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ZEIT-Reportage "Tödliche Keime"

dlz-Chefredakteur reagiert mit offenem Brief

© Kiermeir
Detlef Steinert, dlz agrarmagazin/nc
am
06.11.2015

DIE ZEIT-Autor Christian Fuchs hat einen heftigen Post in facebook veröffentlicht und die Agrarlobby mit Nazis verglichen. Detlef Steinert, Chefredakteur dlz-agrarmagazin, sieht es als dringend geboten, einen offenen Brief an seinen Kollegen zu adressieren. Hier seine Reaktion.

Sehr geehrter Herr Kollege Christian Fuchs,
nach all der Aufregung sehe ich es dringend geboten, auf einen Post auf Ihrer Facebook-Seite zu reagieren.

Aber hoppala, ich sehe gerade, der ist jetzt einfach weg! Das eine starke Wort - Nazi - hatten Sie schon sehr schnell wieder aus dem Beitrag genommen, nachdem Sie auch aus Ihrem Facebook-Freundeskreis Hinweise bekommen hatten, dass der Vergleich ziemlich daneben sei … Gut, dass ich mir das also ausgedruckt habe, sonst wüsste ich wohl nicht mehr, was da der Vergleichsgegenstand war: die Agrarlobby nämlich.

ZEIT-Artikel 'Tödliche Keime' mit Preis ausgezeichnet

Deren Mitglieder - die Landwirte also - wie Sie schreiben, vor der Redaktion von DIE ZEIT demonstriert haben, die sie mit über 1000 kritischen Leserbriefen beballerten, die Geld gesammelt haben für Gegenanzeigen, die beim Presserat vorstellig geworden sind, und die sich die Realität in ihren eigenen Medien zurecht logen. Ich will mich an der Stelle nur auf die Punkte beschränken, die für mich nachvollziehbar (= nachprüfbar) sind. Zu den anderen Dingen wie "diskreditieren", "erpressen" oder "denunzieren" kann ich nichts beitragen, denn als Journalist sehe ich mich nach wie vor in der Pflicht, einen Sachverhalt mindestens durch zwei unterschiedliche Quellen abzusichern. Zu den eben genannten Sachverhalten sind Sie aber die einzige Quelle. Also in der Währung eines an Fakten orientierten Journalismus gesprochen: schlicht nicht verwertbar.

Landwirte sammeln Geld, um eine Anzeige zu finanzieren. Ist das in Ihren Augen etwa anstößig oder ein unerlaubtes Mittel, seine Ansichten kund zu tun? In meinen Augen nicht. Dass so viel Geld zusammen gekommen ist, um diese Anzeige zu finanzieren, beweist für mich nur eines: Dass die Art und Weise des ursächlichen Beitrags in DIE ZEIT ("Tödliche Keime") geeignet war, dass sich hunderte Mitbürger, die nichts anderes tun als in ihrem Beruf auf dem Boden geltender Gesetze zu arbeiten, massiv diskreditiert gefühlt haben.

Sie dagegen fühlen sich von einem "Top-Medienanwalt" diskreditiert. Haben Sie sich mal gefragt, wie diskreditiert sich tausende Landwirte fühlen müssen, die sich durch den Artikel vor einem Publikum von mindestens einer halben Millionen Bürger  bloß gestellt und angegriffen fühlen?

Und dann ist da noch die Sache mit den Medien, die sich die Realität zurecht gelogen hätten. Ich bin da sehr vorsichtig, von anderen Kollegen zu behaupten, sie würden sich etwas zurecht lügen. Wahrheiten und Realitäten sind ja gemeinhin eine durchaus sehr subjektive Angelegenheit: Während es für Sie zum Beispiel Realität ist, dass in deutschen Schweineställen Antibiotika nicht nur zu kurativen Zwecken eingesetzt werden, gehört es zur Alltags-Realität zigtausender schweinehaltender Betriebe, Antibiotika nur dann einzusetzen, wenn sie nötig sind. Entsprechend haben die agrarischen Fachmedien, zu denen auch das Blatt zählt, für das ich als Chefredakteur verantwortlich bin, ihre Sicht auf den Sachverhalt wiedergegeben.  Wenn das Zurechtlügen ist, dann muss sich jeder Journalist, der seine Arbeit als Auftrag seiner Leser, Zuseher oder Zuhörer begreift, als Lügner bezeichnen. Braucht es solche Journalisten dann überhaupt? Oder sollten sie sich dann nicht besser gleich von ihrem Anspruch verabschieden, als vierte Macht im Staat zu fungieren?

Stolz scheinen Sie schließlich auch darauf zu sein, dass der Presserat keine Rüge ausgesprochen hat, sondern nur einen Hinweis gegeben hat. Kann schon sein, aber das beleuchtet halt auch nur die eine Seite. Die andere, dass der Presserat sich gar nicht imstande sah, den fachlichen Diskurs zu beurteilen, der einen wesentlichen Teil der Beschwerde vom DBV ausgemacht hat, lässt dies unberücksichtigt. Zum Thema Wahrheiten und Realitäten siehe oben.

Wer Bauern in einen Topf mit Dschihadisten oder Neonazis steckt, dem fehlt meines Erachtens eine ausreichende Beschäftigung mit dieser Gruppe Menschen. Sollte Ihnen daran gelegen sein - bin gespannt, ob Sie das Angebot annehmen! -, mit Landwirten ins Gespräch zu kommen, ihre Lebens- und Arbeitswelt authentisch zu erfahren, dann helfen wir Ihnen gerne weiter. Sicher gibt es genügend unter unseren Leserinnen und Lesern, die sich gerne einem konstruktiven Diskurs stellen.

Mit kollegialen Grüßen

Detlef Steinert

Chefredakteur dlz agrarmagazin

Langfassung des offenen Briefs zum Herunterladen

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