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Milchkonsum

A2-Milch: Was ist an der A2-Milch dran?

Junge trinkt Milch
am Montag, 16.03.2020 - 05:00 (2 Kommentare)

A2-Milch erobert den globalen Milchmarkt. Landwirte planen den Einstieg in das neue Segment. Doch wie seriös sind die Vorteile von A2-Milch?

Der Unterschied zwischen A1- und A2-Milch scheint klein, liegt er doch nur in einer einzigen Aminosäure an einer bestimmten Position im beta-Casein. Doch obwohl nur ein Eiweißbaustein anders ist, hat das Folgen für die menschliche Verdauung. Nur aus der A1-Variante des beta-Caseins wird im Darm eine relevante Menge des bioaktiven Opioidpeptids beta-Casomorphin-7 (BCM-7) freigesetzt. In der wissenschaftlichen Literatur werden BCM-7 sowohl positive als auch negative Wirkungen zugeschrieben. So soll es Diabetes vorbeugen, die Glucoseaufnahme senken und vor oxidativem Stress schützen.

BCM-7 werden aber auch ungünstige Wirkungen nachgesagt. So soll es das Risiko für verschiedene chronische Erkrankungen erhöhen. Außerdem zeigen zahlreiche Ergebnisse aus dem Labor, aus Tierversuchen und auch aus Studien am Menschen unterschiedliche Effekte von A1- und A2-beta-Casein. Experten haben in den letzten Jahren mehrfach versucht, einen eindeutigen wissenschaftlichen Nachweis eines Zusammenhangs zu möglichen

Effekten von A1- und A2-Milch zu finden. Das Kompetenzzentrum für Ernährung an der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) hat gemeinsam mit einer auf die Prüfung von wissenschaftlichen Studien versierten Stiftung (Cochrane Deutschland) die aktuelle wissenschaftliche Literatur dazu gesichtet und bewertet.

In dieser Prüfung wurden nur experimentelle Studien (RCT: randomized controlled trial, randomisierte kontrollierte Studie) als ausreichend glaubwürdig angesehen. Untersuchungen, die sich hingegen auf Beobachtungen beziehungsweise Ländervergleiche bezogen, wurden als wenig aussagefähig bewertet. Hier eine Zusammenfassung der Ergebnisse.
 

Was untersucht wurde

Die in diese Bewertung eingeschlossenen 21 Studien lieferten Daten zu mehreren Erkrankungen. Dazu gehörten Diabetes Typ 1, Herz-Kreislauf- und neurologische Erkrankungen, Magen-Darm-Beschwerden, multiple Myelome (ein Krebs bestimmter weißer Blutzellen) und Asthma. In einer Studie wurde untersucht, ob es Unterschiede zwischen A1- und A2-Milch-Verzehr und der Erholungszeit nach Leistungssport gibt.

Die elf bewerteten experimentellen Studien (RCT) wurden hauptsächlich in Australien, Neuseeland und China durchgeführt. Alle experimentellen Studien (RCT) hatten beim Einfluss auf Herz-Kreislauf- und neurologische Erkrankungen oder Magen-Darm-Beschwerden nur so genannte Stoffwechselzwischenprodukte wie zum Beispiel den Cholesterinspiegel zum Thema. Diese Zwischenprodukte stellen zwar Risikofaktoren für bestimmte Erkrankungen dar, müssen aber nicht deren alleinige Ursache sein. Neun Studien enthielten keine Informationen zur Finanzierung. Nur eine Studie wurde ohne Fremdfinanzierung durchgeführt.
ergebnisse und ihre Bewertungen

Typ-1-Diabetes

In einer experimentellen Studie (RCT) aus Australien wurden die Plasma-Insulinkonzentration bei Erwachsenen nach 12-wöchigem Konsum von entweder A1- oder A2-Milch-Shakes, zusätzlich zur normalen Ernährung, untersucht. Gemäß der Studie senkte sich der Insulinspiegel im Blutplasma in beiden Gruppen leicht.

