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Milchproduktion

Aufreger 'Wegwerfkuh': Extremfälle oder Realität?

von , am
28.05.2015

Für Diskussionsstoff sorgt derzeit das Buch "Die Wegwerfkuh". Die einen fühlen sich schon durch den Titel provoziert. Andere lesen Wahrheiten daraus. Im Kern geht es um das Problem der Wirtschaftlichkeit von Milcherzeugung.

Für Diskussionsstoff sorgt derzeit das kürzlich erschienene Buch "Die Wegwerfkuh". © Blessing Verlag
Die Autorin Tanja Busse bekommt für ihr Buch "Die Wegwerfkuh" reichlich Gegenwind. Einige Landwirte fühlen sich an den Pranger gestellt und unterstellen Busse das Bedienen der Sensationslust der Öffentlichkeit. Tatsache ist, dass die Medien das Buch derzeit gerne aufgreifen - vermutlich auch wegen dem provokanten Titel. Dabei sieht sich die Autorin als Vertreterin des Bauernstands. Und nicht alle sehen in Busses Sachbuch eine Diffamierung der Landwirte.
 
Die Diskussion über die Inhalte des Buches bewegen sich teilweise auf hoher fachlicher Ebene. Schließlich geht es im Kern um die Probleme der Wirtschaftlichkeit, um Kuhgenetik und Managementfaktoren in der Milchviehhaltung. Dabei gehen die Meinungen oft weiter auseinander.

Kostenlose Leseprobe: "Die Wegwerfkuh"

Extremfälle und AbL-Mainstream?

Einige haben für die Autorin keine guten Worte übrig. Der Ton ist teilweise unerbittlich, die Kritik dabei oft wenig konstruktiv. Der Tenor: Die Autorin schreibt das "was der Leser gerne hören würde". Dabei kommt die Autorin selbst aus der Landwirtschaft und versteht sich laut eigenen Aussagen als Fürsprecherin. Dazu sagt ein User auf www.landlive.de
 
"Ich glaub ihr sogar, dass sie es gut gemeint hat mit den Melkern, aber wie heißt es so treffend: das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Wenngleich Busse ziemlich im grünparteilichen ABL-Mainstream schwimmt, und damit eher zur protektionistischen Förderungsmaximiererfraktion gehört, ist ihr zu danken, dass sie die sich ausbreitenden Schattenseiten des Milchmachens ans Licht zerrt. Die Denkschmieden der Bauernverbände haben wieder was zu kauen und verdauen. Mal sehen, was sie draus machen!"
 
Zu dem Punkt 'Lebensdauer der Kühe' schreibt ein Anderer: "Weil hier eben keine Tatsachen beschrieben werden, sondern nur negative Extremfälle. Solche Dinge kommen vielleicht in einzelnen Betrieben mal vor, aber eine Kuh nach so kurzer Zeit in die Schlachtung zu geben, wird schon aus Kostengründen wohl kein Betrieb vorsätzlich so planen. Dabei behauptet sie ja, es würde aus Gewinnstreben keine Kuh mehr als 3 Laktationen im Stall stehen... Nur mal um einen Punkt aus den vielen 'Tatsachen' zu entkräften."

Meinungsverschiedenheit: Lebensdauer und Milchleistung

""Billig" geht nur mit gesunden und damit leistungsbereiten Tieren, die lange leben. Je kürzer das Leben einer Kuh desto geringer ihre Leistung und desto TEURER ist die Produktion jedes einzelnen Liters Milch. Jeder der Kühe hält kennt diesen Sachverhalt. Ich habe gerade durch meine Listen gesehen, bei mir stehen einige Kühe bei 60.000 - 80.000 kg Lebensleistung und einzelne werden soweit man das voraussehen kann auch die 100.000 kg schaffen. Sie sind immer noch gesund und laufen mit geradem Rücken zügig durch den Stall. Nicht die Kühe die nach 3 Laktationen abgehen produzieren die billige Milch, sondern die die deutlich über 50.000 kg Lebensleistung schaffen."
 
Ein anderer User entgegnet dazu: "In vielen Betrieben gibt es solche Ausnahmekühe, aber die Realität ist auch, dass die durchschnittliche Lebensleistung von Kühen beim Abgang ca. 20.000 kg ist, je nach Rasse natürlich unterschiedlich hoch - und auch von Betrieb zu Betrieb sehr verschieden. So gibt es durchaus Hochleistungsbetriebe, die eine Abgangsleistung von 40.000 kg und mehr haben. Durchschnittliches Abgangsalter ca. 5 - 6 Jahre."
 
Eine Landwirtin schreibt zu dem Thema: "Ich bin gegen die Darstellung der Wegwerf Kuh - weil sicher den meisten Landwirten an der Gesundheit und Lebensqualität ihrer Tiere viel liegt, nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen. Micht stört allerdings zunehmend der "Wettbewerbsdruck" der von Beratern und anderen Institutionen ausgeübt wird. Hohe Leistung ist nicht automatisch das wirtschaftlichste. Uns hat man in der Ausbildung noch gesagt - Maximum ist nicht das Optimum - mit zunehmender Erfahrung stimme ich dem immer mehr zu. Meine persönliche Meinung ist, dass beim HF viel zu lange nur auf Leistung gezüchtet wurde. Habe selbst schon HF erlebt die sicht tatsächlich quasi "tot" gemolken haben - krank aber trotzdem (zu-) viel gemolken - nur man kann so ein Tier nicht abstellen und sagen werd erst mal wieder gesund. Setzen seit Jahren teilweise auf Kreuzungen, die melken auch sehr gut, sind aber robuster."
 

Bauer Willi sucht den Dialog

Last, but not Least meldete sich auch Bauer Willi zu Wort und konfrontierte die Autorin: "Wir Bauern fühlen uns durch Dein Buch angegriffen, ja fast diffamiert. Wieder sollen wir als "die Bösen" dargestellt werden. Kannst Du nachvollziehen, wenn manche Bauern wütend reagieren? Weiter fordert er Lösungsansätze von der Autorin: "Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn Zustände kritisiert werden, die nicht in Ordnung sind. Doch Kritik ist immer einfach.
 
Das Buch habe jedoch den Landwirt Willi, so seine Aussage, in einigen Punkten nachdenklich gemacht. "Was die Lösungen angeht, so bleiben bei mir persönlich Zweifel, dass die Vermarktung so funktionieren kann. Die Einbindung der Schulkinder und Lehrer in die Lebensmittelproduktion finde ich eine sehr gute Idee. Wir werden in jedem Fall im Dialog bleiben.
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