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Interview

Mit hoher Biosicherheit gegen Zoonosen

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am Montag, 17.08.2020 - 05:00 (1 Kommentar)

Nicht erst seit Corona sind Zoonosen eine gesundheitliche Bedrohung. Wo kommen sie her und wie verbreiten sie sich? agrarheute sprach mit dem Präsidenten des Friedrich-Loeffler-Instituts Prof. Thomas Mettenleiter.

Thomas Mettenleiter im Interview

Die Corona-Pandemie hat die öffentliche Aufmerksamkeit für Zoonosen geschärft. Diese Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen und andersherum übertragbar sind, scheinen immer häufiger zum Problem zu werden. Nicht wenige verorten die Ursachen in der modernen Nutztierhaltung.

agrarheute hat vor einigen Wochen mit Prof. Dr. Thomas C. Mettenleiter, dem Präsidenten des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI), Bundesinstitut für Tiergesundheit, über Covid-19 und über Zoonosen im Allgemeinen gesprochen.

Wie ist denn der aktuelle Erkenntnisstand über die Herkunft und die Verbreitung von SARS-CoV-2, dem aktuellen Coronavirus?

Bezogen auf das gesamte Genom ist der nächste Verwandte ein Virus aus einer südchinesischen Hufeisennasenfledermaus. Aber es gibt auch Einzelbereiche in diesem recht großen Genom, die eng verwandt sind mit anderen Coronaviren – auch aus Schuppentieren zum Beispiel. So richtig belastbar ist das alles noch nicht wirklich. Trotzdem geht die Wissenschaft generell davon aus, dass SARS-CoV-2 aus einem Fledermaus-Reservoir stammt.

SARS-CoV-2 ist ja nur ein Virus aus der CoronaGruppe. Wie stark sind Corona-Erreger denn generell verbreitet?

Coronaviren sind bei Tieren sehr weit verbreitet. Wir kennen sie von unseren Haus- und Nutztieren, aber es gibt sie auch bei vielen Wildtierarten. Bei Fledermäusen ist in den letzten Jahren intensiv danach gesucht worden und dort findet man tatsächlich eine enorm große Anzahl unterschiedlicher Coronaviren.
 

Inwieweit lassen sich denn Haus- und vor allem Nutz­tiere mit dem aktuellen Virus infizieren?

Wie gesagt, kommt der Erreger höchstwahrscheinlich aus dem Reich der Fledertiere. Diese Tiere müssen also infizierbar sein. Das konnten wir im Infektionsversuch mit Flughunden auch bestätigen. Sie sind empfänglich, erkranken aber selbst nicht. Ähnliches gilt für Frettchen: Sie lassen sich infizieren, vermehren das Virus in großen Mengen, scheiden es aus und können Artgenossen damit anstecken. 
Was die lebensmittelliefernden Tiere angeht: In einigen Studien wurden Schweine und Hühner getestet, beispielsweise am FLI und in China. Von dort haben wir auch Daten zu Enten. Außerdem gibt es Berichte über Puten. Bei all diesen Spezies ist es bisher nicht gelungen, sie mit SARS-CoV-2 zu infizieren. Unter den jetzigen Erkenntnissen sehen wir sie also als nicht empfänglich an.

Wie sieht es bei Wiederkäuern aus?

Diese Versuche laufen jetzt bei uns, denn international gibt es dazu im Moment noch keine Informationen. Unsere Tests mit Rindern haben Anfang Juli begonnen, sodass wir dazu dann auch belastbare Aussagen treffen können.

Sind weltweit eigentlich – abgesehen von der ursprünglichen Infektionskette in China – Fälle bekannt, in denen sich Menschen wieder bei Tieren angesteckt haben?

Es gibt möglicherweise zwei solche Fälle in den Niederlanden. Dort sind große Nerzbestände wahrscheinlich über das betreuende Personal mit SARS-CoV-2 infiziert worden. Nerze sind eng verwandt mit Frettchen, es ist also nicht überraschend, dass diese Tiere auch empfänglich sind. Die Nerze haben sich schnell gegenseitig infiziert und das Virus vermehrt. Es entstand ein hoher Infektionsdruck und es gibt Hinweise darauf – ich sage bewusst Hinweise, keine Beweise –, dass sich möglicherweise zwei Kontaktpersonen an diesen Tieren angesteckt haben.

Eine Studie des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) und des International Livestock Research Institutes (ILRI) warnt vor einer generellen Zunahme von Zoonosen. Stimmt das oder liegt das eher an verbesserten Untersuchungs- und Diagnosemethoden?

