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Milchproduktion

44 Molkereien unter der Lupe: Was kommt beim Bauern an?

von , am
01.10.2015

Das MEG Milch Board hat die Abschlüsse von 44 deutschen Molkereien analysieren lassen. Fazit: bei der Wertschöpfung ist die Spanne sehr groß. Ein Agrarökonom setzt derweil vor allem auf den freien Markt als Lösung der Krise.

Die Unterschiede bei der Wertschöpfung unter den 44 analysierten Molkereien sind enorm. © Mühlhausen/landpixel
Das MEG Milch Board hat eine Einzelfallstudie zur Wertschöpfung der Molkereien in Auftrag gegeben. Auf Grundlage der im Bundesanzeiger veröffentlichten Jahresabschlüsse wurden insgesamt 44 deutsche Molkereien analysiert, davon 13 Privatmolkereien, 20 Genossenschaftsmolkereien und elf Liefergenossenschaften. Nach Angaben des MEG Milch Board ist die Kernbotschaft, dass die Spannweiten im Bereich der Wertschöpfung sehr groß sind.
 
  • Bei der Bruttowertschöpfung betrage die Spannweite 0,43 Euro pro Kilogramm,
  • bei der Nettowertschöpfung 0,29 Euro über alle konventionellen Molkereien.
Dies habe aber keinen signifikanten Einfluss auf die Auszahlungspreise. Unabhängig von der Wirtschaftskraft unterscheiden sich die Milchauszahlungspreise nur sehr geringfügig.

Große Unterschiede in der Wertschöpfung

Zusammenhänge zwischen Wertschöpfung und Auszahlungspreis ließen sich deshalb nicht herstellen. Das MEG Milch Board zieht folgende Schlüsse:
  • Genossenschaftliche Großmolkereien mit hohen Verarbeitungsmengen und niedriger Wertschöpfung drücken das Niveau der Milchauszahlungspreise maßgeblich.
  • Molkereien mit hoher Wertschöpfung bezahlen keine entsprechend höheren Milchpreise aus. Die höhere Wertschöpfung werde von diesen Unternehmen für die Rücklagenbildung abgeschöpft.
Die Wissenschaftler nahmen die Wertschöpfung der Molkereien zwischen 2009 und 2013 unter die Lupe. Während in diesem Zeitraum die Milchpreise massiven Schwankungen unterlagen, hielt sich die Wertschöpfung der Molkereien und deren Fähigkeit, Rücklagen zu bilden konstant. 
 
"Egal in welche Richtung der Markt tendiert, die Molkereien schneiden sich je nach Anspruch immer ihren Teil vom Kuchen ab", kommentiert der 1. Vorsitzende der MEG Milch Board, Peter Guhl, die Ergebnisse. "Die Genossenschaften müssen sich bei der Beschaffung der Milch zukünftig dem Wettbewerb stellen", sieht Guhl
die in der RoadMap Milch & Markt geforderte Abschaffung der genossenschaftlichen Andienungspflicht bestätigt.

Experte: Marktbereinigung durch Strukturwandel

Prof. Dr. Reiner Doluschitz, Agrarökonom an der Universität Hohenheim, ist davon überzeugt, dass der freie Markt der Königsweg aus der Milchkrise ist - auch wenn er für viele Milchbauern zeitweise schmerzhaft sein werde. "Fakt ist, dass die angelieferte Milchmenge seit dem Wegfall der Milchquote Ende März zugenommen hat, der Absatz im Inland jedoch stagniert", zeichnet Prof. Doluschitz, Leiter des Fachgebiets Agrarinformatik und Unternehmensführung an der Universität Hohenheim, ein Bild der Lage. Der Preisdruck, so der Experte, sei momentan enorm: "Mit unter 30 Cent pro Liter Milch kann ein Landwirt keine Kostendeckung erreichen."
 
Doluschitz setzt auf den freien Markt, um die Krise zu überwinden. Die Situation käme nicht unerwartet. "Wir haben noch einen dramatischen Strukturwandel vor uns. Aber die Landwirte müssen lernen sich als Unternehmer zu verstehen." Auch kleinere Milchvieh-Halter seien jetzt mit den freien Märkten konfrontiert: "Nicht alle Betriebe werden diesen schmerzhaften Prozess der Marktbereinigung überleben, aber danach sollten die anderen wieder ein vernünftiges Einkommen erzielen."
 
Eine Chance sieht der Agrarökonom darin, neue Märkte vor allem im außereuropäischen Ausland zu erschließen. "Daran sollte intensiv gearbeitet werden. Der russische Markt ist momentan durch das Einfuhrverbot gesperrt. Aber die fernöstlichen Märkte haben Potenzial." Die Nachfrage beispielsweise in China nehme ständig zu, im Land selber habe Milcherzeugung jedoch keine Tradition. Seitens der Politik erwartet der Experte dabei Unterstützung - allerdings nicht in Form von Exportsubventionen. Vielmehr denkt er dabei an Imagekampagnen oder Hilfe bei der Suche nach neuen Absatzmöglichkeiten.

Experte gegen Eingriffe in Marktgeschehen

Von einer Wiedereinführung einer Mengenregulierung rät der Experte jedoch ab: "Das Instrument der Quotenregelung hat versagt, stabile Preise gab es dadurch auch nie. Stattdessen wurden nicht mehr marktgerechte Strukturen künstlich aufrechterhalten, so dass der Wandel nun umso schwieriger ist." Auch Interventionskäufe stellten keine Lösung des Problems dar. "Die Ware ist nur vorübergehend vom Markt genommen. Es wird ein künstlicher Markt geschaffen, der den Wandlungsprozess nur verzögert", meint Prof. Doluschitz.
 
An die Verbraucher appelliert Doluschitz, beim Einkauf nach Möglichkeit nicht auf den letzten Cent zu schauen. "Denn 55 Cent für den Liter Vollmilch beim Discounter - da sind faire Preise für den Landwirt nicht mehr möglich." 
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