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Kommentar

Europäische Masthuhn-Initiative: Mehr Tierwohl?

Masthuhn im Stall auf Strohballen
am Freitag, 06.11.2020 - 10:09 (Jetzt kommentieren)

Aldi macht jetzt auch mit. Ebenso wie die ganz Großen Nestle, Ikea und Dr. Oetker. Man könnte meinen, die Europäische Masthuhn-Initiative ist ein Erfolg. Oder?

Das „oder“ fängt bei mir schon mit der neusten Nachricht an: Aldi schließt sich als erster Lebensmitteleinzelhändler in Deutschland der Europäischen Masthuhn-Initiative an. Ihr Ziel ist mehr Tierwohl entlang der Lieferkette. Soweit zur Nachricht.

Schlimm ist, wie diese Nachricht von manchen Medien aufgegriffen wird. Beispielsweise durch Michael Kläsgen in der Süddeutsche Zeitung (SZ). Auf den Punkt bringt es Thomas Wengenroth von „Der Hoftierarzt“: „Michael Kläsgen schreibt ohne jegliche Ahnung über Hühnermast, dafür offensichtlich auch gänzlich ohne Recherche.“

Thomas Wengenroth kritisiert diese Form von Haltungsjournalismus, gespickt mit Falschinformationen. Ein Beispiel? In der SZ steht: „Für Beleuchtung und Frischluft wird kaum gesorgt.“ Das ist Unsinn. Auch Hühner brauchen viel Sauerstoff, also viel frische Luft, sonst verenden sie innerhalb weniger Minuten.

Die Klimasteuerung in Geflügelställen ist sehr wichtig und entscheidend für das Wohlbefinden der Tiere. Außerdem setzen auch Halter von Masthühnern bereits vermehrt auf Wintergärten, also überdachte Auslaufmöglichkeiten an der Frischluft.

Veralteten Zahlen zu Antibiotika

Weiter heißt es in der SZ: „Während der Mastdauer von durchschnittlich 39 Tagen wird an zehn Tagen ein Antibiotikum verabreicht.“ Diese Zahlen stammen aus der längst überholten VetCAB-Pilotstudie. Deren Hochrechnungen lagen Verbrauchsmengen von 2011 zugrunde.

Das staatliche Antibiotika-Monitoring zeigt jedoch, dass seit 2011 die Verkaufsmengen von Antibiotika an Tierärzte insgesamt um 60,7 Prozent zurückgegangen sind. Auch bei den kritischen Wirkstoffen und bei Polypeptiden (Colistin), die beim Geflügel vorzugsweise eingesetzt werden (minus 52 Prozent).

Es gibt viele Mastdurchgänge, die komplett ohne Antibiotika auskommen. Das ist am Ende auch eine Frage der Wirtschaftlichkeit: Gesunde Tiere kosten weniger und bringen mehr Leistung.

Masthuhn-Initiative pures Reinwaschen?

Was bringt Aldi also der Anschluss an eine von Tierschutzorganisationen ins Leben gerufene Initiative? Wer profitiert davon? Am wenigsten das Geflügel in den Mastställen. Am meisten sind es die Tierschutzorganisationen auf Spendenfang durch das mediale Interesse.

Schaut man genauer hin, so ist die Europäische Masthuhn-Initiative sehr unkonkret. Die Unternehmen gehen mit ihrer Absichtserklärung kaum ein Risiko ein. Erst 2026 sollen die Forderungen umgesetzt sein.

Konkret sind allerdings die Drohkulissen, die von der Initiative gegen jene aufgebaut werden, die sich ihr nicht direkt anschließen wollen. Das durften einige Unternehmen wie Subway bereits mit Kampagnen gegen sie erleben.

Aldi hat nun erstmal unterschrieben. Das Unternehmen kann sich auf die Fahne schreiben, etwas für das Tierwohl zu tun – irgendwann in 2026. Das Gewissen der Kunden wird beruhigt, wenn sie auf der Packung ein Label eines Tierschutzverbands sehen.

Wer bezahlt mehr Tierwohl?

Wahrscheinlich wird das Geflügelfleisch bei Aldi dadurch nicht viel teurer. Doch mehr Tierwohl im Stall kostet Geld. Wer bezahlt Geflügelmästern diesen Mehraufwand?

Und das Szenario lässt sich weiter drehen: Wenn die Mastgeflügelhaltung in ganz Deutschland tatsächlich entsprechend der Forderungen der Initiative umgestellt würde - also mit deutlich geringere Besatzdichten und langsam wachsende Rassen - was passiert dann mit dem Selbstversorgungsgrad in Deutschland? Wo kommen die günstigen Hähnchen dann her? Denn ohne Aufschlag darf es diese Tiere nicht geben!

Wäre es nicht klüger, sich den bereits funktionierenden Programmen anzuschließen und diese nach und nach weiter auszubauen? So wie die Initiative Tierwohl. Immerhin deckt sie schon 70 Prozent der in Deutschland erzeugten Masthähnchen ab. Mit mehr Platz, Beschäftigungsmaterial, Stallklimacheck und vielen weiteren Anforderungen, die über den gesetzlichen Standard hinaus gehen. Das ist ein guter Anfang, sauber strukturiert und mit einer gesicherten Aufwandsentschädigung für die Landwirte.

Preissensibilität bei Verbrauchern zu hoch

Man darf auch nicht vergessen, dass es bereits privatwirtschaftliche Initiativen gab und gibt, die mehr Tierwohl zum Ziel haben. Privathof von Wiesenhof zum Beispiel. Interessanterweise decken sich die Vorgaben zur Haltung nahezu eins zu eins mit den Vorgaben der europäischen Masthuhn-Initiative. Eine echte Marktdurchdringung ist Wiesenhof bislang leider nicht gelungen. Zu groß ist die Preissensibilität der Verbraucher.

Aldi hätte also auch die Privathof-Initiative verstärkt unterstützen können. Aber wahrscheinlich hat der Name Wiesenhof nicht so eine positive Strahlkraft wie die Tierschutzorganisationen.

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