Einen bedeutsamen Unterschied zwischen beiden Gruppen konnten die Forscher nicht finden. Eine Fallkontrollstudie untersuchte, ob die Länge der Stillzeit (beziehungsweise der Zeitpunkt der ersten Aufnahme von Kuhmilch (A1/A2-Gemisch) bei isländischen Kindern Einfluss auf die Entstehung von Typ-1-Diabetes im späteren Lebensalter hat. Auch hier konnte kein Zusammenhang beobachtet werden.

Von den sechs Beobachtungsstudien beziehungsweise Ländervergleichen zeigten vier einen Zusammenhang zwischen A1-Milch und der Entstehung von Typ-1-Diabetes bei Kindern und Erwachsenen. Einen starken Zusammenhang fand sich bei zweijährigen Kindern, während sich in den Altersgruppen von 11 bis 14 Jahren kein Zusammenhang ergab.
 

Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Zwei experimentelle Studien (RCT) aus Australien und Neuseeland untersuchten, ob sich der Konsum von A1- und A2-beta-Casein auf verschiedene für Herz-Kreislauf-Erkrankungen relevante Risikofaktoren auswirkt. Die erwachsenen Studienteilnehmer verzehrten für die erste Studie über zwölf Wochen entweder A1- oder A2-Milchshakes.

Für die zweite Studie wurde den Studienteilnehmern 4,5 Wochen lang A1- oder A2-Milch und A1- oder A2-Käse verabreicht. Anschließend wurden für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wichtige Blutwerte wie Cholesterin und Triglyzeride bestimmt. In beiden Studien fanden die Wissenschaftler keinen Unterschied zwischen der A1- und der A2-Gruppe.

Im Gegensatz dazu zeigten sich in einer Fallkontrollstudie aus Albanien höhere LDL-Cholesterinspiegel nach A1-beta-Casein-Aufnahme im Vergleich zur A2-beta-Casein-Aufnahme. Die Autoren machten jedoch keine Angaben, wie die Probanden das beta-Casein zu sich genommen hatten.

In drei Beobachtungsstudien beziehungsweise Vergleichen wurden die Daten aus verschiedenen Ländern untersucht (zum Beispiel Finnland, Frankreich, Dänemark, USA, Deutschland, Kanada, Neuseeland, Japan). Sie zeigten wiederum einen Zusammenhang zwischen A1-Milch-Aufnahme und einer erhöhten Sterberate (Mortalität) aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Neurologische Erkrankungen

Drei experimentelle Studien (RCT) untersuchten Faktoren, die auf neurologische Erkrankungen hinweisen können: BCM-7 im Urin oder die Reaktionszeit und Fehlerrate, die mittels eines computerbasierten Reaktionstests ermittelt wurden.

In der ersten Studie wurde die BCM-7-Menge im Urin autistischer Kinder gemessen. Kinder, die A2-Milch erhalten hatten, hatten weniger BCM-7 im Urin als Kinder, die A1-Milch getrunken hatten.

Die zweite mit Erwachsenen in China durchgeführte Studie berichtet über eine deutlich langsamere Reaktionszeit und eine höhere Fehlerrate bei einem Reaktionstest, wenn die Studienteilnehmer täglich über einen Zeitraum von 14 Tagen 500 ml A1/A2-Milch aufnahmen. In der A2-Milch-Kontrollgruppe zeigten sich hingegen keine neurologischen Defizite.

In einer dritten Studie fand man den gleichen Effekt. Auch hier zeigten die Studienteilnehmer der A2-Milch-Gruppe geringere Fehlerraten als die Teilnehmer der A1-Milch-Gruppe. In einer vierten Studie haben Forscher das Verhalten von Kindern und Jugendlichen mit autistischer Spektrumstörung (ADS) nach A1-beziehungsweise A2-Milchverzehr untersucht. Hier wurden keine Unterschiede beim Verzehr beider Milchsorten gefunden.

Ein Vergleich mit Daten aus verschiedenen Ländern zeigte einen Zusammenhang zwischen der Aufnahme von A1-Milch und einer erhöhten Sterblichkeit durch neurologische Erkrankungen. Bei der Aufnahme von A2-Milch war die Sterblichkeit hingegen verringert.

