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Kommentar

Offener Brief an AbL: 'Vorverurteilung ganzer Betriebszweige'

Junger Mann hält Ferkel
Sabine Leopold, agrarmanager
am
27.09.2016

Die AbL behauptet, Tierschutzverstöße in Schweineställen seien in Lohnarbeitsbetrieben systembedingt. Nur der Betriebseigentümer selbst habe ein echtes Interesse am Wohlbefinden seiner Tiere. Das ist bösartiger Unfug, findet agrarmanager-Redakteurin Sabine Leopold.

Sehr geehrter Herr Niemann,

lassen Sie mich zunächst etwas vorausschicken: Ich will auf keinen Fall Tierschutzverstöße rechtfertigen. Wer seine Rinder, Schweine, Hühner oder Puten gedankenlos oder bewusst quält, soll dafür bestraft werden. Ich maße mir auch nicht an zu beurteilen, ob die am Donnerstag Abend in der ARD-Sendung "Panorama" gezeigten Bilder echt oder falsch sind. Oder ob die gezeigten Verhältnisse typisch für die betreffenden Betriebe sind oder doch nur aus mühsam gefundenen Einzelfälle zusammengeschnitten wurden.

Ich finde, hier sind offizielle und objektive Überprüfungen notwendig – mit allen gebotenen Konsequenzen. Bis das geklärt ist, mag ich mich nicht dazu äußern, ob in den Betrieben gegen den Tierschutz verstoßen wurde oder nicht. Ich weiß gut, wie leicht innerhalb einer Schweine- oder Putenherde gezielt freundliche oder bestürzende Aufnahmen gemacht werden können, die Außenstehenden allein kein faires Urteil erlauben.

Sie, Herr Niemann, sehen das offenbar anders. Als Sprachrohr der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) haben Sie unserer Redaktion heute eine Pressemitteilung zugesandt, in der Sie erklären, woran es vor allem liegt, dass Animal Rights Watch (ARIWA) derartige Aufnahmen machen konnte: an den Lohnarbeitskräften in den betreffenden Unternehmen. In einem echten Familienbetrieb, so schreiben Sie sinngemäß, schaue der Bauer ausschließlich selber nach seinen Tieren, weswegen Tierschutzverstöße quasi undenkbar seien.

Das ist – mit Verlaub – bösartiger und gefährlicher Unsinn! Lassen wir mal außen vor, dass Sie die gezeigten Bilder offenbar ohne Zögern als echt und repräsentativ betrachten. Es ist Ihr gutes Recht, selbst zu entscheiden, was Sie glauben und was nicht. Ihre Schlussfolgerungen allerdings mag ich nicht unkommentiert stehen lassen.

Stolz auf Besitz, stolz auf eigene Arbeit

Mann mit Ferkel auf dem Arm

Sie schreiben (in Form eines indirekten Zitats, allerdings ohne Angabe einer Quelle), "unzählige bäuerliche Tierhalter, die ihre Tiere selber zweimal täglich auf deren Gesundheit hin untersuchten, dürften durch die von Panorama gezeigten Ställe nicht unschuldig in Misskredit gebracht werden." Einer der entscheidenden Faktoren für die Verbesserung des Tierwohls sei "die regelmäßige Tierbeobachtung durch bäuerliche Tierhalter, die ein starkes Eigeninteresse an der Gesundheit ihrer Tiere hätten." Das soll wohl heißen: Wer Lohnarbeitskräfte beschäftigt, nimmt bewusst in Kauf, dass diese familienfremden Mitarbeiter kein allzu großes Augenmerk auf Gesundheit und Wohlbefinden der Tiere richten.

