die Leiterseile sich bei Wärme (z.B. witterungsbedingt im Sommer oder im allgemeinen bei hoher Stromübertragungslast) ausdehnen. Auch das seitliche Ausschwingen und der sich dadurch verringernde Abstand zu einem Arbeitsgerät kann sich z.B. bei Wind verringern. Beim zuständigen Netzbetreiber kann sich ein Landwirt nähere Informationen über die Leitungen und vorgegebene Mindestabstände einholen, die sich auf seinen Grundstücken oder Bewirtschaftungsflächen befinden.

Hochspannungsleitungen über landwirtschaftliche Flächen - diese Abstände gelten

Prinzipiell müssen folgende Sicherheitsabstände zwischen Gerät beziehunsgweise Person und den Leitungen eingehalten werden:

  • 1 kV bis 110 kV: 3 Meter
  • 110 kV bis 220 kV: 4 Meter
  • ab 220 kV: 5 Meter
  • unbekannt: 5 Meter

Experte gibt diesen Tipp: Hochspannungsleitungen erkennen

Michael Kwasniok hat einen Tipp, wie man in der Regel anhand der Länge der Isolatoren an den Leitungen erkennen kann, was für eine Spannung fließt. Die Werte dienen nur zu Gefahrenabschätzung im Notfall. Grundsätzlich gilt ein Mindestabstand von 5 m, wenn keine andere Werte angegeben sind.

  • 380 kV: 3m
  • 220 kV: 2m
  • 110 kV: 1m
  • 20 kV: 0,25m
Mit Material von Tennet
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