Die Testung ist in der Tat intensiver geworden. Und mittlerweile wird auch in Gegenden getestet, in denen wir solche Ereignisse früher nicht wahrgenommen hätten. Von daher ist die Aufmerksamkeit tatsächlich deutlich höher als das noch vor einigen Jahrzehnten der Fall war. Trotzdem lässt sich diese Entwicklung nicht von der Hand weisen.

An der Verbreitung von neuen Erregern hat die zunehmende Globalisierung sicher einen erheb­lichen Anteil?

Natürlich reisen auch Erreger schneller, wenn der Mensch es tut. Und der internationale Handel tut ein Übriges.

UNEP und ILRI verweisen aber auch auf den Klimawandel? Welche Bedeutung hat er?

Der Effekt des Klimawandels ist immer noch schwierig einzuschätzen. Gerade bei vektorübertragenen Infektionen – Krankheiten also, die beispielsweise von Insekten verbreitet werden – spielen Klimafaktoren eine wichtige Rolle. Inwieweit das in jedem einzelnen Fall der globale Klimawandel ist, ist schwierig einzuschätzen. Aber wir gehen schon von einem Einfluss aus, weil wir sehen, dass sich Infektionskrankheiten, die wir noch vor einigen Jahrzehnten als Tropenkrankheiten eingeschätzt hätten, nun auch in unseren Breitengraden ausbreiten.

Was bedeutet das strategisch für die Vermeidung und Bekämpfung von Zoonosen?

Die Probleme müssen im Rahmen des One-Health-Prinzips ganzheitlich betrachtet werden. Der Klimawandel spielt hierbei ebenso eine Rolle wie das Wachstum der Populationen – ob das nun Nutztiere oder Menschen sind – und natürlich auch der Transport von Tieren und tierischen Produkten. Das hat alles ganz andere Dimensionen als früher. Und all das zusammen bildet ein gutes Terrain, dass sich solche Infektionen immer leichter verbreiten können. Hier müssen wir mit den Bekämpfungsstrategien ansetzen.

Die öffentliche Aufmerksamkeit richtet sich vor allem auf spektakuläre Ausbrüche von Corona, Schweinegrippe oder Ebola. Welche Rolle spielen denn heute altbekannte Zoonosen wie Salmonellen, Tollwut usw.?

Die terrestrische Tollwut zum Beispiel ist zwar in Mitteleuropa ausgerottet, weltweit sterben jedoch jährlich immer noch zwischen 50.000 und 70.000 Menschen daran, vor allem in Afrika und in Asien. Zoonosen sind ein normaler Teil der Biologie. Das ist auch nicht verwunderlich, denn biologisch sind wir Teil des Tierreichs. Es gibt keine besondere Barriere zwischen Mensch und Tier in diesem Kontext.

Ist denn die Aufmerksamkeit für diese "normalen" Zoonosen groß genug?

Die Maßnahmen sind ja da und greifen auch. Zum Beispiel ist die Häufigkeit von Salmonellosen deutlich nach unten gegangen, seit Hühner gegen Salmonellen geimpft werden müssen. Inzwischen ist in unseren Breiten die zahlenmäßig am weitesten verbreitete Zoonose die Campylobakteriose. Das sind aber meist keine schwerwiegenden Erkrankungen. Und diese Infektionen lassen sich durch eine gute Küchenhygiene zumindest reduzieren, wenn nicht sogar weitgehend vermeiden.

Welche Lehren müssten wir aus landwirtschaft­licher Sicht aus Corona & Co. ziehen?

Besonders wichtig ist der Bereich der Biosicherheit. Das gilt eigentlich erregerunabhängig. Das heißt, wenn der Bestand biosicher gehalten wird, wird auch drastisch die Gefahr reduziert, dass Infektionen von außen eindringen. Die Schweinehaltungshygieneverordnung und die Geflügelpestverordnung sind sehr gute Werkzeuge, um eine grundlegende Biosicherheit zu gewährleisten, die natürlich im Einzelfall auch noch optimiert werden kann. Beim Rind ist das allerdings leider noch ein ziemlich offenes Feld – im wahrsten Sinne des Wortes. Da ist viel Verantwortung beim einzelnen Tierhalter gefragt.
 

Da spielt dann allerdings wiederum die Forderung nach einer artgerechten Haltung eine Rolle. Rinder, aber auch Schweine sollen ja nach Möglichkeit nach draußen.

Ja, aber auch das geht. In den meisten Fällen fallen die Erreger ja nicht vom Himmel – von der Geflügelpest mal abgesehen. Sie werden oft durch Nachlässigkeit über den Menschen in die Bestände eingetragen. Und dem kann man durch die sorgfältige Einhaltung der betrieblichen Biosicherheit sehr wohl einen Riegel vorschieben.

 

 

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