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Sind Nutztiere: Fluch oder Segen?

Sind Kühe Nahrungskonkurrenten?
am Samstag, 15.10.2022 - 05:00 (15 Kommentare)

Die verbalen Attacken gegen Tierhalter in Deutschland nehmen zu. Greenpeace startet Aktion „Rettungsbrot“. Doch stimmen die Argumente der Gegner?

Sind Nutztiere Fluch oder Segen? Glaubt man Umweltorganisationen, sind sie eher Fluch. Rinder stoßen klimaschädliches Methan aus, und produzieren „angeblich zu viel Gülle“. Generell landeten in Mägen von Rindern und Schweinen zwei Drittel des Getreides, und nur ein Drittel stünden als Nahrungsmittel zur Verfügung, gerade jetzt, wo Getreide wegen des Ukrainekriegs knapp sei, lautet ein weiteres Argument. Greenpeace nimmt dies aktuell als Anlass, um heute (15.10.) in 21 Städten, darunter Köln, Stuttgart und Leipzig, mit der „Aktion Rettungsbrot“ gegen die Verschwendung von Weizen als Biosprit und Tierfutter zu demonstrieren. Dazu verteilen sie Brote, die mit Mehl aus Futterweizen gebacken wurden, an Passanten. Auch kirchliche Organisationen wie Misereor schließen sich den Argumenten der Umweltorganisationen an und fordern eine Halbierung der deutschen Tierbestände.

Nutztiere jetzt auch noch Energiekonkurrenz?

Hinzu kommt eine angebliche Energie-Konkurrenz. Jüngst hat die Deutsche Umwelthilfe (DUH) dafür plädiert, die Viehbestände zu senken, da unter anderem Schweine Konkurrenten zum „wertvollen Heizgas“ darstellten. Sie verbrauchten die Energiemenge von rund 260.000 Menschen. Das entspricht nicht ganz dem Energiebedarf der Einwohner Augsburgs.

Sogar das Beratungsunternehmen Pricewaterhouse Coopers (PwC) mischt sich in die Debatte ein und fordert in einem Bericht den Abbau der Tierbestände. Dass die Fleischbranche das anders sieht, liegt auf der Hand.

Nutztiere haben wichtige Rolle im Kreislauf

Unterstützung erhält sie aber aus der Wissenschaft. Bei der diesjährigen Jahrestagung des Dachverbandes der Agrarforschung (DAF) betonte Prof. Wilhelm Windisch, die unverzichtbare Rolle von Nutztieren im landwirtschaftlichen Stoffkreislauf. Windisch ist Inhaber des Lehrstuhls für Tierernährung an der Technischen Universität München. Der Verzicht auf Nutztiere bringe keine prinzipielle Entlastung von Umwelt und Klima, sondern reduziere lediglich die Gesamtproduktion an Lebensmitteln je Flächeneinheit, sagte der Wissenschaftler.

Um den Verlust an Lebensmitteln auszugleichen, müssten seinen Angaben zufolge die vegane Produktion intensiviert oder mehr Ackerland in Nutzung genommen werden. Das hätte aber wiederum umwelt- und klimaschädigende Emissionen zur Folge. Erst wenn über die unvermeidlich anfallende, nicht-essbare Biomasse hinaus zusätzlich Futter angebaut werde, entstünden Emissionen, die der Nutztierhaltung unmittelbar angelastet werden könnten.

Umwandlung in organischen Dünger wichtig

Die Erzeugung von Lebensmitteln pflanzlicher und tierischer Herkunft sei aufs Engste miteinander verzahnt, erläuterte der Wissenschaftler. Bindeglied sei die große Menge an nicht-essbarer Biomasse, die bei der Gewinnung von veganer Nahrung im Verhältnis von vier zu eins entstehe. Diese Menge müsse dem landwirtschaftlichen Stoffkreislauf wieder zurückgeführt werden. Beim direkten Einarbeiten in den Boden erfolge die Freisetzung der Pflanzennährstoffe unkontrolliert, was die Produktivität an veganer Nahrung limitiere. Wesentlich effizienter sei hingegen die Umwandlung der nicht-essbaren Biomasse in lagerbare organische Dünger, also in Gärreste aus Biogasanlagen oder in Wirtschaftsdünger durch Verfütterung an Nutztiere.

