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Haltung und Mast

Blutschwitzerkrankheit durch BVD-Impfung ausgelöst

von , am
11.02.2014

Forscher haben nun die Ursache für die Blutschwitzer-Krankheit BNP (Bovine Neonatale Pancytopenie) herausgefunden und geben Tipps im Umgang mit der Biestmilch betroffener Mutterkühe.

Bei BNP-Kälbern tritt Blut aus diversen Körperöffnungen und der Haus aus. © LMU
In den Jahren 2007 bis 2010 hatte das vermehrte Auftreten von Blutschwitzer-Kälbern für Aufsehen gesorgt. Schon recht bald geriet der BVD-Impfstoff PregSure des Arzneimittelherstellers Pfizer (heute Zoetis) unter Verdacht. Dieser Verdacht wurde nun bestätigt.
 
In den vergangenen drei Jahren erforschten Arbeitsgruppen an verschiedenen deutschen Hochschulen die Gründe für die Blutschwitzerkrankheit. Professor Dr. Klaus Doll von der Justus-Liebig Universität Gießen leitete dieses Forschungsprojekt und legte jetzt den Abschlussbericht vor. Demnach gibt es einen "eindeutigen Zusammenhang zwischen der Impfung mit PregSure ® BVD (Firma Pfizer) und dem Auftreten von Boviner Neonataler Pancytopenie (BNP) gibt." Ein positiver Zusammenhang habe zudem zwischen dem Auftreten von BNP einerseits und der Impfhäufigkeit (Grundimmunisierung und regelmäßige Auffrischungs-Impfungen) in den Betrieben sowie der Art der Kolostrumverabreichung (höhere Inzidenz bei Einsatz von Mischkolostrum) andererseits bestanden.

Empfehlungen zum Umgang mit der Biestmilch betroffener Mutterkühe

2010 wurde der Verkauf von PregSure in Deutschland zwar eingestellt und 2011 hatte Pfizer die Zulassung des Impfstoffs selbst zurück gegeben, dennoch treten immer wieder BNP-Fälle auf. Betroffen sind Kälber von mit PregSure®BVD-geimpften Kühen. Um die Kälber zu schützen,  muss das Kolostrum dieser Kühe entsorgt werden. Es wird sogar vermutetet, dass geimpfte Kühe ihr Leben lang gefährliches Kolostrum produzieren.
 
Die Klinik für Wiederkäuer der Ludwig-Maximillians-Universität München hat einige Empfehlungen für den Umgang mit der Biestmilch betroffener Kühe zusammengestellt. Demnach sollten Landwirte, die Bluter-Kälber im Stall hatten, Folgendes beachten: 
  • Das Kolostrum einer Kuh, die in der Vergangenheit schon (mindestens) ein Kalb zur Welt gebracht hatte, welches das Krankheitsbild der BNP entwickelte, nachdem es das Kolostrum dieser Kuh aufgenommen hatte, sollte NICHT mehr vertränkt (- allenfalls zu Forschungszwecken verwendet werden!)
  • Von der Verwendung von Fremdkolostrum wird abgeraten, da nachfolgend ein starker Anstieg von Neugeborenenproblemen zu befürchten ist.
  • Die Kälber von "Blutermüttern" sollten Biestmilch von Kühen (aus dem eigenen Bestand) erhalten, von welchen bislang nicht beobachtet wurde, dass nach Verwendung deren Kolostrum das entsprechende Kalb an BNP erkrankt war. Das Risiko von weiterem Auftreten von BNP kann zwar mit dieser Vorgehensweise nicht ausgeschlossen, aber deutlich gesenkt werden. Vorzugsweise kann dabei Biestmilch der Nachzucht verwendet werden, die nicht mehr mit PregSure BVD® geimpft ist.
  • Das Vertränken von Mischkolostrum sollte nicht durchgeführt werden, denn wenn eine der "Biestmilchspenderinnen" eine potentielle Blutermutter ist, könne die Konzentration der "krankmachenden" Antikörper trotz der Verteilung auf verschiedene Portionen (und somit reduzierte Menge pro verabreichte Portion) noch ausreichend sein, um die Krankheit auszulösen. Das kann zur Folge haben, dass mehrere BNP-Kälber "entstehen".
  • In Betrieben mit außergewöhnlich vielen Blutschwitzer-Fällen sollte ein individuell zusammengestelltes Biestmilchmanagement ausgearbeitet werden.