Ich bin erschüttert, welche Arroganz und welche Boshaftigkeit hinter diesen Worten stehen. Kollegen mit größeren Betrieben pauschal vorzuwerfen, sie würden ihre Herden einer schlechten Behandlung aussetzen, wenn sie diese von außerfamiliären Arbeitskräften betreuen lassen, sich aber im selben Atemzug über die "unschuldig in Misskredit" gebrachten kleinbäuerlichen Unternehmen zu beklagen, bedarf schon einiger Unverfrorenheit. Eine Vorverurteilung ganzer Betriebszweige oder Wirtschaftsweisen ist auch dann unanständig, wenn sie innerhalb der Bauernschaft geschieht. Und was, bitteschön, treibt Sie dazu, Menschen ohne Eigentum an den jeweiligen Tierbeständen als überwiegend uninteressiert und gleichgültig gegenüber den ihnen anvertrauten Kreaturen zu verurteilen? Genügt Ihnen für eine derartige Verleumdungskampagne wirklich die Tatsache, dass hier Ihr Feindbild Bauernverbandsfunktionär im Fokus steht?

Ich habe im Laufe von mehr als zwei Jahrzehnten als Agrarjournalistin zahlreiche Ställe besichtigt. Bedingt durch die Ausrichtung unseres Managementmagazins gab es in den meisten davon angestelltes Personal. Ich habe diese Leute verschwitzt und erschöpft Jungtiere auf die Welt holen, malade Muttertiere pflegen und havarierte Fütterungsanlagen in Gang bringen sehen. Ich habe erlebt, wie todunglücklich sie über verlorene Kühe, Sauen oder Jungtiere waren – und wie glücklich, wenn sie schwerkranke Tiere doch wieder aufgepäppelt hatten. Auch das ist Besitzerstolz, Herr Niemann. Dazu gehört nicht immer eine Eigentumsurkunde, sondern oft einfach nur das Wissen, seine Arbeit so gut wie möglich gemacht zu haben. Auch diese Tierpfleger und Herdenmanager sind nämlich Bauern. Es braucht schon eine gehörige Portion Überheblichkeit, diese Berufsbezeichnung an den Besitz und die Größe eines Betriebes zu koppeln.

Natürlich herrschen trotzdem nicht überall paradiesische Zustände. Tierschutzverstöße passieren leider. Auch, weil manchmal Angestellte in größeren Unternehmen unachtsam oder gefühllos agieren. Aber Sie werden doch nicht ernsthaft behaupten wollen, dass in kleinbäuerlichen Betrieben keine Fälle von beklagenswerten Haltungsbedingungen vorkommen? Auch hier sind Landwirte mitunter überfordert, betriebsblind oder gedankenlos. Und nicht selten kämpfen sie einen aussichtslosen Kampf in veralteten Ställen mit zu wenig Luft und Licht, weil man früher, als doch alles noch "so viel besser" war, eben so gebaut hat. Und weil den wachstumsunwilligen oder -unfähigen Betrieben oft die dringend notwendigen Investitionsmittel und die engagierten Hofnachfolger fehlen.

Allianz durch gemeinsame Feindbilder?

Aufruf zu Vegan-Demo auf der Ariwa-Website

Noch ein Wort zu den unseligen Allianzen, die Sie mit solchen Pressemitteilungen wie der heutigen schließen: Organisationen wie Animal Rights Watch kämpfen gegen alle Nutztierhalter (siehe Foto). Mit Mitteln, die auch Ihnen unheimlich sein sollten. Die Tierrechtler steigen des Nachts in Ställe ein, zerstören Eigentum, verstören Tiere. Das entstandene Bildmaterial verkaufen sie an Fernsehstationen und Zeitungsverlage, nicht selten erst nach Verlauf mehrerer Monate oder Jahre. Dass es dabei oft gar nicht primär um Tierwohl, sondern in erster Linie um Geld geht, ist kein Geheimnis. Anderenfalls würde das Bildmaterial nämlich nicht nach zwölf Monaten in der ARD, sondern nach zwei Stunden bei den Veterinärbehörden landen.

Die Fortsetzung des Briefs lesen Sie beim agrarmanager.

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