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BfN zählt 1.175 Wölfe – aber steigen die Bestände wirklich langsamer?

Wolfswelpen wurden bislang nicht gezählt. In diesem Jahr liefert das BfN auch zu ihnen konkrete Zahlen.
am Dienstag, 29.11.2022 - 05:00 (Jetzt kommentieren)

Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) hat die aktuellen Wolfszahlen für 2021/22 veröffentlicht. Die Bestände wachsen weiter, aber mit sehr viel geringerer Geschwindigkeit. Ist das wirklich so? Ein Kommentar.

Man könnte es als gute Nachricht für alle Weidetierhalter verbuchen: Die Anzahl der Wölfe in Deutschland nimmt endlich nicht mehr so schnell zu wie in den vergangenen Jahren. Für das Erfassungsjahr 2021/22 meldet das Bundesamt für Naturschutz (BfN) deutschlandweit:

  • 161 Rudel,
  • 43 Paare und
  • 21 territoriale Einzelwölfe (siehe Tabelle unten).

Im Vergleich zum Vorjahr sind das nur drei Rudel (1,9 Prozent) und fünf Paare (3,2 Prozent) mehr. Bei den Einzelgängern ist die Zahl sogar um ein Tier gesunken (minus 5 Prozent).

Erstmalig Angaben zur Gesamtzahl

Anders als früher üblich nennt das BfN jetzt sogar Individuenzahlen. In der dazugehörigen Pressemitteilung heißt es: „[…] in den bestätigten Wolfsterritorien [wurden] insgesamt 1.175 Wolfsindividuen nachgewiesen: 423 adulte Wölfe, 550 Welpen (Wölfe im 1. Lebensjahr) und 98 Jährlinge (Wölfe im 2. Lebensjahr).“ Bei insgesamt 104 Tieren habe sich das Alter nicht eindeutig zu ermitteln lassen.

Weiterhin betont das BfN: „Hierbei handelt es sich nicht um Abschätzungen oder Hochrechnungen, sondern die Informationen basieren auf von Expertinnen und Experten nach einheitlichen Standards überprüften robusten Datensätzen.“

Nur erwachsene Wölfe werden der EU gemeldet

Diese „robusten Datensätze“ waren es, die Kritiker des Wolfsmanagements in Deutschland lange Zeit erfolglos eingefordert haben, die aber angeblich nicht zur Verfügung standen. Noch im vergangenen Jahr lautete die Aussage, Welpen würden nicht erfasst und die Rudelstärke variiere zu sehr, um valide Aussagen treffen zu können.

Stattdessen arbeitete das Amt ausschließlich mit der Zahl adulter Tiere und berichtete diese auch im Rahmen der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie an die Europäische Union.

1.175 Wölfe plus Dunkelziffer

Jetzt gehen wir also ganz offiziell von deutlich über 1.000 Wölfen in Deutschland aus. Es wird allerdings eine erhebliche Dunkelziffer geben, denn nicht jeder erwachsene Wolf und schon gar nicht jeder Welpe hinterlässt DNA-Spuren an einem Riss oder tappt in eine Kamerafalle.

Doch das sei dahingestellt. Auch wenn jährlich ein gewisser Prozentsatz der Tiere durchs Erfassungsraster rutscht, lässt sich anhand der eindeutig nachgewiesenen Wölfe eine Entwicklung ausmachen. Und die zeigt wohl tatsächlich weit weniger rasant nach oben wie in den vergangenen zwei Jahrzehnten.

Die DBBW aktualisiert ihre Zahlen

Tabelle-Wolfsbestaende-D-2022

Geht man regelmäßig auf die Internetseite der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW), erfährt man allerdings mehr.

Die regelmäßig Ende November/Anfang Dezember veröffentlichten Zahlen sind kein Endstand. So wurden im vergangenen Spätherbst für den Erfassungszeitraum 2020/21 noch 157 Rudel, 27 Paare und 19 Einzelwölfe angegeben. Schaut man jetzt (Stand: 28.11.2022) auf die Statistik, findet man 158 Rudel, 35 Paare und 22 Einzelgänger. Und mit diesen aktuellen Zahlen rechnet das BfN.

Im Jahresabstand fast 60 Prozent mehr Wolfspaare

Stellt man allerdings die Ergebnisse der jeweiligen Erstveröffentlichungsdaten ohne das heutige Update gegenüber, ergäbe sich zwischen 20/21 und 21/22 ein Wachstum bei den Rudeln von gut 2,5 Prozent und bei den Paaren von ganzen 59 Prozent! Auch bei den territorialen Einzeltieren stünde dann eine Positiventwicklung von gut 10 Prozent zu Buche.

Auch die jetzigen Ergebnisse sind nicht endgültig

Natürlich darf man die nachträglich durch verzögerte Meldungen, späte DNA-Nachweise etc. hinzugekommenen Tiere nicht vernachlässigen, doch die letzten Jahre haben gezeigt: Diese Korrekturen nach oben gibt es immer.

Mit anderen Worten: Die moderaten Wachstumswerte, mit denen das BfN im Moment jongliert, werden so niedrig nicht bleiben.

Nabu: kein unkontrolliertes Wachstum

Nichtsdestotrotz begrüßt der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) die neuesten Zahlen und nimmt sie als Beweis her, dass es hierzulande kein unkontrolliertes Wachstum des Wolfsbestands gebe. Außerdem seien die Schadenszahlen 2021 deutlich zurückgegangen.

Doch auch das ist nur die halbe Wahrheit: Zwar hat sich im vergangenen Jahr (für 2022 liegt noch keine Statistik vor) die Anzahl der getöteten, verletzten und verschwundenen Tiere im Vergleich zu 2020 von knapp 4.000 auf etwa 3.400 verringert, die Anzahl der Übergriffe ist aber erneut leicht angestiegen.

Mit anderen Worten: Pro Übergriff wurden weniger Tiere gerissen. Die Gründe dafür sind nicht bekannt.

Brandenburg mit weltweit höchster Wolfsdichte

Und noch etwas sollte nicht unerwähnt bleiben: Die abflachende Bestandswachstumskurve kann mit der Übersättigung der jeweiligen Territorien zusammenhängen. Immerhin hat beispielsweise Brandenburg bereits jetzt die weltweit höchste Wolfsdichte. Selbst Alaska oder die russische Tundra kommen da nicht mit.

Spricht man allerdings mit Insidern, hört man immer häufiger, dass vor allem in Ostdeutschland der Wolf mittlerweile kräftig bejagt wird. Illegal natürlich, die Tierart steht ja noch immer unter bedingungslosem Schutz.

Sollte an diesen Aussagen etwas dran sein, haben wir hier inzwischen eine ähnliche Entwicklung wie in allen anderen Ländern mit hohen Wolfsdichten zu verzeichnen. Das hätte sich mit einem vernünftigen Management, wie es zum Beispiel Schweden vormacht, möglicherweise verhindern lassen.

Grüne halten an Schutzstatus fest

Das EU-Parlament hat dieser Tage über eine veränderte Umgangsweise mit dem Wolf in Europa abgestimmt. Ergebnis: Der Schutzstatus des Wolfs soll abgeschwächt werden, dieser Wunsch wurde an die EU-Kommission und die Mitgliedstaaten weitergegeben.

Die Grünen aber haben bereits vorher klar gemacht: Sie beharren auf unbedingtem Schutz. Statt Bejagung und wirkungsvoller Vergrämung setzen sie auf GPS-Halsbänder und Almhirten. Im Land mit der gebietsweise höchsten Wolfsdichte der Welt ist wohl mit einem echten Wolfsmanagement weiter nicht zu rechnen.

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