Nutztiere sind keine Konkurrenz von Teller und Trog

„Solche Dünger steigern die Produktivität des Pflanzenbaus“, stelle Windisch fest. Bei Verfütterung an Nutztiere entstehen seinen Angaben zufolge zusätzlich Lebensmittel in einem Umfang, der der Primärproduktion an veganer Nahrung gleichkomme, und zwar ohne Nahrungskonkurrenz zum Menschen. Die dabei freigesetzten Emissionen seien nahezu umwelt- und klimaneutral, weil sie im Zuge der Rezyklierung der nicht-essbaren Biomasse ohnehin anfielen, und zwar egal ob durch bloßes Verrotten auf dem Feld oder durch Verwertung über Biogasanlagen oder Nutztiere. Dies gelte bei mittelfristiger Betrachtung auch für das von Wiederkäuern emittierte Methan.

Insgesamt erreiche die Erzeugung von Lebensmitteln ihr Minimum an Umwelt- und Klimawirkungen nur durch Einbinden der Tierproduktion in den landwirtschaftlichen Stoffkreislauf, so der Hochschullehrer. Dies setze allerdings voraus, dass die Nutztierfütterung auf eine Nahrungskonkurrenz zum Menschen verzichte. Allerdings nehme dann auch die produzierte Menge an Lebensmitteln tierischer Herkunft erheblich ab.

Kritik an Beratungsunternehmen

Simple Forderungen nach einem Abbau von Tierbeständen und einem Fleischverzicht aus Gründen des Klima- und Umweltschutzes, wie jüngst in einem Bericht des Beratungsunternehmens Pricewaterhouse Coopers (PwC), sind nach Auffassung des Bundesverbandes Rind und Schwein (BRS) nicht zielführend. „Es ist völlig unstrittig, dass unsere Ernährung schädliche Treibhausgasemissionen verursacht. Einsparungen durch Änderungen unseres Speiseplans sind aber häufig geringer als vielfach angenommen und sie bergen - vorschnell umgesetzt - auch ein gewisses Risiko“, erklärte BRS-Geschäftsführerin Dr. Nora Hammer in Bonn.

Sie gab zu bedenken, dass ein Abbau von Tierbeständen hierzulande aufgrund des Verlagerungs-Effektes (Leakage) von Treibhausgasemissionen an neue Produktionsstandorte mit schlechterer Klima- oder Ressourcenbilanz führen könne. Das sei in Simulationen für Europa bereits nachgewiesen worden. Die hiesigen Tierhalter und die Verarbeitungsindustrie arbeiteten so effizient, dass sie derzeit im weltweiten Vergleich sehr gut dastünden. Eine Extensivierung von Effizienzstandorten könne keine Lösung sein, betonte Hammer. Stattdessen sollten Schwellenländer mit einem steigenden Fleischkonsum bei einer effizienteren und umweltverträglicheren Nutztierhaltung unterstützt werden. Auch dürfe die Bedeutung der Tierhaltung für eine nachhaltige Lebensmittelerzeugung nicht ausgeblendet werden.

Nur Rinder erhalten Grünland

Zuvor hatte bereits der Verband der Fleischwirtschaft (VDF) klargestellt, dass der PwC-Bericht auf Deutschland nicht zutreffe. „Hier wird ein einseitiges Zerrbild der Fleischproduktion gezeichnet“, kritisierte VDF-Hauptgeschäftsführerin Dr. Heike Harstick. Positive Aspekte der Viehhaltung, wie den Ersatz von Mineraldünger durch Wirtschaftsdünger, den Erhalt des CO₂-Speichers Grünland oder die nachhaltige Effizienz der Tierhaltung in Deutschland blieben nämlich unberücksichtigt.

Auch die PwC-Forderung, Rindfleisch aus Klimagesichtspunkten durch Geflügelfleisch zu ersetzen, sei falsch, betonte Harstick. Denn nur mit Wiederkäuern könne das Dauergrünland erhalten und als CO₂-Speicher und für die menschliche Ernährung genutzt werden. Weltweit sei die Mehrheit der Flächen für den Ackerbau gar nicht nutzbar und nur mit Nutztieren könnten darauf überhaupt Lebensmittel erzeugt werden.

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