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Rinderzucht

Bulle Cinema: Kein großes Kino

Bulle-Cinema
am Freitag, 09.08.2019 - 05:00

Mit seiner geschätzten Leistungsvererbung sorgte er im Dezember 2014 für Aufsehen: Der Bulle Cinema versprach eine starke Leistungs- und Exterieurvererbung, doch seine Töchter können dieses Niveau nicht halten.

So etwas hatte es noch nie gegeben: Ein Gesamtzuchtwert (RZG) von 173 katapultierte den Bullen Cinema im Herbst 2014 an die Spitze der genomisch geprüften Holsteins. Damit hatte er sieben Punkte Vorsprung vor der damaligen Nummer zwei der Liste, seinem Vollbruder Chevalier. Dieser wurde ebenfalls hoch gehandelt und enttäuschte zwischenzeitlich. Die Basis für Cinemas hohe Beurteilung war eine unglaubliche Leistungsvererbung: +3.566 kg Milch, -0,20 Prozent Fett, 120 kg Fett, -0,10 Prozent Eiweiß, + 109 kg Eiweiß und ein Relativzuchtwert Milch (RZM) von 167.

Gezogen wurde der am 26. Dezember 2013 geborene Cinema von Tirsvad-Anderstrup in Dänemark aus einer Snowman- Tochter. Mittlerweile ist der damalige Star des Vereins Ostfriesischer Stammviehzüchter eG (VOST) töchtergeprüft und hat 400 Töchter in über 200 Betrieben. Doch die Versprechen von damals konnte er nicht einhalten.

Er bestätigt sich als überragender Milch-mengenverbesserer. Seine großen Schwächen sind aber die schlechte Fruchtbarkeit seiner Töchter, Exterieurmängel wie ein stark ansteigendes Becken und sein schlechter Konditionszuchtwert mit einem Body Condition Score (BCS) von 88. Daher sollte er heute nur noch individuell angepaart werden, keineswegs aber generell empfohlen.

Überholt von der Konkurrenz

Viele der damals weniger wertvoll eingeschätzten Jungbullen erweisen sich heute als deutlich ausgeglichener in der Vererbungsleistung und übertreffen den damaligen Spitzenreiter auf Basis des seit 2014 kaum veränderten Gesamtzuchtwerts. Sogar sein Stallgefährte, der Bulle Bartoli, der ebenfalls in Besitz des VOST ist, wird derzeit sieben RZG-Punkte höher bewertet als Cinema.

2015 wurde Bartoli noch deutlich weniger wertvoll eingeschätzt. In der Liste der nachkommengeprüften Bullen befindet sich Cinema heute nicht mehr unter den Top 50.

Fokus auf Milchinhaltsstoffe

Von den ehemals hoch eingeschätzten Vererbungsmerkmalen ist Cinema heute nur noch die Verbesserung der Milchmenge geblieben. Doch dabei stellt sich die Frage, ob er damit für die grünlandbasierte Milcherzeugung – speziell in Ostfriesland – generell zu empfehlen ist. In den letzten 100 Jahren hat sich in der ostfriesischen Zucht viel getan: Das Leistungsniveau wurde im Mittel auf 9.000 kg Milch angehoben und der Milchfettgehalt um etwa 1 Prozent gesteigert.

Hohe Milchfett- und Milcheiweißleistungen lassen sich bei einer grasreichen Fütterung mit begrenzter Kraftfuttergabe vor allem über eine gezielte Erhöhung der Milchinhaltsstoffe erzielen. Besonders in Ostfriesland wurde dieser Grundsatz im vergangenen Jahrhundert erfolgreich umgesetzt.

Aus Sicht der Futtereffizienz sollten also auch in Zukunft die Milchinhaltsstoffe konsequent berücksichtigt werden. Daher kann Cinema nicht generell als Besamungsbulle empfohlen werden. Er verbessert zwar einseitig die Milchmenge, gleichzeitig mindert er aber die Milchinhaltsstoffe, senkt deutlich die Fruchtbarkeit der Kühe und vererbt darüber hinaus Schwächen im Exterieur. Und auch seine hochgelobten Söhne sind längst aus den Top-Listen wieder verschwunden.

Fazit

Vor rund fünf Jahren wurde Cinema als Überflieger hoch eingestuft. Heute zeigt er mit seinen Töchterergebnissen sein wahres Vererbungsmuster und hält leider nicht umfassend, was damals vorausgesagt wurde. Besonders hervorzuheben ist seine starke Verbesserung der Milchmengenleistung. Gleichzeitig zeigen seine Töchter aber eine unbefriedigende Fruchtbarkeitsleistung.

Auch im Exterieur offenbart er aufgrund der Töchterprüfungen deutliche Schwächen. Er vererbt ansteigende Becken, eine unterdurchschnittliche Sprunggelenkqualität und kurze Striche. Daher sollte Cinema vor allem für individuelle Anpaarungen mit Kühen genutzt werden, die zwar seine Milchmengenverbesserung benötigen, gleichzeitig aber die Fruchtbarkeits- und Exterieurmängel ausgleichen können.

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