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Kommentar

Wie die Coronakrise die Schlachthöfe herausfordert

Werksgelände der Fleischfabrik Westfleisch in Coesfeld
am Dienstag, 12.05.2020 - 16:00 (1 Kommentar)

Coesfeld im Münsterland hat unrühmliche Bekanntheit erlangt. Hier liegt ein Corona-Hotspot, der einen fassungslos macht. Es ist der Westfleisch-Schlachthof. Wie ist es möglich, dass sich 230 Menschen innerhalb einer Woche an Corona infizieren? Was ist mit den immer wieder hochgelobten Hygiene-Richtlinien in heimischen Schlachthöfen?

Sicher, das Risiko sich bei der Schlachtung und Zerlegung an Corona anzustecken, ist größer als im Homeoffice. Aber ich vermute, die meisten Arbeiter haben sich nicht im Schlachthof, sondern in ihren Unterkünften angesteckt.

Viele Schlachthofmitarbeiter kommen aus Rumänien oder Bulgarien. Sie kommen nach Deutschland, um Geld zu verdienen und nicht um viel Miete für die Unterkunft zu bezahlen. Und sie wollen schnell Geld verdienen und wieder heim zu ihren Familien. Die bleibt nämlich zu Hause, in Sofia, Bukarest oder anderswo.

Harte Arbeitsbedingungen, aber guter Lohn

Bernd Feuerborn agrarheute Redakteur

Auch, wenn die Arbeitsbedingungen hart und die Löhne für deutsche Verhältnisse mies sind, ist es für die Osteuropäer lukrativ in Deutschland zu arbeiten. Ist der Mindestlohn in Deutschland doch fast 4-mal so hoch wie in Rumänien. So weit, so gut.

Nicht gut ist aber das System, wie die Schlachthöfe für ihre Arbeitskräfte sorgen. Viele Osteuropäer sind nicht beim Schlachthof, sondern bei einem Subunternehmer angestellt. Und der sorgt in der Regel für die Unterkunft. Diese sind oft heruntergekommene Häuser oder Wohnungen, die kräftig überbelegt sind. Es ist dieses System der Subunternehmer mit dem Wegschauen der Schlachtindustrie, was die Wohnsituation ihrer Arbeiter angeht.

Bekannte Missstände, aber keine Konsequenzen

Die Situation ist seit langem bekannt, interessiert hat es keinen. Gewerkschafter klagen schon lange über die unwürdigen Zustände bei der Unterbringung. Und sie stoßen auf eine Mauer des Schweigens, weil sich kein Arbeiter gegen das System auflehnt. Die Folge wäre, ohne Arbeit und Lohn dazustehen. Das sich die Schlachtunternehmen hinstellen und behaupten, die Wohnsituation läge nicht in ihrer Verantwortung, rächt sich jetzt bitter. Die vermeintlich billigen Arbeiter werden richtig teuer, wenn der Betrieb steht. Jetzt zeigt sich, dass man die Verantwortung für seine Angestellten nicht auf Subunternehmer abwälzen kann.

Was sind also die Konsequenzen? Weitermachen, weil man systemrelevant ist und man nichts ändern kann? Oder weitermachen, weil der Schlachthof nicht für Lebensbedingungen seiner Angestellten verantwortlich ist?

Schlachthofschließung schadet allen

Metzger bei der Fleischverarbeitung

Die Schlachthöfe sollten ein ureigenes Interesse daran haben, gesunde und motivierte Mitarbeiter zu haben. Aber eine Schließung eines Schlachthofes schadet ihm leider weniger als den Mitarbeitern, die dann keinen Lohn mehr bekommen. Und es schadet den Bauern, die dann keine Schweine mehr liefern anliefen. Es ist also im ureigenen Interesse der Schweine-, Rinder- und Hühnerhalter, dass Schlachthöfe nicht von einem Skandal in den nächsten stolpern.

Eine Drohung der Branche, man müsse bei höheren Auflagen und Lohnkosten abwandern, ist armselig. Schweine müssen da geschlachtet werden, wo sie gemästet werden. Schon jetzt kann Schlachtvieh nur unter Schwierigkeiten innerhalb eines Tages zum Schlachthof gelangen. Und die Versorgung mit Fleisch über das Leiden der Menschen, die an Corona erkrankt sind, zu stellen ist noch armseliger.

Vorschriften müssen kontrolliert werden

Wenn sich freiwillig nichts ändert, und das zeigt die Vergangenheit, dann müssen andere Vorschriften her. Aber auch Vorschriften, die sich an den Menschen orientieren: Die Schlachthofmitarbeiter aus Osteuropa wollen in möglichst kurzer Zeit viel Geld verdienen und dann zurück zu ihrer Familie. Denen hilft ein 8-Stundentag genauso wenig, wie den Erntehelfern auf den Spargel-, Gemüse oder Erdbeerfeldern. Auch bei den Erntehelfern hört man teilweise von Missständen. Sie sind unter Auflagen nach Deutschland gekommen und die sind einzuhalten. Und sie müssen kontrolliert werden. Die Erntehelfer und auch die osteuropäischen Arbeiter in der Schlachtindustrie sind keine Menschen zweiter Klasse. Und jeder Arbeitgeber hat eine Sorgfaltspflicht seinen Mitarbeitern gegenüber. Gegen die Missstände hilft nur Respekt vor den Menschen und eine gerechte Bezahlung.

Hier müssen aber alle mitmachen. Die Verbraucher, die aus Respekt vor den Lebensmitteln und den sie erzeugenden Menschen höhere Preise bezahlen. Der Handel, der sich endlich mal etwas anderes einfallen lässt, als mit noch mehr Rabatten die Kunden ins Geschäft zu locken. Und auch ein Staat, in dem die Gemeinden die Wohnsituation überprüft. Und eine Schlachtindustrie, die sich ihrer Verantwortung bewusst ist. Ihrer Verantwortung für „ihre“ Mitarbeiter und die Verantwortung für die Tier, die dort geschlachtet werden.

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