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Kommentar

Männliche Eintagsküken: Weit mehr als nur Abfall der Eierindustrie!

Frisch geschlüpftes Hühnerküken
am Sonntag, 11.04.2021 - 06:00 (6 Kommentare)

Die Tötung männlicher Legerassenküken erregt die Gemüter. Die Praxis soll ab Beginn des kommenden Jahres verboten werden. Endlich, jubeln die meisten. Doch es gibt auch Verlierer dieser Idee. Dazu gehören auch Hühnerküken. Bloß keine deutschen.

Eintagsküken

Mit dem Ende dieses Jahres soll in Deutschland das Töten männlicher Eintagsküken aus Legehennenlinien endgültig der Vergangenheit angehören. So will es die Öffentlichkeit und so will es die Politik – einschließlich Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner.

Der Gedanke ist ja auch schwer zu ertragen: Flauschig-gelbe Bällchen mit glänzenden Knopfaugen, die ohne Grund getötet (oder lebendig geschreddert?) werden.

Doch zum großen Entsetzen vieler Verbraucher diskutiert man in Berlin inzwischen Ausnahmeregelungen, die Brütereien ermöglichen könnten, weiter männliche Küken zu erzeugen und kurz nach dem Schlupf zu töten.

Alles eine Verschwörung der industriellen Agrarlobby? Machen wir einen Faktencheck.

Schreddern bei lebendigem Leib?

Im Jahr 2016 begab sich der Biologe Walter Bednarek für die Greifvogelhilfe auf Spurensuche. Er wollte herausfinden, wie viele Brütereien in Deutschland tatsächlich Küken schreddern. Zu seiner Verwunderung fand er ... nichts. Selbst die Tierrechtsorganisation Peta konnte ihm auf mehrfache Anfrage nicht weiterhelfen. Seine Schlussfolgerung: Offenbar konnten sämtliche Medien und NGOs, die sich gegen das deutschlandweite Kükenschreddern aussprachen, keine Quellen vorweisen.

Tatsächlich ist anzunehmen, dass diese Art der Tötung in Deutschland schon lange nicht mehr praktiziert wird (zu den Gründen, warum die Kükenkörper besser unversehrt bleiben, kommen wir noch).

Als Kampfbegriff ist die Phrase „lebend geschreddert“ aber wohl zu wertvoll, um sie ad acta zu legen.

Sinnloses Töten von Eintagsküken?

Doch Schreddern hin oder her: Es bleibt dabei, dass 50 Prozent der kommerziellen Legenrassenküken sinnlos getötet und entsorgt werden. Oder?

Laut Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) werden in Deutschland jährlich rund 45 Mio. männliche Eintagsküken getötet. Am Tag sind das im Schnitt gut 123.000 Tiere. Doch diese Küken werden keinesfalls alle entsorgt.

Eine Arbeitsgruppe der Fachhochschule Südwestfalen hat sich 2020 damit befasst, wie viele Eintagsküken in Deutschland pro Jahr in Zoos, Greifvogelauffangstationen und bei privaten Vogel- und Reptilienhaltern verfüttert bzw. an diese verkauft werden. Dafür wurden zunächst exemplarisch Einzeleinrichtungen befragt:

  • eine Greifvogelstation mit Wildpark: 600.000 Küken
  • ein Online-Zoofachhandel: 500.000 Küken
  • eine Falknerei: 150.000 Küken
  • ein Zoo: 60.000 Küken
  • ein Zoofachhandel vor Ort: 25.000 Küken

Summa summarum kommen bereits diese fünf Einrichtungen auf 1,3 Mio. Küken im Jahr. Doch das sind nur Beispiele. Allein für die im Verband der Zoologischen Gärten (VdZ) organisierten Zoos schätzen die Studienbetreiber einen Bedarf von 3,9 bis 5,6 Mio. Eintagsküken jährlich.

Futtertierbedarf lässt sich wohl schon heute nicht decken

Greifvogel mit Küken

Greifvogelstationen und Falknereien haben einen noch höheren Bedarf, der laut der Studie sogar deutlich über den hierzulande anfallenden Küken liegen könnte.

Die Wissenschaftler kommen zu dem Schluss: „Anhand der vorliegenden Schätzung ist zu vermuten, dass mehr als alle in Deutschland getöteten Eintagsküken als Futter in Zoos, Falknereien und stationären Zoofachhandlungen verwendet werden und möglicherweise noch getötete Eintagsküken aus den Niederlanden und/oder anderen Ländern importiert werden.“

Es braucht einen vollwertigen Ersatz

Für den Fall einer kompletten Einstellung der Eintagskükentötung – sei es durch Geschlechtsfrüherkennung oder Aufzucht der männlichen Tiere – heißt das: Dieser Futtertierbedarf muss anderweitig gedeckt werden.

Mit einem bloßen Ersatz beispielsweise durch Schlachtabfälle ist es nicht getan, denn ganze Futtertiere haben eine andere Nährstoffzusammensetzung und eine andere Wirkung im Verdauungssystem der Beutegreifer als pure Muskel- oder Eingeweidestücke. Für eine artgerechte Fütterung braucht es ganze Kleintiere.

Auch in freier Wildbahn ernähren sich vor allem kleine und junge Beutegreifer zu einem erheblichen Teil von ausgeräumten Vogelnestern. Eine Kükensterblichkeit von 50 Prozent wie in der Legerassenhaltung dürfte dort deutlich überschritten werden.

Ratten, Mäuse oder importierte Küken

Es gäbe also durchaus Gründe dafür, die Eintagskükentötung hierzulande nicht oder zumindest nicht vollständig zu verbieten. Doch gegen den öffentlichen Sturm der Entrüstung über die „unmenschliche Praxis" dürfte längst nicht mehr anzukommen sein.

Für die betroffenen Zoos und Greifvogelhalter heißt das, entweder selbst in höherem Maße Futtertiere zu produzieren und darauf zu vertrauen, dass eine junge Ratte weit weniger Lobby hat als ein flauschiges Küken – oder zukünftig gefrorene Eintagsküken in erheblichen Größenordnungen zu importieren. Die Wahrscheinlichkeit geht zu letzterer Variante.

Chance für ausländische Anbieter

Ausländische Brütereien werden bereits jetzt mit Genugtuung auf das lohnende Geschäft spekulieren. Und es ist nicht auszuschließen, dass – vor allem, wenn andere Länder Westeuropas mit einem Tötungsverbot nachziehen – im Osten eine ganz eigene Futterkükenerzeugung entsteht, die sich das aufwendige Sexen der frisch geschlüpften Tiere erspart und gleich alle tötet.

An der Menge der getöteten Eintagsküken ändert das nichts. Höchstens an der Sicherheit und der Kontrolle der Tötungsmethoden.

Und deutsche Verbraucher können sich wohlig an dem Gedanken wärmen, dass hierzulande keine süßen Küken mehr umgebracht werden.

Mit Material von Greifvogelhilfe.de, Notizen aus der Forschung der FHS Südwestfalen, BMEL

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