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Haltung und Mast

BVD: Biosicherheit im Milchviehbetrieb

von , am
15.01.2014

München - Fieber, Nasenfluss und blutige Durchfälle: BVD-Erreger sind hochgradig gefährlich. Biosicherheit soll die Infektionsgefahr eindämmen.

Wieviel kostet Biosicherheit pro Kuh? Eine Frage für die Arbeitsgruppe um Prof. Johannes Holzner. Lukas Hahn, Alfons Fischer, Joel Küstner, Barbara Schröppel und Johannes Holzner (v.l.) © RKopf
Schlechte Besamungsraten, abfallende Milchleistung, Probleme bei den Frischabkalbern. Muttertiere eutern vor der Geburt nicht richtig auf, bringen lebensschwache Kälber zur Welt. Aborte und Fehlgeburten inklusive. So berichtet Landwirt Wilhelm Neu aus dem nordrhein-westfälischen Hamminkeln seine Erfahrungen mit der hochgefährlichen Bovine-Virus-Diarrhoe (BVD). Biosicherheit ist für den Praktiker ein bedeutender Spieler bei der Gefahrenabwehr.

Und genau darum ging es bei der DLG-Wintertagung am Dienstag im Messezentrum in München: "Biosicherheit im Milchviehbetrieb". Das heißt, "Wie schütze ich meine Herde" und "Lohnt sich ein Hygienemanagement unter wirtschaftlichen Aspekten?" Rund 80 Zuhörer, darunter Wissenschaftler und Praktiker, verfolgten die Vorträge.

Plötzlich positive Tiere im Bestand

"1,6 Millionen kg Milchquote, 230 Milchkühe mit 200 Tieren weibliche Nachzucht, durchschnittliche Leistung 9.000 kg Milch, 160 ha Betriebsfläche", stellte der Landwirt Neu seine Eckdaten vor. Im Dezember 2012 erfolgte ein Wachstumsschritt. Der Betriebsleiter hatte den Nachbarbetrieb aufgekauft. 30 Kühe und 30 Teile weibliche Nachzucht wechselten den Besitzer. "Die Papiere waren sauber. Sowohl in Richtung BHV1 als auch in Richtung BVD", berichtete der Milchviehhalter. Knapp zwei Monate später, im Februar 2013, kam es zu den ersten Leistungsabfällen in der Herde. Im September 2013 wurden die ersten Kälber mit positiver Ohrstanzprobe geboren. "Da war klar, was pasiert war", erinnert sich Neu. "Mit dem Einkauf haben wir uns BVD reingeholt."
 
Auf 90.000 Euro beziffert der Betriebsleiter die Schadenshöhe. Das endgültige Ergebnis stehe allerdings noch aus. "Mittlerweile", so der Landwirt, "ist alles repariert". Zusammen mit dem Tierarzt habe sich Neu entschlossen, zu impfen. Damit habe der Betrieb den Status "BVD-frei" erlangt. Die Schutzimpfung ist aus Sicht des Praktikers sehr wichtig, denn: "Bricht die Krankheit in einem nicht geschützten Bestand aus, sind die Ausmaße verheerend", weiß er.

Impfen auch bei BVD-Typ 2

Bei der Bekämpfung von BVD-Typ 1 konnte das Virus durch Impfen und Ausmerzen von sogenannten persistent infizierten Tieren stetig zurückgedrängt werden. Beim Typ 2c sind allerdings keine marktfähigen Impfstoffe verfügbar. Der Landwirt aus Nordrhein-Westfalen spricht sich dennoch auch in diesen Fällen für das Impfen aus. Zwar sei der Lebensimpfstoff für BDV-Typ 1 für den Typ 2 unzureichend, aber er könne Erkrankungsspitzen und das Ausmaß abmildern.
 