Magen-Darm-Symptome

In einer Studie untersuchten Forscher Kinder mit chronischer Verstopfung nach A1- und A2-Milch-Aufnahme und fanden keinen Unterschied in der Stuhlhäufigkeit. In anderen Studien wurden Darmbewegungen, Stuhlkonsistenz, Stuhlhäufigkeit, Durchfall,
Appetitverlust und Verstopfung bei Kindern und Jugendlichen mit ADS untersucht. Die Ergebnisse zeigten in der A2-Milch-Gruppe eine bessere gastrointestinale Toleranz.

Eine weitere Studie zeigte, dass auch gesunde Kinder im Alter zwischen fünf und sechs Jahren A2-Milch besser als A1-Milch vertragen. Auch die Stuhlkonsistenz war nach dem Verzehr von A2-Milch fester als nach dem Verzehr von A1-Milch.

In zwei Studien mit gesunden Erwachsenen in China, fanden die Autoren heraus, dass die Probanden nach dem Verzehr von
A1/A2-Milch häufiger auf die Toilette mussten als reine A2-Milch-Trinker.

Eine weitere Studie mit Erwachsenen in Australien zeigte hingegen keinen Unterschied beim Toilettengang. Allerdings konnten die Forscher nachweisen, dass sich die Verweildauer der Nahrung im Magen-Darm-Trakt bei A1- Milch-Konsum verlängert hatte.

In zwei Studien haben sich Forscher die Stuhlkonsistenz der Teilnehmer genauer angesehen. Sie stellten fest, dass der Stuhl nach dem Verzehr von A2-Milch fester war, als nach dem Konsum von A1-Milch.

Weitere Ergebnisse

In einer Vergleichsstudie mit Daten aus 18 verschiedenen Ländern fanden die Autoren einen Zusammenhang zwischen der Aufnahme von A1-Milch und dem Auftreten eines Multiplen Myeloms. Eine Verbindung von Bronchialasthma und dem Konsum von A1-Milch konnte nicht gezeigt werden.

In einer experimentellen Studie (RCT) wurde die Erholungszeit der Muskeln nach Leistungssport untersucht. A1- und A2-Milch konnten die kurzfristige Erholungszeit verbessern.

Die Studienergebnisse waren insgesamt widersprüchlich. Einige Untersuchungen zeigen einen Zusammenhang zwischen dem A1- und/oder A2-Milch-Verzehr und den untersuchten gesundheitlichen Einflüssen, andere nicht. Die Vertrauenswürdigkeit der Studien wurde vom Kompetenzzentrum für Ernährung an der LfL gemeinsam mit der Cochrane-Stiftung als moderat, niedrig oder sogar sehr niedrig eingestuft.

Was lässt sich daraus schließen?

Auf Basis der vorliegenden Ergebnisse lassen sich die gesundheitlichen Effekte von A1-Milch und A2-Milch nicht abschließend beurteilen. Ein durch A1-Milch-Konsum verursachtes erhöhtes Risiko für Diabetes Typ 1 oder ein erhöhtes Risiko  für die Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen wurde nur in Vergleichs- oder Beobachtungsstudien ermittelt.Solche Untersuchungen besitzen wegen ihres Studiendesigns nur eine eingeschränkte Aussagekraft.

Daher sind diese Ergebnisse und Aussagen mit Vorsicht zu interpretieren. In den eingeschlossenen experimentellen Studien (RCT) konnte durch den Verzehr von A1-Milch kein erhöhtes Risiko für das Auftreten von Diabetes Typ 1 oder verschiedene Herz-Kreislauf-Erkrankungen beobachtet werden.

Auch wenn sich Magen-Darm-Symptome in den meisten Studien durch den Verzehr von A2-Milch verbesserten, sind weitere Studien nötig, um eine klare Aussage treffen zu können. Zudem lässt sich aufgrund industrieller Finanzierung ein ökonomischer Einfluss auf einige Studienergebnisse nicht gänzlich ausschließen. 15 der untersuchten Studien wurden von der Industrie gefördert, allein 13 davon vom neuseeländischen Unternehmen The a2 Milk Company. Neun Studien machten keine Angaben zur Finanzierung.

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