Zahl der betroffenen Kälber unklar - hohe Dunkelziffer vermutet

BNP tritt geschlechts- und rasseunabhängig in den ersten drei bis vier Lebenswochen bei Kälbern auf. Die Tiere sind deutlich geschwächt, weisen sowohl innere als auch äußere Blutungen auf und verenden meist innerhalb kurzer Zeit. Für Deutschland kursiert die Zahl von rund 1.600 bekannt gewordenen Krankheitsfällen. Die Interessengemeinschaft Blutschwitzer geht jedoch davon aus, dass die Dunkelziffer wesentlich höher ist, da viele Kälber, die nicht nach außen bluten, nicht als Bluter-Kälber erkannt werden und nicht jeder auftretende Fall gemeldet werde. Darüber hinaus seien in anderen europäischen Ländern im Jahr 2010 2.000 Fälle gemeldet gewesen, berichtete Pfizer in einer Pressemitteilung.
 
Zu den betroffenen Ländern gehörten Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Luxemburg, Schottland, England, Italien, Spanien, Ungarn, Irland, Polen und selbst in Neuseeland wurde BNP festgestellt. "Dagegen gibt es in Österreich, Schweiz und Dänemark keine BNP-Problematik - in diesen Ländern wird keine BVD-Impfung durchgeführt", schreibt die Klinik für Wiederkäuer der Ludwig-Maximillians-Universität München.

Fremde Rinderzellen im Impfstoff führt zur Bildung von Antikörpern

Laut dem vorgelegten Abschlussbericht fanden die Forscher heraus, dass der Impfstoff neben dem erwünschten BVD-Virus auch fremde Rinderzellen enthält. Die Rinderzellen stammen von der Zellkultur, die für die Vermehrung des Virus bei der Herstellung notwendig sei. Durch die Impfung wurden die Rinder nicht nur gegen BVD immunisiert, sondern auch gegen die Rinderzellen aus der Zellkultur, erläutert Tierarzt Dr. Mark Holsteg vom Rindergesundheitsdienst der LWK Nordrhein-Westfalen das Forschungsergebnis.
 
Geimpfte Tiere zeigten selbst keine Krankheitserscheinungen, aber sie verfügten über unerwünschte Antikörper (Abwehrstoffe) gegen fremde Rinderzellen. Geimpfte Muttertiere übertrügen diese unerwünschten Antikörper auf das Kalb und könnten damit das Krankheitsbild des Blutschwitzens auslösen. Ob die Krankheit ausbreche, hänge in erster Linie vom "Verwandtschaftsgrad" von Kalb und Mutter bzw. Vater und der Zellen aus der Zellkultur ab. 
 
Bei erkrankten Kälbern fehlten die für die Blutgerinnung erforderlichen Blutplättchen (Thrombozyten). Die über das Kolostrum von der Mutter aufgenommenen Antikörper führten zu einer Zerstörung der Blutplättchen und der blutbildenden Zellen im Knochenmark. Durch die Schädigung des Knochenmarks sei nicht nur die Produktion der Blutplättchen gestört, sondern auch weiße Blutzellen (Leukozyten) würden nicht mehr in ausreichender Menge gebildet. Ohne weiße Blutzellen ist der gesamte Organismus immungeschwächt und damit einer erhöhten Infektionsgefahr ausgesetzt. Daher müssen in PregSure®BVD-geimpften Herden häufiger Behandlungen bei den Kälbern durchgeführt werden.

Interessengemeinschaft Blutschwitzer will Schadensersatzansprüche bündeln

Inzwischen hat sich auch eine Interessengemeinschaft Blutschwitzer gebildet, um berechtigte Ansprüche von geschädigten Züchtern und Landwirten zu bündeln und geltend zu macht. Dr. Holsteig meint dazu: "Durch das jetzt veröffentlichte Gutachten des BLE sind die Chancen gegenüber dem Hersteller einen finanziellen Ausgleich durchzusetzen sehr gut."
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