Darin bestätigt ihn auch Referent Dr. Mark Holzsteg vom Tiergesundheitsdienst der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen. Neben der Impfung rät er zu Hygienemaßnahmen: "Biosicherheit hat einen hohen Stellenwert zum Schutz der Herden - je größer der Bestand, desto wichtiger", sagte er. Aus seiner Sicht seien besonders Personen wie Klauenschmied, Besamer, Tierarzt, Fahrzeuge wie (Kadaver-)Transporter und Maschinen (Gülletransporter) sowie Tierhändler, die in die Betriebe kommen, zu kontrollieren. Er verdeutlicht: "Nur ein Gramm Kot würde reichen, um mehrere tausend Tiere zu infizieren. Das heißt, man sollte sich gut überlegen, ob mit kontaminierten Gummistiefeln die Abkürzung über den Futtergang sein muss."

Gefahren abwehren - Gesetz kommt

Welche Möglichkeiten aber hat ein Betriebsleiter zur Gefahrenabwehr? Und warum das alles? Zunächst die Frage des "Warums": Holsteg begründete: "Am 1. Mai 2014 tritt das Tiergesundheitsgesetz in Kraft." Es besagt, laut Darstellung des Referenten, dass jeder Tierhalter die allgemeine Pflicht hat, zur Vorbeugung von Tierseuchen, dafür Sorge zu tragen, dass diese weder in noch aus dem Bestand geschleppt werden. "Das kann unter Umständen zur Haftbarkeit führen", so Holsteg. 
 
Sodann zeigte er einige praktisch umsetzbare Maßnahmen zur Biosicherheit.
Demnach sollten für betriebsfremde Personen Räume zur Verfügung stehen, wo sie Hände waschen und Kleidung sowie Schuhe wechseln können. Für den Fahrzeugverkehr gelte, Einfahrt kontrollieren und Seuchenwannen bereitstellen. Für Verkauftiere sei ein separater Verladestall von Vorteil. Kadaver sollten am Rande des Betriebsgeländes gelagert und abgeholt werden. "Beim Tierverkehr bietet ein geschlossenes System den höchsten Schutz", so Holsteg. Das klappt nicht immer, wie die Praxis zeigt. Also, laut Holsteg: Zukauf nur aus kontrollierten Beständen, Einhalten der Quarantäne, Impfung.

Wirtschaftliche Aspekte

Was kostet das ganze, wenn man diese Maßnahmen befolgt? Die Frage hat sich die Arbeitsgruppe um Prof. Johannes Holzner gestellt. Studierende des siebten Semesters an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf haben gerechnet. "Mit steigender Ausbaustufe der Sicherheit steigt der Kapitaleinsatz", erklärte Holzner. Aber gleichzeitig vermindere sich der das Risikopotenzial, die Krankheitserreger in die Herde zu schleppen. Für ein "Standart-Maßnahmenpaket", wie Holsteg es vorgestellt hat,  kalkuliert das theoretische Modell Mehrkosten von 70 Euro pro Kuh. 
 
Als Fazit stellte der Sprecher der Arbeitsgruppe heraus: "Dass ein erheblicher Schaden im BVD-Fall möglich ist. Das Gefahrenpotential der Krankheit ist sehr hoch. Daher ist die Biosicherheit elementar. Schutzimpfungen sind trotzdem notwendig."

Ziel auf EU-Ebene

Wie Prof. Hans-Joachim Bätza, Bundesministerium für Ernähung und Landwirtschaft, Berlin, herausstellte, ist die Bekämpfung von BVD auf gutem Wege. Seit dem 1. Januar 2011 wird sie mit staatlichen Maßnahmen bekämpft. Seitdem wurden etwa 9,7 Mio. Rinder untersucht. "Die Prävalenz bezogen auf geborene persistent infizierte Rinder konnte von 0,36 auf 0,2 Prozent gesenkt werden."
 
Ziel müsse es jetzt sein, so Bätza, dass BVD auf EU-Ebene als bekämpfungspflichtige Tierseuche anerkannt wird. Aus seiner Sicht sollte "Biosicherheit so viel als möglich getroffen werden. Aber wir wollen unsere Rinderhaltung nicht als Hochsicherheitstrakt ausbauen."
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