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Milchproduktion

Aufreger: Die Milchkuh 'verheizt für billige Milch'?

© SWR/ARIWA
von , am
22.07.2015

Kranke Kühe und hohe Abgangsraten - im aktuellen ARD-Report Mainz werden die Folgen einer sogenannten Hochleistungs-Milchviehwirtschaft angeprangert. Der TV-Beitrag krankt jedoch an einseitiger Berichterstattung.

Still aus Filmmaterial der Tierrechtsorganisation Animal Rights Watch © SWR/ARIWA
Kotverschmierte, wunde Kühe in einem dunklen Stall - wieder sind es Aufnahmen einer Tierrechtsorganisation - irgendwo in Deutschland, augenscheinlich verdeckt gefilmt - die SWR-Reporter in ihrem TV-Beitrag "Verheizt für billige Milch" als Beweis für unhaltbare Zustände in der Milchviehhaltung heranführen. Die Journalisten befragten zwar auch Landwirte, Veterinäre und Milchviehexperten, aber nicht jeder kommt unserer Recherche zufolge im Film zu Wort. Es macht den Anschein, als seien Aussagen, die ein positives Bild zeichneten, nicht ausreichend berücksichtigt worden.
 
Die Kernaussage des ARD-Reports: Um die Gesundheit der Milchkühe sei es schlecht bestellt. Das bestätigen Veterinäre vor der Kamera. Klauenrehe, Mastitis, Labmagendurchbruch, immer öfter würden Tiere krank, müssten frühzeitig zum Schlachter. Als Ursache nennen die gezeigten Veterinäre und betroffenen Landwirte das "Hochleistungsystem", das auf hohe Milchleistung abzielt. 
 

These 1: Das Kraftfutter macht die Tiere krank

Der Film beginnt mit dem Besuch eines Landwirts, der Probleme mit seiner neuen Herde hat. Viele Tiere seien krank. Den Grund sieht der Landwirt in der Fütterung - das Hochleistungsfutter sei Schuld. Der Veterinär bestätigt dies. Schuld sei vor allem "eine nicht stoffwechselgerechte Ernährung" und "dies sei nicht herdenspezifisch", sagt Dr. Karl-Heinz Schmack im Interview.
 
Die Agrarwissenschaftlerin Anke Römer sieht das anders. Wie Römer uns gegenüber schildert wurde die Leiterin des Instituts für Tierproduktion in Mecklenburg-Vorpommern für die Recherche des Films vier Stunden lang von den SWR-Redakteuren interviewt. Kein Wort davon hat es in den im TV ausgestrahlten Beitrag geschafft. (Ein kleiner Ausschnitt findet sich online in der Medithek.) "Ich habe anscheinend nicht in das Negativ-Konzept gepasst", so Römer.
 
Die Expertin sieht bei den gezeigten Landwirten ganz klar Managementprobleme. Auch die Milchviehwirtin Anita Lucassen sieht das so: Der Landwirt aus dem Allgäu habe seine Herde zu schnell vergrößert. Und: "Eine Kuh, die gerade gekalbt hat, gehört nicht in den großen Laufstall." Da liege es nahe, dass der Landwirt auch sein Futtermanagement nicht ganz im Griff hat. Richtig rationiertes Kraftfutter führe nicht zu Krankheiten, so Römer.
 

These 2: Die Kühe kommen krank zum Schlachter

"Rund 800.000 Kühe kommen pro Jahr frühzeitig zum Schlachter aufgrund von Erkrankungen und Infertilität", erklärt Professor Holger Martins am Institut für Veterinär-Physiologie an der Freien Universität Berlin vor der Kamera anhand einer Statistik zur Angabe von Abgangsgründen.
 
Die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Rinderzüchter widerspricht in einer Stellungnahme zu dem TV-Report der Behauptung, die Kühe würden krank im Schlachthof ankommen. "Wenn ein Milchviehhalter entscheidet, seine Kuh zur Schlachtung abbzugeben, gibt er eine Rückmeldung an seine Züchtervereinigung oder seinen Landeskontrollverband, aus welchem Grund die Kuh abgeht. Dies bedeutet nicht, dass die Kuh akut erkrankt ist, sondern dass sie in ihrem bisherigen Leben z. B. durch wiederholte Erkrankungen der Gliedmaßen aufgefallen ist. Wenn eine Kuh akut erkrankt, wird die Erkrankung durch einen Tierrarzt diagnostiziert und eine Behandlung eingeleitet. Die Erkrankung muss zunächst abklingen, bevor diese Kuh überhaupt zur Schlachtung aabgegeben werden darf."
 

These 3: Die Kühe werden nur auf Leistung gezüchtet

Eine weitere These des Film ist, dass die deutschen Rinder  - allen voran das "Flagschiff" die Holstein-Kuh nur auf Milchleistung gezüchtet werden. Somit würden die Tiere wie es im Titel heißt "verheizt". Die Folge: Die Kühe kämen damit immer früher und krank zum Schlachter. 
 
Fakt ist: Das durchschnittliche Abgangsalter ist in den letzten 15 Jahren stabil geblieben. Es liegt bundesweit bei 5,5 Jahren, so Römer. Auf dem Milchviehbetrieb Lucassen werden die Tiere im Durchschnitt sogar bis zu sechs Jahre alt - und das mit einer Holstein-Herde - laut Mainz Report - die Hochleistungskuh schlechthin. Mindestens seit Anfang 2000 zählt die Lebenserwartung einer Kuh zu einem der Hauptzuchtziele, so Zuchtexpertin Lucassen. Zuchtziele wie "Wohlfühlen und Fitness" haben mittlerweile einen Anteil von 55 Prozent am Gesamtzuchtwert. Die Landwirte hätten schließlich ein Interesse daran, dass ihre Tiere lange leben und gesund bleiben. "Nur gesunde Tiere geben viel Milch", sagte Römer im Interview mit dem SWR, das nicht ausgestahlt wurde.

agrarheute.com meint:

Misstände aufdecken ist das eine und völlig legitim. Es zeugt jedoch nicht von guter journalistischer Praxis, wenn die Gegenseite nicht ausreichend zu Wort kommt. Zwar darf der Vizepräsident des Deutschen Bauernverbands (DBV) Udo Folgart etwas sagen. Von dem rund einstündigen Interview ist im Beitrag jedoch nicht viel mehr übrig geblieben als "Der Kuh in Deutschland geht es von Jahr zu Jahr besser." Seine Begründung dafür wurde offenbar herausgeschnitten. Folgart hatte jedoch laut DBV-Pressemitteilung seine Behauptung, den Kühen gehe es heute besser, mit guten Argumenten untermauert. Ohne Begründung erscheint der Milchpräsident ignorant und unglaubwürdig.
 
Zu Recht enttäuscht zeigt sich auch die Wissenschaftlerin Anke Römer, die in dem immerhin 4-stündigen Interview ein etwas anderes und positives Bild der deutschen Milchviehhaltung zeichnet. Da ist es nur ein schwacher Trost, dass ein Interviewausschnitt in der Online-Mediathek - und auch nicht ganz leicht zu finden ist.
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